Neues Buch mit Musik wirbt für respektvolles Miteinander.

Buchtipp: "Die Welt ist eine schmale Brücke"
Kulturelle Brückenbauer gesucht

Menschen, die unterschiedlich glauben, kommen zu Wort - mit ihren Lebensgeschichten und ihren Lieblingssongs, die auf einer CD zum Buch zu hören sind. Texte aus Thora, Bibel, Koran und Psychologie begleiten das Projekt.

Bei ihrer Geburt in Marbach am Neckar war Karina mehrere Minuten ohne Sauerstoff, weshalb sie eine Behinderung davontrug. Sie interpretiert es so, dass sie als Erstgeborene ihren Zwillingsbruder schützen konnte. Omid und seine Ehefrau kamen im Iran gut miteinander aus, bis er sich von der Vorstellung seines Vaters, er müsse sie schlagen, beeinflussen ließ. Seine Frau trennte sich. Michael war 1948 eines der ersten Kinder, die im neuen Staat Israel geboren wurden. Er lebte nach dem Armeedienst in Deutschland. Sein Sohn wiederum zog aus Sorge vor Antisemitismus nach Israel.

Das sind drei Beispiele für die Lebensgeschichten, die das neue Buch "Die Welt ist eine schmale Brücke" versammelt. Der im Patmos Verlag erschienene Band möchte mit einem ungewöhnlichen Ansatz einen Beitrag zum respektvollen Dialog leisten: Zwölf Menschen aus verschiedenen Kulturen, Religionen und Generationen berichten von Stationen ihres Lebens. Es geht um Geburt, Kindheit, Jugend, Migration, Studium, Ehe, Arbeit, Familie, Trennung, Krankheit, Ruhestand/Ehrenamt und Tod. Jeder Geschichte folgen passende Passagen aus Thora, Bibel und Koran, kurze meditative Texte sowie Betrachtungen aus der Psychologie.

Lebensgeschichten und Lebenslieder von Menschen, die unterschiedlich glauben

Buchvover: Die Welt ist eine schmale Brücke. Lebensgeschichten und Lebenslieder von Menschen, die unterschiedlich glauben. Foto; Patmos Verlag
Von der Geburt bis zum Lebensende: Zwölf Menschen aus verschiedenen Kulturen, Generationen und aus drei Religionen berichten über ein bedeutsames Kapitel aus ihrem Leben. Es geht um traumatische Fluchten, verzweigte Familien, positiven Umgang mit dem Sterben und die Lieder, die die Erzählenden damit verbinden: Sie reichen von Popklassikern bis zu jahrhundertealten Melodien. Jedes individuelle Schicksal wird durch einen kurzen Text aus Torah, Bibel und Koran und aus Sicht der Psychologie beleuchtet, die klar machen: Wir haben mehr gemeinsam, als uns trennt.

Zu dem Buch gehört eine CD, auf der einige Menschen, die ihre Geschichten erzählen, auch Lieder vortragen. Die Musikgruppe "Asamblea Mediterranea" begleitet sie. Deren Leiter Alon Wallach ist Herausgeber des Buches, mit an Bord ist auch das interdisziplinäre Musikprojekt Trimum. Ein Beitrag des Generalsekretärs der Stiftung Weltethos, Stephan Schlensog, über die Bedeutung des religiösen und kulturellen Miteinanders rundet den Band ab. Unter den Kommentatoren ist Frederek Musall von der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg; es gibt Texte der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross und des Therapeuten Irvin D. Yalom.

Was auf den ersten Blick wie ein etwas seltsames Potpourri erscheinen mag, entpuppt sich nach Lektürebeginn als stringent und spannend. Nicht nur, weil jede einzelne Geschichte interessant ist, und auch die Art, wie die jeweiligen Menschen darauf blicken. Die religiösen Texte, Meditationen und psychologischen Betrachtungen in Verbindung mit den Berichten können anregend sein - vor allem, wenn man vielleicht gerade in einer ähnlichen Lage steckt oder sich für ein aktuelles Problem eine neue Perspektive wünscht.

Das Buch hat also - neben dem interreligiösen Ansatz - durchaus Ratgeberpotenzial. Was auch gewollt ist, denn im Vorwort heißt es an die Adresse der Leserinnen und Leser: "Jedes Gespräch, jede neue Erfahrung wird auch den Blick auf Sie selbst noch einmal verändern können." Ebenso wird der Titel des Bandes erläutert: Der Text des jüdischen Liedes "Die ganze Welt ist eine schmale Brücke" solle deutlich machen, "dass wir alle auf derselben Brücke stehen und häufig die gleichen Fragen haben und Ängste und Unsicherheiten zum Leben dazu gehören. Aber wir gehen ganz unterschiedlich mit den gefährlichen und engen Stellen dieser Brücke um."

 

"Jedes Gespräch, jede neue Erfahrung wird auch den Blick auf Sie selbst noch einmal verändern können"

 

 

Am Ende des Buches verweist Schlensog zunächst auf Wegmarken des Terrors, der bekanntlich das Gegenteil von Miteinander will, etwa auf die Anschläge des 11. September 2001 und deren Folgen in Afghanistan und dem Irak: Beide Kriege hätten "verheerende Folgen für das Verhältnis von islamischer und westlicher Welt" gehabt. Weiter beschäftigt er sich mit globalen Fluchtbewegungen, dem Klimawandel und der Entwicklung großer Teile Europas hin zu einer Säkularisierung - und folgert: Die Gesellschaft in Deutschland werde zu einer multireligiösen.

"Zentrale Voraussetzungen für ein gutes Miteinander sind Respekt voreinander und Wissen übereinander: Das Wissen über Unterschiede und Gemeinsamkeiten, damit Vorurteile und Klischees erst gar nicht entstehen", betont Schlensog. Dabei sollte bereits in der Bildung angefangen und in jedem Alter auf persönliche Begegnungen gesetzt werden.

Schlensog erinnert an die "goldene Regel", die viel zu oft mit Füßen getreten werde: andere Menschen so zu behandeln, wie man selber behandelt werden möchte. Passend zum Buchtitel fordert er: "Wir brauchen Menschen, die Brücken bauen". (KNA)

Alon Wallach (Hrsg.): Die Welt ist eine schmale Brücke. Lebensgeschichten und Lebenslieder von Menschen, die unterschiedlich glauben, Patmos Verlag, 2022, ISBN 978-3-8436-1364-4

 

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