Buchtipp: "Der Colonel"

Auf dem Richtplatz der Geschichte

Mahmud Doulatabadi ist einer der berühmtesten Schriftsteller Irans. Sein neuer Roman "Der Colonel" ist eine bittere Abrechnung mit der iranischen Vergangenheit. Angela Schader hat das Buch gelesen.

​​ Die Geschichte Irans könne "als ein Prozess von Umsturz und Aufbau gesehen werden, in dem die immer wieder neu geformten und zerschlagenen Ziegelsteine aus dem Blut, dem Fleisch und den Knochen von Menschen bestehen", schrieb Mahmud Doulatabadi in einem in der Neuen Zürcher Zeitung publizierten Aufsatz.

Ein Vierteljahrhundert lang hat der iranische Schriftsteller - hierzulande bisher vor allem durch im harschen ländlichen Milieu seiner Heimat angesiedelte Romane bekannt - darum gerungen, dieser makabren historischen Vision auch literarische Gestalt zu geben.

Nun ist das Buch vollendet; und während deutschsprachige Leser die Erstveröffentlichung in Händen halten dürfen, liegt das Manuskript in Teheran noch immer bei der Zensurbehörde, obwohl der 1940 geborene Verfasser als Grandseigneur der iranischen Gegenwartsliteratur gilt.

Das sagt schon einiges aus über die Brisanz dieses Buches, das sich frappant vom Naturalismus früherer Romane Doulatabadis abhebt: "Der Colonel" nähert sich deutlich der sinistren, zwischen Wahn und Wirklichkeit oszillierenden Weltsicht an, die Meilensteine der iranischen Literatur wie Sadegh Hedayats Roman "Die blinde Eule" und Huschang Golschiris "Prinz Ehtedschab" auszeichnet.

Die Revolution frisst ihre Kinder

Auch wenn hiesige Leser mit noch grösseren Orientierungsschwierigkeiten zu kämpfen haben dürften als ein iranisches Publikum, möchte man zu dem Experiment raten, sich diesem düsteren Leselabyrinth zunächst einmal anheimzugeben und das vom Übersetzer Bahman Nirumand verfasste Nachwort erst später zu konsultieren:

Dort werden die Hauptfiguren politisch und historisch eingeordnet - aber zumindest eine Zeitlang lohnt es sich, die kalte Hölle ihrer Orientierungs- und Perspektivelosigkeit ohne Wegleitung mit ihnen zu teilen.

Die Erzählgegenwart des Romans, in den frühen achtziger Jahren angelegt, übergreift weniger als vierundzwanzig Stunden. Um halb vier Uhr früh, bei strömendem Regen, wird der betagte Colonel von zwei schweigsamen Uniformierten aus dem Haus geklopft und zu einem "kurzen Besuch bei der Staatsanwaltschaft" geladen:

Gegen Entrichtung einer Gebühr soll ihm die Gnade zuteil werden, seine vom Geheimdienst ermordete, kaum halbwüchsige Tochter Parwaneh eigenhändig bestatten zu dürfen.

Des Colonels zweitältester Sohn, Mohammad Taghi, wurde schon 1979 kurz nach Beginn der islamischen Revolution getötet; Amir, der Älteste, noch zu Zeiten des Schahs durch Haft und Folter gebrochen, vegetiert am Rande des Wahnsinns im Keller des Vaterhauses.

Farzaneh, die erwachsene Tochter, ist mit einem so ehrgeizigen wie schmierigen Gefolgsmann Khomeinys verheiratet, und auch der jüngste Sohn, Masud, hat sich hinter dem schwarzgewandeten Ayatollah eingereiht: Er gehört zu den zahllosen "Märtyrern" des ersten Golfkriegs, die, mit wenig mehr als der Hoffnung aufs Paradies bewehrt, den irakischen Streitkräften entgegengeworfen wurden.

Masuds zerfetztem, mit einem fremden Kopf komplettiertem Leichnam wird der Colonel die letzte Ehre erweisen müssen, noch bevor die bei Parwanehs Beerdigung durchweichten Kleider getrocknet sind.

Geballte Ladung Drama

Das ist eine geballte Ladung Drama, gewiss. Glaubwürdig wird sie einerseits durch die lastende, albtraumhafte Atmosphäre, in der Doulatabadi das Erzählte auffängt; anderseits aber auch durch die Realien jener bleiernen Zeit nach der islamischen Revolution, in der die Islamisten einerseits konkurrierende politische Gruppierungen wie die marxistisch-leninistische Tudeh-Partei oder die Volksmujahedin brutal liquidierten, während anderseits innerhalb der Geistlichkeit die liberaleren Denker ausmanövriert und zum Schweigen gebracht wurden.

Mossadegh während eines Staatsbesuchs in New York 1951; Foto: DW
Hoffnungsträger für Irans nationale Unabhängigkeit: Mohammad Mossadegh war von 1951 bis 1953 Premierminister und Führer der antibritischen "Nationalen Front" des Iran.

​​Der Roman greift freilich historisch noch weiter zurück. Während die Kinder des Colonels als Vertreter unterschiedlicher politischer Strömungen im Umfeld der islamischen Revolution antreten und sterben, hat der Colonel selbst schon unter dem Schah die Offizierswürde verloren, weil er sich weigerte, dessen von westlichen Interessen gelenkte Politik mitzutragen.

Er hat die kurze Zeit der Hoffnung erlebt, als Mohammad Mossadegh Anfang der 1950er Jahre Iran in die wirtschaftliche Unabhängigkeit führen wollte - und ebenso die amerikanische Intervention, die 1953 das Marionettenregime des Schahs wieder an die Macht brachte und die als historisches Trauma noch heute die Beziehungen Irans zum Westen belastet.

Noch andere, frühere Freiheitshelden der iranischen Geschichte sind im Erzählgeschehen gegenwärtig; sie alle werden im gespenstischen Finale des Buches zum Richtplatz geführt.

Panorama der Seelenqual

Bricht der Roman unter dieser historischen Last nicht zusammen? Ja und nein. Es gibt Stellen, wo sich die Chronologie der Ereignisse unauflöslich verknotet, und wie bereits angedeutet, werden zumindest westliche Leser auf die in Nachwort und Glossar mitgereichte Verständnishilfe angewiesen sein.

Aber letztlich geht es nicht um eine Geschichtslektion; vielmehr ist "Der Colonel" ein fesselndes Panorama iranischer Seelenqual, die Visionen und Albträume treibt wie dunkle exotische Blüten.

Da ist etwa die kafkaeske Phantasie, in die sich Amir unter der Folter flüchtet, oder - nicht umsonst als lyrisches Herzstück genau in die Mitte des Buches gesetzt - die von Geisterhand vollzogene Waschung und Grablegung der ermordeten Parwaneh.

​​Da ist das bereits erwähnte, beklemmende Scherbengericht über die Historie, das den Roman beschliesst; und von der ersten bis zur letzten Seite die frostig-dumpfe, regenschwere Atmosphäre, die einem noch auf dem behaglichsten Lesesessel bis in die Knochen dringt. Und da ist schliesslich die zutiefst irritierende Titelfigur: despotisch und liberal, gross und engstirnig, aufrichtig und intransparent.

Der Stolz des Colonels ist seine Weigerung, im Dienst der Briten und der USA das Blut Aufständischer zu vergiessen, die das Ende seiner militärischen Karriere besiegelte.

Doch als jener heroische Moment in einer Rückblende aufscheint, enthüllt sich auch seine hässliche Kehrseite: Denn die "Verweigerung", die nie explizit ausgesprochen wird, fällt im Roman so exakt mit dem Sündenfall des Protagonisten - dem Mord an seiner untreuen Ehefrau - zusammen, dass sich die Untat sogar als ein Manöver interpretieren lässt, mit dem sich der Colonel jener leidigen Order entzog.

Das ungute Zwielicht, das von dieser Seite her auf den Protagonisten fällt, wandelt sich jedoch in seiner Beziehung zu den Kindern zu einer ganz anderen, schmerzlichen Ambivalenz.

Denn hier zeigt sich der Colonel nicht, wie es der "Ehrenmord" vermuten liesse, als orientalischer Patriarch, sondern als ein Vater, der bitter dafür gestraft wird, dass er "seinen Kindern das natürlichste aller Rechte gewährt hatte. Er lehnte es ab, sie nur zum Leben zu verurteilen, er wollte, dass sie über ihr Leben selbst bestimmten."

Gräben zwischen den Generationen

Dies, so das vernichtende Résumé von Doulatabadis Roman, lässt die iranische Geschichte jedoch nicht zu. Mit ihren Brüchen und Wendungen legt sie Gräben zwischen den Generationen, welche die Weitergabe von Erfahrung und damit auch den Fortschritt verhindern.

Und die wechselnden Machthaber gehen noch weiter - "sie schleichen sich unter deine Haut, sprechen mit deiner Zunge und töten dich in deinem eigenen Namen".

Kein Wunder, dass hier wendige Opportunisten wie Allah Gholi Ghorbani Hadjadj, der frömmlerische Schwiegersohn des Colonels, oder Rasul Khazar Djavid, der zynische Scherge des Geheimdiensts, die besten Überlebenschancen haben.

So resümiert der Letztere, der schon unter dem Schah gefoltert hat und nun im Gottesstaat dieselbe Funktion versieht: "Die politische Polizei ist wie die Religion. Hast du jemals erlebt, dass die Religion ausgerottet wurde?"

Die unheilige Allianz, die diese Formulierung andeutet, scheint auch in den Namen dieser beiden üblen Charaktere auf, die Doulatabadi im Roman nur gerade je einmal voll ausschreibt.

"Allah" braucht nicht erklärt zu werden, als "Rasul", "der Gesandte (Gottes)", wird der Prophet Mohammed bezeichnet. Da erstaunt es kaum noch, dass nicht einmal die deutsche Ausgabe des "Colonel" bei der Teheraner Buchmesse ausgelegt werden durfte.

Angela Schader

© Neue Zürcher Zeitung 2009

Mahmud Doulatabadi: Der Colonel. Aus dem Persischen und mit einem Nachwort von Bahman Nirumand. Unionsverlag, Zürich 2009. 223 S.

Qantara.de

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