Brückenbauer im Fokus: Lamya Kaddor

„Ich will junge Muslime in ihrer Identität stärken“

Lamya Kaddor ist eine Frontfrau des liberalen Islam in Deutschland. Für ihr Engagement erhielt die Religionspädagogin zahlreiche Auszeichnungen. Doch sie wird auch von vielen Seiten angefeindet. Ceyda Nurtsch stellt sie für Qantara.de vor.

Für manche Menschen, so scheint es, hat der Tag mehr als 24 Stunden. Lamya Kaddor ist eine von ihnen. Sie hat selber Familie und unterrichtet das Fach Islamische Religion an der Schule. Sie veröffentlichte mehrere Bücher und reist zu Vorträgen durch ganz Deutschland. Sie schreibt regelmäßig Artikel und Kolumnen. Sie war jahrelang Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, den sie mitgegründet hat, ebenso wie den „Verein der LehrerInnen für Islamkunde in deutscher Sprache“. Und jetzt geht sie auch noch in die Politik.

Ihr Weg, erzählt sie, sei keinem bestimmten Kalkül gefolgt. Vielmehr habe sich eins nach dem anderen ergeben und vieles sei aus der Not geboren gewesen. Einschneidend waren für sie, wie für viele Muslime, die Anschläge von 09/11. „Bis dahin hatte ich Islamwissenschaft aus purem Interesse studiert, mit dem Schwerpunkt Theologie.

Doch mit einem Mal wurde alles politisch.“ Sie arbeitet am Lehrstuhl für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster, der ersten deutschen Hochschule, die Lehrer für den Islamunterricht ausgebildet hat.

Der Koran für Kinder auf Deutsch

2008 leistet sie Pionierarbeit. „Der Koran für Kinder und Erwachsene“ (Verlag C.H. Beck), den sie mit herausgibt, enthält eine Auswahl an kindgerecht und zeitgemäß übersetzten Koranversen, kommentiert und thematisch gegliedert. Es ist das erste Buch mit erläuterten Koranversen in deutscher Sprache für Kinder auf dem Markt. „Ich dachte mir, es kann doch nicht sein, dass es tausende von Kinderbibeln gibt, aber keinen einzigen Kinderkoran. Ich habe mich gefragt: Was haben denn die Muslime, die die ganze Zeit in Deutschland gelebt haben, all die Jahre gemacht?“

 

 

Kaddor ist selbst ein Kind von Migranten. 1978 als Tochter syrischer Einwanderer im westfälischen Ahlen geboren, hatte sie nie Anschluss an eine Moscheegemeinde.  Gemeindeleben kenne sie nicht, sagt sie. Islam war in ihrer Familie immer Privatsache. „Meine Eltern sind coole, offene Menschen, aber auch sehr fromm“, erzählt sie. „Meine Mutter war der Familienmufti. Sie hatte alles im Griff. Es war ihr wichtig, die Religion ordentlich zu vermitteln.“

Jetzt ist es Kaddor, die muslimischen Kindern und Jugendlichen Wissen über ihre religiösen Wurzeln vermittelt. Es ist ihr wichtig, junge Muslime in ihrer Identität zu stärken und zu ermutigen, selbstbewusste Mitglieder der deutschen Gesellschaft zu werden. Als sie anfängt, Islam in der Schule zu unterrichten, betritt sie Neuland. Es herrschten Irritation und Unwissen auf allen Seiten, erinnert sie sich. Islam auf Deutsch, geht das? Wieso ist sie keine Türkin? Ohne Kopftuch, darf sie das überhaupt?

Zwischen Islamfeinden und konservativen Muslimen 

In der islamischen Landschaft Deutschlands ist Lamya Kaddor eine prominente Stimme zwischen säkularen und traditionalistischen Muslimen. Sie vertritt einen zeitgemäßen Islam und befindet sich in regelmäßigem Dialog mit Christen, Juden und Nichtgläubigen. Sie positioniert sich deutlich für eine pluralistische Gesellschaft und für ein respektvolles, friedliches Miteinander. Dafür steht auch der 2010 von ihr mitgegründete Liberal-Islamische Bund.

In ihren Projekten und Büchern geht sie grundlegende Probleme und Herausforderungen an: Rassismus, Islamfeindlichkeit, Islamismusprävention, Antisemitismus, Hass im Netz. Dafür gerät sie häufig ins Kreuzfeuer zwischen rechten Islamfeinden und traditionalistischen Muslimen. Für beide Gruppierungen ist der Grat zwischen Vorzeigemuslimin und Nestbeschmutzerin oft nur ein schmaler.

 

 

Nach Erscheinen ihres Buches „Die Zerreißprobe. Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht“ (Rowohlt Verlag, 2016) erhält sie Morddrohungen und muss sich für eine Zeitlang von ihrer Lehrtätigkeit beurlauben lassen. Ein Projekt zu „Antisemitismus unter Muslimen“ muss sie unter Polizeischutz durchführen.

Macht ihr die Zunahme von rechtsgerichtetem Hass und rechter Gewalt Angst? „Leider war das zu erwarten“, sagt sie. Dass die Morde des NSU und die Anschläge in Hanau und Halle passiert seien, überrasche sie nicht. „In der Vergangenheit wurde zu wenig auf die Bedrohung von rechts geschaut. Man hat die ganze Zeit auf Islamisten geblickt. Zu Recht, aber das reicht eben nicht. Das ist jetzt die Quittung. Es ist schlimm, sagen zu müssen: Die Politik versteht die Bedrohung von rechts zu spät. Und auch jetzt bin ich mir nicht wirklich sicher, ob Politik wirklich verstanden hat, dass es eigentlich schon fünf nach Zwölf ist.“

Frustrierende Erfahrungen

Kaddors Elan, Energie und Humor scheinen unerschütterlich. Doch sei sie auch manchmal frustriert, erzählt sie. Etwa, wenn immer wieder von Neuem diskutiert werde, ob der Islam nun zu Deutschland gehört, oder nicht. Sie brauche dann eine Zeitlang innere Distanz zum Thema. „Bis das Kribbeln in den Fingern zurückkommt, jetzt doch wieder etwas machen zu müssen. Ich habe eigene Kinder, ich will nicht, dass sie – oder meine Schüler – noch in 20 Jahren gefragt werden, ob sie Deutsche oder Muslime sind. Ob sie die Scharia befürworten oder das Grundgesetz.“

Und was für eine Gesellschaft wünscht sie sich? „Eine, die Diversität, auch Meinungspluralität, als eine Stärke und einen Teil der deutschen Identität betrachtet. Ich wünsche mir ein Land, in dem alle dazugehören, die sich zum Grundgesetz bekennen, seine Werte mittragen und sich mit der deutschen Gesellschaft identifizieren, unabhängig von kultureller, religiöser oder sexueller Zugehörigkeit.“ Dafür streitet sie. In Zukunft auch in der Politik. Sie ist den Grünen beigetreten und will für die Partei bei der Bundestagswahl 2021 antreten. Wieder eine neue Herausforderung für Lamya Kaddor.

Ceyda Nurtsch

© Qantara.de 2020

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