Im Namen der Republik: Demonstranten mit einem Porträt Mustafa Kemal Atatürks

Buchtipp: "Geschichte der Türkei“
Und was kommt nach Erdogan?

Ohne den strengen Nationalismus könnte dieses Land sein Potential richtig entfalten: Maurus Reinkowski lotet hundert Jahre türkische Politik aus. Von Stefan Plaggenborg

Die Geschichte der Türkei im zwanzigsten Jahrhundert kennt den Wandel vom politisch, militärisch und wirtschaftlich erodierten Osmanenreich zur Republik Türkei, die heute zu den G-20-Staaten gehört. Für Jahrzehnte bildete die grundstürzende Modernisierung Mustafa Kemal Atatürks in den Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts das Zentrum einer scheinbar ganz neuen Geschichte dieses Landes. Seit gut einem Jahrzehnt jedoch scheint die „moderne“ Türkei von der islamistischen Reaktion politisch, institutionell und kulturell demontiert zu werden. Der im neunzehnten Jahrhundert eingeschlagene lange Weg nach Europa hat eine Kehre genommen. 

Maurus Reinkowskis „Geschichte der Türkei“ ist eine politische Geschichte der Türkei, in der das Handeln der politischen Akteure und das Staatshandeln im Vordergrund stehen. Ausführungen zur Wirtschaft kommen wenige vor, sozialgeschichtliche Beschreibungen und Analysen sowie Kulturgeschichte, die über den Bereich von Religion und politischer Kultur hinausgeht, fehlen. Aber das ist die Absicht des Autors, der auf diese Weise seine Stärken als Islamwissenschaftler ausspielen kann. 

Ambivalenzen des historischen Neuanfangs 

Sein Buch enthält eine fein nuancierte, auf drei Gegensätze abhebende Darstellung: den von der säkularen und religiösen Türkei, die damit zusammenhängenden Konflikte zwischen der Politik urbaner und ländlicher Milieus und das politisch relevante gefühlsgeschichtliche Spannungsverhältnis von Zuversicht und Zorn, worunter „der rasche Wechsel von Helden- und Opferrolle, von Virilität und Fragilität“ zu verstehen sei. 

Wie sehr die Reformen Atatürks an die Europäisierung und Modernisierung im Osmanenreich seit dem ausgehenden achtzehnten Jahrhundert anschließen, legt Reinkowski systematisch und präzise dar. Auch die späte Entstehung und Radikalisierung des Nationalismus der Jungtürken, deren Regierung den Genozid an den christlichen Syrern und Armeniern des Osmanenreiches 1915 zu verantworten hat, sowie die Kontinuität der jungtürkischen Elite in die 1923 gegründete Republik Türkei hinein gehören zu den Ambivalenzen des historischen Neuanfangs. 

Buchcover „Geschichte der Türkei. Von Atatürk bis zur Gegenwart“ von Maurus Reinkowski. (Foto: C.H. Beck Verlag)
Überzeugende Darstellung der Geschichte der Türkei in ihrer politischen Logik: Der Islamwissenschaftler Maurus Reinkowski erzählt die Geschichte der Türkei am Leitfaden der innen- und außenpolitischen Umschwünge und macht dabei auf meisterhafte Weise die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Spannungen deutlich, die das Land zwischen Orient und Okzident bis heute prägen.

Kontinuierliche Repressionen 

Dennoch war die historische Zäsur tief. Durch die mit dem Namen Atatürk verbundenen Reformen und die politische Dominanz der Kemalisten habe sich der „kemalistische bürokratisch-intellektuell-judikativ-militärische Komplex“ herausgebildet, was meint, dass die Kemalisten den Staat beherrschten und unter gebildeten Städtern ihre Anhänger hatten, kaum jedoch auf dem Land und unter Gläubigen der sunnitischen Orthodoxie. 

Nun bestand aber einer der folgenreichsten Widersprüche des säkularen, ideologisch oszillierenden kemalistischen Projekts darin, die türkische Nation im laizistischen Staat mit Hilfe des Islam zu definieren. Ein Türke sollte nicht nur – wie einer der politischen Slogans der frühen Republik lautete – glücklich sein, sich Türke nennen zu dürfen, sondern sich durch seinen sunnitischen Islam von anderen in nationaler Hinsicht unterscheiden. Dieser ausgrenzende Nationalismus angesichts einer religiös und ethnisch heterogenen Bevölkerung im türkischen „Nationalstaat“ blieb die Konstante politischen Handelns aller türkischen Regierungen bis heute. Die Kontinuität der nationalistischen Repression traf nicht nur die größte Minderheit der Kurden, sondern auch die nach dem „Bevölkerungsaustausch“ 1923 noch verbliebenen Istanbuler Griechen sowie Juden, Armenier und Aleviten. 

Bomben auf aufständische Kurden 

Reinkowski weist aber noch auf einen anderen Widerspruch hin. Der Nationalismus konnte den Kemalisten von den ebenfalls nationalistischen Konservativen und den islamisch geprägten politischen Kreisen leicht aus der Hand gewunden werden. Was blieb dann noch vom Kemalismus, wenn er seine nationalistische Exklusivität verloren hatte und der „Komplex“ spätestens während der Regierungszeit der AKP durch die Entmachtung des Militärs, die islamistische Unterwanderung der Justiz und die Säuberungen im Bildungsbereich zertrümmert wurde? Er sei untergegangen, meint Reinkowski, und selbst Zukunftsvorstellungen von einer Türkei nach der „Autokratie“ Erdogans würden sich nicht mehr auf ihn berufen können. 

Für die Zukunft mag der Kemalismus ausgedient haben, aber das historische Urteil ist umstritten. Der Kemalismus war mehr als ein „Komplex“. Er legte die Basis für die demokratische Türkei, wenngleich er in seiner Zeit autoritär auftrat, die kemalistische Partei sich 1950 aber geräuschlos abwählen ließ. Er war in Teilen der Gesellschaft verankert, besonders dort, wo er sozialen Aufstieg ermöglichte, darunter viele Frauen. Paradoxes Kennzeichen des Kemalismus war sein ebenso emanzipatives wie repressives Gesicht. 

In der emblematischen Szene, in der Sabiha Gökçen, die Adoptivtochter Atatürks armenischer Herkunft und erste Pilotin der türkischen Luftwaffe, 1937 Bomben auf die aufständischen Kurden im ostanatolischen Dersim, heute Tunceli, abwirft, fließen die Widersprüche des Kemalismus zusammen. Oder: Die kemalistischen Putschgeneräle von 1960 ließen den Ministerpräsidenten hinrichten und leiteten mit der Verfassung von 1961 die liberalste Phase der Geschichte der Türkei ein, die andere Generäle jedoch spätestens im dritten Putsch 1980 brutal abwürgten. 

Kenntnisreich und differenziert führt Reinkowski durch die Unübersichtlichkeit des politischen Pluralismus nach 1960. Im sicher nicht zufällig längsten Kapitel über die „Verheißungen des islamischen Konservatismus“ gelingt ihm eine souveräne Aufschlüsselung der widerstreitenden und gewaltsam sich bekämpfenden politischen Kräfte sowie jenes rechtskonservativ-islamistischen Spektrums, aus denen Personen wie Erdogan und die seit 2002 regierende AKP hervortraten. Hier wird verständlich, warum nach dem Putsch 1980 die politische Linke liquidiert wurde, seitdem die „türkisch-islamische Synthese“ dominierte und Erdogan ein autoritäres Präsidialregime aufbauen konnte. Seit der Einführung des Mehrparteiensystems 1950 haben die Wähler stets zu etwa 60 Prozent konservative und religiöse Parteien gewählt. 

Das Buch schließt mit dem sympathisch optimistischen Gedanken, welche Potentiale die Türkei entfalten könne, wenn sie sich vom islamischen Konservatismus und dem Nationalismus verabschiedete. Reinkowski versteht die Türkei und weiß sie dem Leser brillant zu erklären. 

Stefan Plaggenborg 

© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2022

Maurus Reinkowski: „Geschichte der Türkei“. Von Atatürk bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck, München 2021. 496 S., Abb., geb., 32,– €. 

 

 

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