Britische Muslime am Scheideweg

Probleme beginnen in den Moscheen

Großbritanniens Muslime müssen sich auf den wahren Kern ihres Glaubens besinnen und dürfen ihn nicht denen überlassen, die ihn für extremistische politische Ziele missbrauchen, meint Aftab Malik

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Betende Muslime in Londoner Moschee; Foto: AP
Heutige Fragen der Identität und der Religion werden von den Imamen der Moscheen nicht mehr verstanden, schreibt Aftab Malik

​​Die britischen Muslime befinden sich am Scheideweg. Niemals zuvor wurde ihre Loyalität und ihr Zugehörigkeitsgefühl auf eine solche Probe gestellt. Wir Muslime müssen erkennen, wie sehr wir in das Netz der britischen Gesellschaft verwoben sind, wenn wir diejenigen stoppen wollen, die es zu zerreißen versuchen. Doch was muss dafür geschehen?

Zunächst muss es darum gehen, die ganze Tragweite des Problems zu ermessen. Es beginnt in den Moscheen, die über Jahrhunderte als Zentren des Islamstudiums fungiert haben. Heute liefern die Imame irrelevante Freitagspredigten ab in einer Sprache, die den zunehmend englischsprachigen Gläubigen fremd geworden ist.

Kein Wunder also, dass sich junge britische Muslime nach anderen Leitbildern umsehen in ihrem Bemühen, Antworten auf die immer komplexer werdenden Probleme zu bekommen, die mit Modernität zusammenhängen, mit ihrer Identität, ihrer Zugehörigkeit und Religion. Alles Fragen, die die Imame nicht mehr zu begreifen scheinen.

Die Herausforderungen, die sich an eine lebensfähige britisch-islamische Identität zurzeit stellen, sind gewachsen, seitdem politische Interessen immer mehr in den Vordergrund der öffentlichen Diskussion gerückt sind und ethische Fragen in den Hintergrund.

So wurde es immer mehr autoritären Amateuren und Aufwiegler mit wenig oder gar keiner Kenntnis des islamischen Rechts und der Theologie überlassen, sich lautstark zu äußern und die ruhigen und wahren Stimmen muslimischer Gelehrter zum Schweigen zu bringen.

Vereinfachter Islam

Die Welt nach dem 11. September 2001 brachte unter den jungen Muslimen immer mehr dieser Demagogen hervor, die ihr sorgloses Geschrei auch noch als Widerstand gegen die Bush-Administration und die Blair-Regierung verklären.

Die Anmaßung, zu bestimmen, wer ein guter Muslim ist und wer nicht, sorgt dafür, dass alle Komplexitäten und Nuancen islamischer Gelehrsamkeit eingeebnet werden zu einer vereinfachten, eindimensionalen Weltsicht — einer Weltsicht, die ohne Schönheit, Verschiedenheit und Farben auskommt.

Die selbsternannten Gelehrten reduzieren den Islam auf eine bloße Stammesdoktrin, deren Ehre und Integrität von Fanatikern verteidigt werden muss gegen jede Art von Anfeindungen. Der Zorn dieser Auffassung des Islam gegenüber seinen Feinden ist allumfassend.

Darin unterscheidet er sich also in keiner Weise von der Intoleranz christlicher Fundamentalisten, die die gegenwärtigen Ereignisse ebenfalls als einen Krieg der Religionen ansehen, bei dem jede der beiden Seiten Gott auf ihrer Seite glaubt.

Die Trennungslinie

Der Schmerz und die Wut, die so viele Muslime überall in der Welt fühlen, sind schließlich auch im Westen angekommen. Auch hier sehen nun immer mehr Muslime den "Krieg gegen den Terror" als "Krieg gegen den Islam". Junge Muslime fühlen sich machtlos und schuldig, weil sie nicht fähig sind, ihren Glaubensbrüdern gegen die Übergriffe "zionistischer Kräfte" und "amerikanischer Kreuzzügler" zur Seite zu stehen.

Angesichts der Flut von Verschwörungstheorien und dschihadistischen Videos werden sie ermutigt, zu Komplizen zu werden. Sie unterliegen einer regelrechten Gehirnwäsche, die ihnen einredet, dass der Islam selbst von der Auslöschung bedroht sei.

In vielen englischen Städten — Birmingham, East London, Bradford — ist das Ausmaß der muslimischen Wut geradezu greifbar. Der "Krieg gegen den Terror" hat die Radikalisierung der Muslime sicher nicht ausgelöst, doch nur noch erbitterter gemacht; die Palästinenserfrage gab es auch schon vor dem 11. September.

Dies wurde bei einer Debatte deutlich, an der ich im Dezember 2001 teilnahm. Jemand sprach das Thema Selbstmordanschläge an und meinte, dass es ihm schwer fiele zu verstehen, warum traditionelle islamische Gelehrte diese Praxis verurteilten.

Dieser Jemand war niemand geringerer als Asif Muhammed Hanif, der sich im April 2003 mitsamt seiner Bombe in einer Kneipe in Tel Aviv in die Luft sprengen sollte. Außer ihm starben noch drei weitere Menschen, fünfzig wurden verletzt.

Das, was die Menschen, die ihn aus London kannten, damals über ihn sagten, erinnert an die Worte, mit denen jüngst auch die Attentäter vom 7. Juli beschrieben wurden: ruhig, freundlich, ein Familienmensch.

Im Falle Asifs war seine Sorge um die Sache der Palästinenser ins Extreme gesteigert, vielleicht in ähnlicher Weise, wie die Ereignisse im Irak oder in Afghanistan den Tätern der jüngsten Anschläge einen letzten Vorwand für ihre Verbrechen lieferten.

Wenn in der Vergangenheit ein solcher Extremismus innerhalb der muslimischen Gemeinschaft zum Vorschein kam, waren die islamischen Gelehrten schnell bereit, ihn zu verurteilen, und die Grenzen zum islamischen Mainstream klar zu ziehen.

Doch war dies nur deshalb möglich, weil sich die damaligen Gelehrten zu jener Zeit noch mit aktuellen Fragen beschäftigten. Tun sie es nicht, übernehmen andere die Meinungsführerschaft, sprechen im Namen des Islam und ziehen Schlussfolgerungen.

Die Wahrheit der Tradition

Bei der Bewahrung ihres Glaubens vor den Extremisten aber sollten sich die Muslime auch vor den "Prominenten" unter den Reformern hüten — nicht selten also vor jenen, die selbst den "Krieg gegen den Terror" und den Krieg gegen den Irak rechtfertigten.

Diese scheinen entschlossen, eine Art "islamische Reformation" zu initiieren, geführt von ihnen und von ihnen eingesetzten "Modernisierern". Die Gefahr besteht jedoch, dass ein reformierter und modernisierter Islam dasselbe Gefühl der Entfremdung und Entwurzelung erzeugt, das die Hassprediger bisher auszunutzen verstehen.

Die Rufe nach einer "islamischen Reformation" übersehen einen wichtigen Punkt: Die Architekten der Zerstörung können nur deshalb einen solch vernichtenden Schaden anrichten, weil sie den Islam bereits reformiert haben. Nämlich zu einem verengten, blutigen, verdrehten Dogma.

Weiterer Reformdruck wird die Radikalen nur darin bestätigen, dass es der Westen ist, der dahinter steht; der Westen mit seinen Forderungen nach einer neuen, genehmen Version des Islam, einer, die den Neokonservativen und ihren Think Tanks in den Kram passt.

Doch die islamische Tradition und ihre Werte — Gnade, Mitgefühl, Frieden und die Heiligkeit alles Lebens — kann und muss für sich selbst sprechen. Muslime bedürfen deshalb viel eher eines Prozesses der "Re-education" als eines der Reformation. Dieser Prozess muss von innen kommen und auf jeder Ebene der muslimischen Gemeinschaft gleichermaßen angelegt sein.

Dies erfordert zugleich eine Führerschaft, die in der traditionellen Gelehrsamkeit verankert ist und durch eine Vision von Moral bestimmt wird, die jede Form von Eiferertum und Hass ablehnt. Nur so lässt sich dieser "theologischen Neurose" junger britischer Muslime gegenübertreten, die zu einem so wichtigen Bestandteil der muslimischen Subkultur geworden zu sein scheint.

Wenn das Gefühl der Zugehörigkeit wirklich gestärkt werden soll, ist eine gute Führerschaft von größter Bedeutung. Leitfiguren werden gebraucht, Menschen, die Jugendliche erreichen können, von denen viele — vor dem Hintergrund des "Krieges gegen den Terror" und den Anschlägen vom 7. Juli — die Zugehörigkeit zum islamischen Glauben und zur britischen Nation als unvereinbar ansehen.

Verantwortung der Prediger

Es gibt einen dringenden Bedarf an in Großbritannien geborenen Imamen, die die Komplexitäten und Herausforderungen nachvollziehen können, mit denen die in einer säkularen Gesellschaft lebenden Muslime zu kämpfen haben. Sie müssen zusammenarbeiten und die Richtung der muslimischen Gemeinschaft bestimmen.

Predigten müssen das Thema der Staatsbürgerlichkeit aufgreifen, die Rechte anderer Menschen und den Wert der sozialen Harmonie — und dies alles aus Perspektive des islamischen Glaubens und seiner Traditionen. Denn all dies gehört zur islamischen Realität genauso wie zur Tradition.

Diese Hoffnung steckt tief in jedem dieser jungen, verlorenen Menschen, die ansonsten der Verlockung von Gewalt und Extremismus erliegen werden. Eines Extremismus, der vom Islam so weit entfernt ist, wie Liebe von Hass.

Aftab Malik

© Aftab Malik

Der Beitrag erschien auf der Website openDemocracy

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