Buchbesprechung ''Nehmt den Männern den Koran!''

Kritik am frauenfeindlichen Koran

Die aus Ägypten stammende Nahed Selim kritisiert in ihrem Buch die nicht zeitgemäße Interpretationsweise des Korans und deckt dabei zahlreiche frauenfeindliche Aspekte auf. Abdul-Ahmad Rashid hat das Buch gelesen.

Die aus Ägypten stammende Nahed Selim kritisiert in ihrem Buch die nicht zeitgemäße Interpretationsweise des Korans und deckt dabei zahlreiche frauenfeindliche Aspekte auf. Abdul-Ahmad Rashid hat das Buch gelesen.

​​Es sind sehr kritische Töne gegenüber ihren Glaubensschwestern- und brüdern, welche die niederländische Journalistin Nahed Selim in ihrem Buch "Nehmt den Männern den Koran!" vorbringt. Hintergrund für ihre Beschäftigung mit dem heiligen Text des Islam war für die gläubige Muslimin ein historisches Ereignis:

In Ägypten geboren und in einer liberalen Familie aufgewachsen, erlebt sie als Fünfzehnjährige die Niederlage der ägyptischen Armee gegen Israel im Sechstagekrieg von 1967. Diese militärische Schlappe hatte für das Land am Nil weit reichende Folgen: Immer mehr Menschen suchten ihr Heil in der lange Zeit vernachlässigten Religion. Fanatische muslimische Organisationen erlebten großen Zulauf und schränkten die Freiheiten der Frauen nach und nach ein.

Bei ihrer Suche stößt die wissbegierige Journalistin zunächst auf den Schöpfungsbericht. Sie macht die Entdeckung, dass dieser sich im Koran wesentlich von dem in der Bibel unterscheidet. Eine Tatsache, die aber noch immer nicht in das Bewusstsein der Muslime eingedrungen sei, so die Autorin:

"Bei Nichtmuslimen gibt es viele Missverständnisse über den Islam. Das ist durchaus verständlich, da solche Undeutlichkeiten sogar bei uns, den heutigen Muslimen, häufig für Verwirrung sorgen."

Frauenfeindliche Interpretation des Korans

In ihrem Buch gibt Nahed Selim viele Beispiele dafür, wie die Botschaft des Korans bewusst unvorteilhaft für die muslimischen Frauen ausgelegt wurde – und immer noch wird.

Ob in Bezug auf die strengen Bekleidungsvorschriften oder das für Frauen unvorteilhafte Erbrecht oder in der Art und Weise, wie den Männern erlaubt werde, ihre Frauen nach Gutdünken als Sexualpartnerinnen zu benutzen, überall klingt unverhohlen die Kritik der Autorin durch an einer für die Frauen höchst missgünstigen Interpretation der koranischen Verse.

Die Schuld dafür weist sie in erster Linie den Männern zu: Sie hätten besonders in der Frühzeit des Islam nach dem Tode Muhammads auf vielfältige und äußerst raffinierte Weise dafür gesorgt, die Frauen an der Ausübung ihrer gottgegebenen Rechte zu hindern und sie darüber hinaus eingeschüchtert und indoktriniert.

In ihrer Kritik scheut Nahed Selim nicht davor zurück, die höchsten Autoritäten des Islam anzuzweifeln, wobei sie auch nicht vor der Person des Propheten selber halt macht – ein Tabubruch in der islamischen Welt!

Für eine zeitgemäße Interpretation

Sie diskutiert offen einige angeblich frauenfeindliche Aussagen des Stifters des Islam, wobei sie aber immer darauf hinweist, dass viele spätere Theologen großes Interesse daran gehabt hätten, Muhammad bestimmte Aussagen in den Mund zu legen, um ihre Interessen zu verfolgen.

In ihrem Buch erläutert die 52-jährige Journalistin dies an dem Begriff "Zina", der im Koran im Zusammenhang mit den Bekleidungsvorschriften für die muslimischen Frauen genannt wird:

"Zina hat im Arabischen die Bedeutung von Schmuck oder Make-up, also alles, was die Schönheit einer Frau hervorhebt. Ibn Abbas, einer der Gefährten des Propheten und Überlieferer vieler seiner Aussprüche, aber hat behauptet, mit dem Wort sei die Schönheit selbst gemeint. Wenn also der Koran sagt, dass es den Frauen nicht erlaubt sei, ihre Zina in der Öffentlichkeit zu zeigen und damit ihre Schönheit gemeint ist, dann führt das dazu, dass sie gezwungen sind, ihren ganzen Körper zu verhüllen", erklärt die aufgeklärte Muslimin.

Nahed Selim plädiert daher für eine zeitgemäße Interpretation des heiligen Textes, welche die aktuellen gesellschaftlichen Umstände berücksichtigen müsse. Sie erhebt die Forderung, frauenfeindliche Verse des Korans heute nicht mehr gelten zu lassen, so wie dies bereits mit anderen Versen auch geschehen sei:

"Ich vergleiche dies mit der Einrichtung der Sklaverei. Der Koran missbilligt die Sklaverei und stärkt die Rechte der Sklaven, aber er hat sie nicht abgeschafft. In der modernen Welt existiert die Sklaverei nicht mehr, und niemand würde ihre Wiedereinführung fordern, nur weil sie im Koran steht. Das Gleiche sollte für die Situation der Frauen gelten: Die Verse, die in der damaligen Gesellschaft galten, dürfen heute keine Bedeutung mehr haben. Dies führt zu einer unterentwickelten Gesellschaft."

"Die Frauen des Propheten"

Mehrere Kapitel ihres Buches widmet Nahed Selim den Frauen des Propheten und ihrer hohen und angesehenen Stellung im frühen Islam und betont deren Vorbild für alle frei denkenden, unabhängigen Frauen in der islamischen Welt.

Im niederländischen Original heißt das Buch daher auch "Die Frauen des Propheten". Trotz des vom deutschen Piper-Verlag gewählten reißerischen Titels "Nehmt den Männern den Koran!" stellt Nahed Selims Werk eine sehr anregende Lektüre dar.

Die kritischen Ansätze der Autorin sind radikal und greifen Aspekte auf, die in dieser Form bislang wenig angesprochen wurden. Teilweise entbehren sie zwar einer fundierten theologischen Grundlage, aber sie sind sehr mutig und dienen als Grundlage für eine längst überfällige Diskussion.

Abdul-Ahmad Rashid

© Qantara.de 2006

Nahed Selim: "Nehmt den Männern den Koran! Für eine weibliche Interpretation des Islam". Piper-Verlag 2006, aus dem Niederländischen von Jonathan Krämer, Anna Berger. 336 Seiten, 19,90 Euro

Qantara.de

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Website des Piper-Verlags

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Leserkommentare zum Artikel: Kritik am frauenfeindlichen Koran

Das einzig Interessante an dieser Besprechung ist der Verweis auf die Ausbreitung des Islamismus als Folge des Sechs-Tage-Krieges. Das als EINE der historischen Ursachen hierfür ist viel zu wenig bewusst.
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Im Übrigen stellt entweder diese Besprechung oder, das wäre schlimmer, die Autorin selbst es so hin, als hätte sie das Rad gerade erfunden. So etwas kann den Appetit auf das Buch auch verderben.
Wenn es nicht so ist, wie die Rezension sagt, hätte die Autorin (oder hätte eine wirkliche Wissenschaftlerin) in aller Bescheidenheit und ohne viel Tamtam für die eigene Person alte Schätze neu gehoben, eben die Sichtweisen, die durch den Islamismus in den Schatten geraten.
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Diese Rezension wirkt so, als ob sie das Bündnis mit Islamkritikern suche. Wenn das tatsächlich auch für das Buch selber gilt, lohnt es sich für Muslime nicht, es in die Hand zu nehmen.

Hanya Dikaton17.03.2012 | 06:36 Uhr