Raja Alem, geboren 1970 in Mekka, studierte Englische Literatur in Dschidda, Saudi-Arabien, und hat Romane, Theaterstücke sowie Kurzgeschichten publiziert. Sie hat für ihr Werk zahlreiche Preise erhalten, darunter den renommierten International Prize for Arabic Fiction (Arabic Booker) für den Roman Das Halsband der Tauben. 2014 wurde sie mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet. Raja Alem lebt in Dschidda und Paris.
Buchtipp: Raja Alems Roman „Sarab“

Verwirrung der Geschlechter in Mekka

Am 20. November 1979 haben militante Islamisten die Große Moschee in Mekka besetzt. Bei der zweiwöchigen Belagerung der heiligsten Stätte des Islam wurden Hunderte getötet. Dieses einschneidende Ereignis bildet den Hintergrund für Raja Alems neuen Roman „Sarab“, eine ungewöhnliche Geschichte über Liebe, Gewalt und Geschlechterfragen. Von Marcia Lynx Qualey

Für die saudische Literatur sind die gewalttätigen Ereignisse, die Ende 1979 die Große Moschee in Mekka erschütterten, ein zentraler Bezugspunkt. Zwar gibt es kaum direkte literarische Erinnerungen an die 15-tägige Belagerung der Großen Moschee, aber die Schatten der Ereignisse hängen über einer ganzen Reihe von aktuellen Werken.

In Where Pigeons Don't Fly (2009) von Yousef Al-Mohaimeed leidet der Hauptdarsteller darunter, dass sein Vater einer der Täter war. Und in Badriya El-Bishr’s Love Stories on al-Asha Street (2014) bricht einer der Protagonisten auf, um sich den Kämpfern anzuschließen.

Raja Alem,1970 in Mekka geboren, geht die Ereignisse in ihrem neuen Roman Sarab (2018) direkter an. Die Autorin erwähnt die Belagerung nicht nur, sondern beschreibt die tägliche Chronik der Ereignisse vom ersten Angriff bis zu jenem Moment, in dem sich die heilige Stätte in eine offene Abwassergrube mit verängstigten, defäkierenden Männern und verrottenden Leichen verwandelt. Auf Arabisch ist der Roman noch nicht erschienen, aber er wurde von Hartmut Fähndrich ins Deutsche und von Leri Price ins Englische übertragen und in beiden Sprachen bereits veröffentlicht. Alems Agentin sagte in einem Interview, es sei „möglich, dass der Roman irgendwann auch auf Arabisch erscheint, aber angesichts der Schwierigkeiten, die das wahrscheinlich mit sich bringen würde, hat die arabische Fassung derzeit keine Priorität für die Autorin.“

Alems preisgekrönte Werke wurden bereits sowohl auf konventionelle als auch auf ungewöhnliche Weise übersetzt: Ihr Roman Das Halsband der Tauben, der 2011 den International Prize for Arabic Fiction, den wichtigsten Preis für Belletristik im arabischen Sprachraum, gewann, wurde von dem Übersetzer Hartmut Fähndrich ins Deutsche übertragen. Zwei frühere Romane, Fatma (2002) und My Thousand and One Nights (2007), hat Alem gemeinsam mit dem Schriftsteller Tom McDonough verfasst und übersetzt. Ihren jüngsten Roman Sarab hat die Autorin über einen Zeitraum von zehn Jahren auf Arabisch geschrieben und dann gemeinsam mit ihren englischen und deutschen Übersetzern und Herausgebern bearbeitet.

Im Roman beginnt Sarabs Geschichte, als zwei Charaktere nach dem gewaltsamen Ende der Belagerung in ein nahegelegenes Haus fliehen. Da ist zunächst die Hauptfigur Sarab, die zu den Angreifern gehört. Der zweite Protagonist ist ihr Gefangener Raphael, ein Mitglied der französischen Eingreiftruppe GIGN, die an der Rückeroberung der Moschee beteiligt war.

Das saudische Trauma

Die Belagerung der Großen Moschee hat Saudi-Arabien erschüttert. Der Angriff begann nach dem gregorianischen Kalender am 20. November 1979 und nach dem islamischen Kalender am ersten Tag des Jahres 1400. Tausende Pilger befanden sich im Innenhof der Großen Moschee, als einige hundert Kämpfer das Gotteshaus mit seinem unterirdischen Labyrinth besetzten und sich gegen tausende saudische Soldaten zur Wehr setzten, die von pakistanischen und französischen Einheiten unterstützt wurden. Nach 15 Tagen Belagerung war offiziell von etwa 300 Todesopfern und weiteren tausend Verletzten die Rede. 63 Aufständische wurden im Juni 1980 öffentlich enthauptet.

Buchcover des Roman "Sarab" von Raja Alem. Foto: UnionVerlag / SWR
Liebesgeschichte zur Geburtsstunde des islamistischen Terrors: An einem Morgen des Jahres 1979 hält die Welt den Atem an. Ein Trupp von terroristischen Fanatikern besetzt die Große Moschee in Mekka und nimmt Tausende von Gläubigen als Geiseln. Unter den Aufständischen, in Männerkleidern versteckt, ist das Mädchen Sarab. Als der Gegenangriff beginnt und es Fallschirmjäger vom Himmel regnet, flieht sie in die Katakomben und stößt auf einen bewusstlosen französischen Soldaten. Durch einen Abwasserkanal schleppt sie ihn ins Freie und versteckt sich mit ihm in einer leeren Wohnung. Zwischen den beiden, die sich zunächst bis aufs Blut hassen, beginnt eine Geschichte, die in Mekka, dann in Paris, alle Grenzen überschreitet.

Diese Ereignisse blieben lange in der nationalen Erinnerung Saudi-Arabiens präsent. Ähnlich wie die Anschläge von 2001 die soziopolitische Landschaft in den USA auf den Kopf gestellt haben, veränderte sich auch Saudi-Arabien durch den Sturm auf die Große Moschee. Die Reaktion der saudischen Regierung auf diesen verkappten Putsch bestand im Wesentlichen darin, sich den fundamentalistischen Islam der Aufständischen selbst anzueignen.

Alems Roman zeigt ein intensives Interesse an den harten physischen Details dieser 15 Tage, beschäftigt sich aber auch mit den Ursachen des Aufstands und seinen Folgen. Alem sagt, sie habe für das Buch extra Interviews mit Zeitzeugen geführt, und so zeichnet Sarab ein etwas anderes Bild der Ereignisse, das sich von der offiziellen Version des saudischen Königshauses unterscheidet. Alle Quellen sind sich jedoch einig, dass die Aufständischen von Juhayman al-Otaybi und seinem Schwager Mohammed Abdullah al-Qahtani angeführt wurden, der sich für den Mahdi hielt, jene Erlöserfigur, die islamischen Prophezeiungen zufolge kurz vor dem Ende der Welt erscheinen soll.

Sarab und ihr Bruder Saif – beides fiktive Charaktere – schließen sich nach dem Tod ihrer Mutter dem Anführer der Aufständischen, Juhayman al-Otaybi, an. Die Kämpfer wissen jedoch nicht, dass es sich bei Saifs angeblichem Bruder Sarab um ein Mädchen handelt. Vielleicht kann sich sogar Saif selbst nicht mehr daran erinnern, dass sie ein Mädchen ist, denn Sarab kleidete sich bereits seit ihrer Kindheit wie ein Junge. Jetzt wird sie als Mitglied der Kerngruppe von Kämpfern akzeptiert.

Geschlechterzugehörigkeit und Identität

Das Überschreiten von Geschlechtergrenzen ist zentral für den Roman. Bereits zu Anfang erhält der Leser den Eindruck, Sarab sei ein schmächtiger saudischer Mann, der einen muskulösen französischen Elitesoldaten entführt hat. Aber als klar wird, dass es sich bei Sarab um eine Frau handelt, entsteht aus der zunächst homoerotischen Spannung eine heterosexuelle Liebesgeschichte.

Der Leser erfährt, dass Sarab von ihrer Mutter in eine männliche Identität gezwungen worden ist. Die Mutter war offensichtlich frustriert von den Einschränkungen in ihrem Leben als Frau. Sarabs Mutter erwartete eigentlich mehr vom Leben und richtete ihre Hoffnung dann darauf, aus ihren beiden Kindern – Sarab und ihrem Bruder Saif – starke junge Männer zu machen. Als Sarab ihre erste Monatsblutung bekommt, ist sie selbst erstaunt, aber ihre Mutter wird wütend. Die Mutter zeigt ihr, wie sie diese „Schande“ verstecken kann, damit niemand merkt, dass Sarab eine Gebärmutter hat.

Als Sarab im Lager der Aufständischen Seite an Seite mit ihren zukünftigen Mitkämpfern lebt, wird ihr Unterleib zu einer Quelle der Angst. Sie muss verhindern, sich während der Periode völlig mit Blut zu besudeln und ihre Monatsbinden aus Lumpen unauffällig waschen und trocknen. Auf wundersame Weise schafft sie es, ihren weiblichen Körper zu verbergen.

Sarabs Verwandlung in einen männlichen Kämpfer bleibt nicht die einzige Überschreitung der Geschlechtergrenzen im Roman: Um nach dem Ende der Besatzung zu entkommen, ziehen sich Sarab und der von ihr entführte französische Soldat Raphael beide Frauenkleider an. Als Sarab dann nach Paris geschmuggelt wurde, weiß sie nicht, wie sie sich in dieser neuen Umgebung kleiden soll. Obwohl sie sich nun an einem sicheren Ort befindet, kann sie sich nicht von den Folgen des Angriffs auf die Große Moschee befreien. Für sie endet dieses Kapitel auch nicht mit den 63 Hinrichtungen im Juni 1980. Denn einige Rebellen können entkommen und finden in der Wüste ein neues Versteck, wo sie sich niederlassen, um danach Sarab zu verfolgen. Sie wollen den Körper Sarabs unterwerfen, ihre Bewegungsfreiheit einschränken und ihren Willen, sie selbst zu sein, brechen. Über den ganzen Roman hinweg verlieren sie dieses Ziel nie aus den Augen.

In Interviews hat Alem angedeutet, sie habe das Buch deshalb bisher nicht auf Arabisch veröffentlicht, weil sie mit der Qualität der Sprache noch nicht zufrieden sei. So gesehen, lassen sich beide Übersetzungen – ins Englische und ins Deutsche – als Entwürfe sehen. In der Tat können wir nur hoffen, dass auch das überarbeitete „Original“ erscheint und wiederum neue Übersetzungen nach sich zieht.

 

Marcia Lynx Qualey

© Qantara.de 2019

Raja Alem: „Sarab“, Roman, 352 S., Unionsverlag 2018, ISBN-10: 9783293005297

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