Raihana Raha (Foto: Asghar Nour Mohammadi)
Buchbesprechung "My Mother's Tales“ von Raihana Raha

Afghanistans starke Frauen

Das Debüt der afghanischen Autorin Raihana Rahas besteht aus einer Sammlung von Märchen. Überraschend an diesen Geschichten ist vor allem die starke Präsenz von Frauen, denen die patriarchale Gesellschaft sonst wenig Möglichkeiten jenseits überkommener Moralvorstellungen bietet. Von Changiz M. Varzi

Wie andere Märchensammlungen enthält auch My Mother's Tales (dt. Die Märchen meiner Mutter) Geschichten über Könige und Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen, Feen, Geister, Zauberer, sprechende Tiere und das Ringen zwischen Gut und Böse. Was das Erstlingswerk der afghanischen Autorin und Expertin für mündliche Überlieferungen, Raihana Raha, allerdings einzigartig macht, ist die starke Präsenz von Frauen in dieser Märchensammlung aus Afghanistan.

In einer Zeit, in der die Taliban in Afghanistan wieder die Macht übernommen haben und mit ihrem Vorrücken Soldaten der afghanischen Regierungsarmee zur Flucht in die angrenzenden Länder Iran und Tadschikistan getrieben haben, verweist Raha mit ihrem Werk auf die Rolle der Frau in einer Gesellschaft, die vom Patriachat geprägt ist. Angesichts der bangen Frage, was nach der erneuten Übernahme der Herrschaft durch die Taliban auf die afghanischen Frauen zukommt, erzählt My Mother's Tales davon, wie Frauen in diesem Land über die Jahrhunderte hinweg gelebt, überlebt und die Gesellschaft geistig geprägt haben.

Das Buch zeigt Frauen nicht als untergeordnete Wesen, die darauf warten, von einem strahlenden Helden erlöst zu werden – ganz im Gegenteil. Frauen sind in den Erzählungen die Hauptakteurinnen. Sie kämpfen gegen Dämonen oder retten Prinzen, die von bösen Mächten überlistet und versklavt worden sind.

Kluge Frauen kämpfen gegen Dämonen

In der Erzählung Nirang Padeshah, was so viel wie "Königstrick“ bedeutet, ist die Hauptfigur die Frau eines lasterhaften jungen Prinzen. Der Prinz wird schließlich verhext und in einen mittellosen Hirten verwandelt. Dank seiner Frau, die ihn rettet und den Zauber bricht, wandelt er sich.

In der Erzählung mit dem Titel Ajayebat, was "seltsame Vorkommnisse“ bedeutet, bringt ein lesebegeistertes "Geistermädchen“ einem kleinen Jungen bei, sich gegen seinen brutalen Bruder zu behaupten. Der Bruder ist selbst ein Geist, der als Mensch verkleidet die Bauern überlistet, um an ihr Vieh, ihr Geflügel und ihr Land zu gelangen. Das "Geistermädchen“ versteckt den kleinen Jungen in einer Höhle, die sie zusammen mit ihrem Bruder bewohnt. Tag für Tag bringt sie dem Jungen geduldig bei, was sie selbst aus ihren Büchern gelernt hat.

Raihana Raha, die Dramatische Literatur an der Universität Kabul studiert hat, begab sich 2019 auf eine riskante Reise zurück an ihren Geburtsort – das Dorf Daleh in der zentralen Provinz Daikondi. Schon damals wurde die Straße, die die afghanische Hauptstadt Kabul mit der Provinzhauptstadt Nili verbindet, wegen der häufigen Angriffe von Taliban-Milizen auf vorbeifahrende Fahrzeuge als "Todesweg“ bezeichnet. Raha war dennoch fest entschlossen, die Reise anzutreten.

Cover von Raihana Rahas Buch "My Mother's Tales"
Das literarische Debüt "My Mother's Tales“ von Raihana Raha ist eine Märchensammlung wie keine andere: "Was das Erstlingswerk der afghanischen Autorin und Expertin für mündliche Überlieferungen, Raihana Raha, allerdings einzigartig macht, ist die starke Präsenz von Frauen in dieser Märchensammlung aus Afghanistan“, schreibt Changiz M. Varzi.

Hohes gesellschaftliches Ansehen

"Ich musste unbedingt meine Mutter besuchen, damit sie mir die Märchen aus meiner Kindheit noch einmal erzählt“, sagte Raha gegenüber Qantara.de bei einem Telefonat aus Kabul. "Nach meinem Studium und der Erforschung afghanischer Märchen wurde mir klar, dass es mit den Geschichten meiner Mutter etwas Besonderes auf sich hatte. In ihren Geschichten genossen Frauen stets ein hohes gesellschaftliches Ansehen, anders als in den afghanischen Märchen, die ich bereits untersucht hatte“, fügte sie hinzu.

Noch gut erinnert sich Raha an die Winterabende ihrer Kindheit, als sie mit ihren Geschwistern und Cousins und Cousinen auf dem Boden um einen Holzofen hockten und im Schein einer Öllampe den Erzählungen ihrer Mutter lauschten. Als Raha bei ihrer Reise zurück in die Vergangenheit im Dorf eintraf, war ihr Vater gerade außer Haus. Ihre Mutter war die Herrin über Haus und Hof der Familie.

Sie erinnert sich gut daran, wie ihre Mutter Werkzeug und Gerätschaften auf dem Hof perfekt nutzen konnte, um ihre Familie zu versorgen oder auch zu schützen, notfalls mit dem Gewehr. Sogar ihr Name war geschlechtsneutral: Alle nannten sie Sultan, was Herrscher bedeutet. In der patriarchalen Gesellschaft Afghanistans war es für Raha eine außergewöhnliche Chance, von einer derart selbstbewussten Mutter erzogen zu werden: Für sie zeigte sich darin, welche Rolle den Frauen in der Gesellschaft zusteht.

Eine Ermutigung für afghanische Frauen

Als sie begann, die Erzählungen ihrer Mutter unter soziologischen und psychologischen Gesichtspunkten zu analysieren, entwickelte Raha zwei Hypothesen über die Präsenz starker Frauen in den von Sultan überlieferten Geschichten. Zum einen hatten sich diese Figuren als ihre persönlichen Vorbilder eingeprägt. Sie halfen ihr dabei, Hindernisse zu überwinden, denen Frauen im ländlichen Afghanistan ausgesetzt sind. Zum anderen wurden die Figuren zu Traumgestalten angesichts der harschen Lebensbedingungen, die sie selbst erfahren hatte.

So oder so ist Raha davon überzeugt, dass die Protagonistinnen aus den Erzählungen ihrer Mutter andere afghanische Frauen dazu ermutigen können, die Mauern einzureißen, die sie in der patriarchalen Gesellschaft Afghanistans in geschlechtsspezifische Rollen zwingen.

"Als ich in meiner Kindheit auf dem Hof und im Haus der Eltern arbeitete, erwachten die Frauen aus den Erzählungen vor meinen Augen zum Leben“, erklärte Raha.

Die Macht der Fantasie

"Später, während meines Studiums an der Universität Kabul, erkannte ich erst den prägenden Einfluss, den diese Märchen auf mein persönliches Leben als afghanische Frau hatten. Die Heldinnen aus den Märchen waren die Vorbilder meiner Kindheit. Ich beschloss daher, an den Ort meiner Kindheit zurückzukehren und die Märchen zur Ermutigung anderer afghanischer Frauen und junger Mädchen zu sammeln.“ 

Trotz grundlegender Veränderungen in der traditionellen afghanischen Gesellschaft nach dem Sturz der Taliban im Jahr 2001 sind afghanische Frauen immer noch ihrer Grundrechte beraubt. Dies betrifft vor allem ihre begrenzten Möglichkeiten bei der Aus- und Weiterbildung. Raha, die ihren Kindheitstraum vom Hochschulstudium umgesetzt hat, zog aus den Erzählungen ihrer Mutter die Energie, ihre Träume zu verwirklichen.

"Uns Mädchen in den afghanischen Dörfern wurde gesagt, wir hätten im Unterschied zu den Jungen nicht die Intelligenz, um zu studieren oder einen anderen Beruf zu ergreifen als den der Hausfrau. Doch die Frauen, die ich aus den Erzählungen meiner Mutter kannte, waren anders“, so Raha.

"Ich glaube, für uns alle ist die Fantasie die Voraussetzung dafür, im Leben seinen eigenen Weg zu gehen. Und Märchen sind für uns eine großartige Quelle der Fantasie.“ 

Changiz M. Varzi

© Qantara.de 2021

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

 

Die Redaktion empfiehlt