Buchrezension Sari Nusseibeh

Es war einmal ein Land – ein Leben in Palästina

Sari Nusseibehs Erinnerungen an sein Leben in Palästina bietet eine weit über die Beschreibung des eigenen Lebens hinausgehende Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts, das sich als facettenreiches Zeitbild liest. Andreas Pflitsch hat das Buch gelesen.

​​Nach der Beerdigung Yassir Arafats in Ramallah liest Sari Nusseibeh auf dem Rückflug in die USA ein Buch, das für ihn zu "einer Art Offenbarung" wurde: Amos Oz' Autobiographie Eine Geschichte von Liebe und Finsternis.

Beide waren sich gelegentlich auf Friedenskundgebungen und bei Podiumsdiskussionen begegnet. Das Milieu aber, in dem Oz in den frühen fünfziger Jahren im gerade erst gegründeten Staat Israel aufwuchs, ist für Nusseibeh eine unbekannte Parallelwelt, die ihm die doppelte Ignoranz von Israelis und Palästinensern vor Augen führt:

"Dass die Araber in den Kindheitserfahrungen von Amos Oz praktisch nicht vorkamen, veranlasste mich, darüber nachzudenken, wie ich selbst groß geworden war. Was hatten meine Eltern von seiner Welt gewusst?" Er fragt sich, ob nicht die "Unfähigkeit, sich das Leben der 'Anderen' vorzustellen" letztlich der "Kern des israelisch-palästinensischen Konflikts" sei – und er beginnt zu schreiben.

Abstieg der urbanen Eliten

Mit Nusseibeh hat ein Mitglied einer der renommiertesten Familien Jerusalems seine politischen Memoiren vorgelegt. Geboren 1949, ein Jahr nach der israelischen Staatsgründung, wurde er Zeuge, wie der Einfluss der alten städtischen Eliten mehr und mehr schwand.

Zwar wurde sein Vater, nachdem er bereits verschiedene jordanischer Ministerposten inne gehabt hatte, 1963 vom jordanischen König zum Gouverneur der Region Jerusalem ernannt und konnte so an seine traditionelle Rolle anknüpfen, doch mit dem Sechstagekrieg 1967 und der israelischen Besetzung der Westbank und Ost-Jerusalems, war die Zeit der Notablen endgültig vorbei.

Während des Sechstagekrieges besuchte der Autor eine Eliteschule in England. 1968 begann er sein Studium in Oxford bevor er, nach einer Zwischenstation in Abu Dhabi und der Promotion in Harvard, Ende der siebziger Jahre an die 1972 gegründete Universität Birzeit ging.

Sari Nusseibeh; Foto: AP
Juden und Araber seien "Verbündete" und jeder Versuch, sie zu trennen, stelle einen gefährlichen Irrweg dar, meint Nusseibeh.

​​In diese Zeit fällt auch das beginnende politische Engagement des Autors, zunächst auf gewerkschaftlicher Ebene, später im Rahmen der zunächst geheimen Friedensgespräche zwischen Israelis und Palästinensern, als er eine der Verbindungen der im tunesischen Exil sitzenden PLO-Führung zur Bevölkerung der Westbank darstellte. Heute ist er Präsident der al-Quds Universität in Jerusalem.

Selbstkritik ohne Larmoyanz

Anhand der eigenen Familie erzählt Nusseibeh die Geschichte Palästinas, vor allem Jerusalems, im 20. Jahrhundert. Angefangen beim Ersten Weltkrieg und dem Aufstand von 1936, über die israelische Staatsgründung 1948 und die Intifada bis in die Gegenwart, in der die Hamas auf der einen und die Siedlerbewegung auf der anderen Seite weiter an der Spirale der Gewalt drehen.

Politische Ereignisse, Privates und Prozesse sozialer Transformation ver-schränkt der Autor zu einer gut lesbaren, bei aller Ausführlichkeit nie akademisch-spröde wirkenden Erzählung. Die (beschränkten) Möglichkeiten und (verpassten) Chancen palästinensischer Politik schildert Nusseibeh meinungsfreudig aber nie ideologisch und ist dabei selbstkritisch ohne Larmoyanz.

Sein Verhältnis zu Arafat schwankt zwischen kritischer Distanz und bewundernder Anerkennung, seine Kritik an Scharon hingegen fällt – wenig überraschend – eindeutig aus.

Für Nusseibeh kann es nur eine gemeinsame Lösung geben, Juden und Araber seien "Verbündete" und jeder Versuch, sie zu trennen, stelle einen gefährlichen Irrweg dar und sei das "Produkt des modernen europäischen Mythos von einer 'reinen', von Fremden gesäuberten Nation."

Nusseibehs Buch ist verwandt mit den Autobiographien zweier anderer politisch engagierter palästinensischer Intellektueller, Edward Saids "Am falschen Ort" und Hanan Ashrawis "Ich bin in Palästina geboren".

Mit ersterem verbindet Nusseibeh der weite Blick und das Interesse für kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen, mit letzterer teilt er die Genauigkeit in der Darstellung der Hintergründe während der Verhandlungen in Madrid, Oslo und Washington.

Nusseibehs "Es war einmal ein Land" bietet eine weit über die Beschreibung des eigenen Lebens hinausgehende Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts und lässt sich als facettenreiches Zeitbild tatsächlich als Komplementärbuch zu Oz' Autobiographie lesen.

Beide Autoren zeichnen sich gleichermaßen durch eine selbstkritische Haltung aus und reflektieren die eigenen Verwicklungen in die ihre Gesellschaften legitimierenden Ideologien. Wie sie das tun, gibt, aller betrüblichen Befunde zum trotz, Anlass zu Optimismus.

Andreas Pflitsch

© Qantara.de 2008

Sari Nusseibeh (mit Anthony David): "Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina", aus dem Englischen von Gabriele Gockel und Katharina Förs und Thomas Wollermann, München, Kunstmann-Verlag 2008, 526 Seiten.

Qantara.de

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