"Briefe an einen jungen Marokkaner"

Zeugnisse der Lähmung und Hoffnungslosigkeit

Die vor allem bei der jüngeren marokkanischen Generation verbreitete Perspektivlosigkeit hat 18 Schriftsteller aus dem nordafrikanischen Land dazu veranlasst, einen offenen Brief an ihre Landsleute zu schreiben: "Briefe an einen jungen Marokkaner". Von Kersten Knipp

18 Autoren und 18 Briefe, 18 Geschichten, Bekenntnisse und Abhandlungen. Im Ton sind sie meist melancholisch gehalten – die 18 Arten, Marokko zu sehen, das Land und seine Menschen. Doch sind es auch 18 unterschiedliche Arten? In der Form ja, in der Themenwahl allerdings nicht. Die Missstände sind klar benannt, es sind die üblichen: Armut, Chancenlosigkeit, Korruption, Arbeitslosigkeit und, aus all dem resultierend, der Fundamentalismus und der Wunsch, das Land zu verlassen.

Land der gescheiterten Absichten

Und doch, das zentrale Motiv vieler Autoren ist ein anderes: die Verzweiflung, die Lähmung und Mutlosigkeit, von denen sie ihre Landsleute befallen sehen. Ein existentielles Loch tut sich da auf, ein graues Nichts, in das so viele Lebenspläne stürzen. Der Wille ist da, aber es fehlt die Ausdauer, die Zähigkeit. Marokko, so kann man es in vielen Briefen lesen, ist das Land der gescheiterten Absichten, der unverwirklichten guten Vorsätze. Könnte es anders sein? Es braucht viel, um in diesem Land nicht zu scheitern, mehr als anderswo. Denn Wünsche, Hoffnungen und Talente gibt es zwar, sogar im Übermaß. Aber oft fehlen die Voraussetzungen, um sie wahr werden zu lassen.

Hinzu kommt der Traum vom Erfolg ohne Einsatz, der Traum vom schnellen, kostenlosen Aufstieg. Paradoxerweise ist es genau jener Traum, der die Marokkaner mit den Menschen in der restlichen Welt verbindet, der sie anschließt an jene "Internationale des Zynismus", der unverdienten Prominenz, die großmäulig auf ihren Status pocht, ohne erklären zu können, worauf sich dieser eigentlich gründet. "Auch Marokko", schreibt Tahar Ben Jelloun, mit 65 Jahren der mit Abstand älteste der hier versammelten Autoren, "hat sich angesteckt vom Fieber des Geldes, des ostentativen Reichtums, des Unechten und der Anmaßung. Dieses Laster verdirbt uns und untergräbt unsere Prinzipien."

Illusion der Intimität

Was das heißt, und wie sich darauf reagieren ließe, das ist das Thema nahezu aller Autoren in "Briefe an einen jungen Marokkaner". Und die Antworten, die sie geben, verhelfen dem eigentlich fast schon vergessenen literarischen Genre des Briefs wieder zu jener Funktion, für die er vormals bekannt war: Er wird zum Medium des Austausches, der vertraulichen Mitteilung, die ihre Wirkung auch dann nicht verfehlt, wenn von vornherein fest steht, dass die vermeintliche private Korrespondenz tatsächlich eine vor großem (Lese-)Publikum ist.

Tahar Ben Jelloun; Foto: dpa
Tahar Ben Jelloun: "Auch Marokko hat sich angesteckt vom Fieber des Geldes, des ostentativen Reichtums, des Unechten und der Anmaßung. Dieses Laster untergräbt unsere Prinzipien."

​​Vielleicht entfaltet die intime Form gerade dann ihre größte Wirkung, wenn sie bloß eine inszenierte ist. Die Illusion der Intimität hat ihren Sinn: Sie lädt dazu ein, den Bekenntnissen ihren Schmerz zu lassen. Hicham Tahir etwa, 1989 geboren und damit der jüngste der hier versammelten Autoren, widmet sich in seinem Brief den Schmerzen eines anderen: dem Unglück eines jungen Menschen, der nicht froh wird an und in seinem Land, der es verlassen und woanders sein Glück versuchen will.

Aber: Würde er es anderswo schaffen? Bekäme er sein Leben anderswo in den Griff? Sicher ist das nicht. Warum hast du dein Studium nicht beendet, will Tahir wissen. Weil ein Abschluss ohnehin nichts brächte. Aber: Ist das so sicher? Tahir - wie auch viele andere Autoren - beobachtet einen um sich greifenden Fatalismus, der vielen Marokkanern genau das nimmt, was sie am meisten bräuchten: die eigene Zuversicht.

Selbstkritische Generation

Genau das unterscheidet die Generation der hier versammelten Autoren – die meisten sind in den 1970er Jahren geboren – von ihren Vorgängern: Die institutionellen Schwächen der Gesellschaft sehen sie sehr klar. Sie weigern sich aber, mit ihnen auch die eigenen Fehler zu entschuldigen. Die Euphorie der Unabhängigkeit teilt diese Generation nicht mehr. Stattdessen wirft sie einen nüchternen Blick auf das halbe Jahrhundert, das seit der marokkanischen Unabhängigkeit vergangen ist – und in der die Marokkaner hinreichend Gelegenheit hatten, sich in der Kunst der Verdrängung zu üben.

"Ich mache einen Aufstand, rege mich auf, gerate in Wut, wenn ich diese Redensarten höre, anderen die Schuld für all die Fehler, all die Demütigungen, die Zeichen des Misserfolgs zuzuschieben", schreibt die Journalistin Sanaa Elaji. "Die Vereinigten Staaten, Israel, die Familienprobleme, die Regierung, die Armut, das Unwissen, der Analphabetismus, der Alkohol – die Liste ist lang. Ich finde es merkwürdig, wie viele Kinder dieses Landes an die Besessenheit der USA glauben, unsere Werte in den Schmutz zu ziehen." Leicht sagen sich diese Worte nicht, nicht einmal in einem Brief: Wegen eines Beitrags im Nachrichtenmagazin "Nichane", der sich den in Marokko grassierenden Witzen über die Religion widmete, wurden Elaji und Driss Ksikes, der Chefredakteur des Blattes, zu einer Bewährungsstrafe von drei Jahren verurteilt.

Entwurzelte Existenz

Es sind solche Verhältnisse, gegen die Abdellah Taïa, der Herausgeber der Sammlung, angehen will. Er selbst hat sich vor zwei Jahren als erster Schriftsteller seines Landes öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt – und in Marokko damit eine gewaltige Diskussion über das Thema ausgelöst. Nun also die Briefssammlung. In seinem eigenen Brief berichtet Taïa von seinem Vater, einem Menschen ohne Wurzeln: Er sei nicht der, für den er sich halte, hatte ihm einst sein Bruder erklärt. Denn er, der Vater, entstamme einer unehelichen Beziehung der Mutter. Aber den Namen Taïa dürfe er trotzdem tragen. Dichtung oder Wahrheit? Es hat sich nie klären lassen.

Doch der Verdacht stand im Raum, und der Vater litt an ihm, bis zu seinem Tod im Jahr 1996. Von Entwurzelungen berichten auch die anderen Autoren. Die in Belgien lebende Autorin Rachida Lamrabet berichtet vom Männlichkeitskult junger Marokkaner, dem hilflosen Versuch, das Leben in der Fremde in den Griff zu bekommen. Der Künstler Mounir Fatmi berichtet von der Armut seiner frühen Jahre und seinem Willen, es mit ihr aufzunehmen. Abdelhak Serhane erkundet in ironischer Form die Vorteile, die eine Politikerexistenz mit sich bringt. Der Journalist Younès Boumhedi beschwört seine Generation das Land nicht zu verlassen – sie, die jungen Leute, würden dringend gebraucht. Lasst uns darum nicht verzweifeln, ermuntern die Autoren sich und ihre Leser. Lasst uns nicht verzweifeln – auch oder gerade wenn es nicht einfach ist.

Kersten Knipp

© Qantara.de 2009

Die von Abdellah Taïa herausgegebenen "Briefe an einen jungen Marokkaner" ("Lettres à un jeune marocain") erscheinen seit Anfang August 2009 in einer Auflage von 50.000 Exemplaren über das marokkanische Nachrichtenmagazin "Tel Quel". In wenigen Monaten soll der Band auch in Frankreich herauskommen.

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