Blogeintrag zu Terroropfern

Sind arabische Leben weniger wert?

Weltweite Trauer um die Opfer von Paris - aber was ist mit denen, die einen Tag zuvor im Libanon zerfetzt wurden? Der Arzt Elie Fares aus Beirut traf mit einem Blogbeitrag einen Nerv.

Elie Fares ist 26 Jahre alt und Arzt in Beirut. Am Samstag (14.11.) sprach er mit einem Beitrag auf seinem Blog vielen Arabern aus dem Herzen: Die Welt fühle mit den Toten von Paris, Terroropfer in arabischen Ländern ignoriere sie aber. Der Text wurde mehr als eine Viertelmillion Mal auf Facebook geteilt, tausend Male getwittert - auch wenn andere Beobachter bestreiten, Medien hätten den Anschlag in Beirut vom 12.11. ignoriert.

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Als ein Freund mir nach Mitternacht sagte, ich solle mir die Nachrichten aus Paris ansehen, hatte ich erst einmal keine Ahnung, dass ich den Stadtplan einer Stadt sehen würde, die ich liebe, nur dass er die Tatorte mehrerer gleichzeitiger Terrorangriffe zeigte. Ich zoomte näher heran. Einer der Tatorte lag genau dort, wo ich 2013 gewohnt hatte, auf demselben Boulevard.

Je länger ich las, desto höher stieg die Zahl der Toten. Es war schrecklich; es war entmenschlichend; es war völlig und unwiderruflich hoffnungslos: 2015 endete so, wie es begonnen hatte - mit Terroranschlägen, die im Libanon und in Frankreich beinahe zur selben Zeit stattfanden - ausgeführt von verrückten Kreaturen, die Hass, Angst und Tod verbreiteten, wohin sie auch gingen.

Heute Morgen bin ich aufgewacht und zwei Städte waren zerbrochen. Meine Freunde in Paris, die noch gestern gefragt hatten, was denn in Beirut passiert sei, lernten nun plötzlich die andere Seite kennen. Unsere beiden Hauptstädte waren zerbrochen und vernarbt. Für uns hier waren das vielleicht alte Nachrichten, für sie aber Neuland.

Mehr als 129 unschuldige Zivilisten aus Paris sind nicht länger bei uns. Am Tag zuvor waren 45 unschuldige Zivilisten aus Beirut nicht länger bei uns. Die Opferzahlen steigen, aber wir lernen offenbar nie dazu.

Wir sind nicht wirklich wichtig

In all dem Chaos und der Tragödie nagte ein Gedanke an mir und wollte meinen Kopf nicht verlassen. Es ist derselbe Gedanke, der in meinem Schädel nach jedem dieser Ereignisse widerhallt, die mittlerweile leider immer wieder passieren: Wir sind nicht wirklich wichtig.

Als meine Leute am 12. November auf den Straßen Beiruts in Stücke gesprengt wurden, lautete die Schlagzeile: "Explosion in Hisbollah-Hochburg", als könnte der politische Hintergrund einer urbanen Gegend den Terror irgendwie in einen Kontext einordnen.

IS-Anschlag am 12.11.2015 in Beirut, Libanon; Foto: picture alliance/ZUMAPRESS/N.Lebanon
"Als meine Leute am 12. November auf den Straßen Beiruts in Stücke gesprengt wurden, lautete die Schlagzeile: 'Explosion in Hisbollah-Hochburg', als könnte der politische Hintergrund einer urbanen Gegend den Terror irgendwie in einen Kontext einordnen", schreibt Elie Fares in seinem Blog.

Als meine Leute am 12. November auf den Straßen Beiruts starben, standen die Führer der Welt nicht auf und verurteilten das. Es gab keine Statements, in denen Sympathie mit dem libanesischen Volk ausgedrückt wurde (Anm. d. Red: UN und Barack Obamas Nationaler Sicherheitsrat äußerten sich allerdings sehr wohl). Es gab keine weltweite Empörung darüber, dass unschuldige Menschen, deren einziger Fehler war, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, nie so etwas passieren sollte oder dass ihre Familien niemals auf solche Weise zerstört werden sollten. Religion oder politischer Hintergrund eines Menschen sollten nicht darüber entscheiden, ob man erschrocken ist, dass sein Körper auf dem Zementboden verbrennt.

Bewusster Angriff auf die Stabilität des Landes

Zwei Selbstmordattentäter haben in der libanesischen Hauptstadt Beirut viele Menschen getötet. Außenminister Frank-Walter Steinmeier wertet den Anschlag als bewussten Angriff auf die Stabilität des Landes.

Obama gab keine Mitteilung dazu heraus, dass ihr Tod ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei; was ist Menschlichkeit überhaupt außer einem subjektiven Ausdruck, der den Wert eines bestimmten menschlichen Wesens bestimmen soll?

Stattdessen verkündete ein amerikanischer Möchtegern-Senator, wie glücklich er sei, dass meine Leute gestorben sind, dass die Hauptstadt meines Landes zerschmettert wurde, dass Unschuldige ihr Leben verloren und dass die Opfer Menschen aus allen möglichen Hintergründen gewesen waren.

Als meine Leute starben, hielt es kein Land für nötig, seine Sehenswürdigkeiten in den Farben seiner Flagge zu beleuchten. Nicht einmal Facebook hielt es für nötig, dass meine Leute sich als "sicher" markieren konnten, so banal das auch sein mag. Hier ist euer Facebook-Safety-Check: Wir haben, zum jetzigen Zeitpunkt, alle Terrorangriffe in Beirut überlebt.

Stellt euch auf Islamophobie ein

Solidarität mit Frankreich: in den französischen Nationalfarben illuminiertes Brandenburger Tor; Foto: Getty Images/AFP/T. Schwarz
"Als meine Leute starben, hielt es kein Land für nötig, seine Sehenswürdigkeiten in den Farben seiner Flagge zu beleuchten und es hat die Welt auch nicht in Trauer gestürzt. Der Tod meiner Leute war nicht mehr als ein irrelevanter Tupfen im internationalen Nachrichtenzyklus, etwas, das eben in diesen Teilen der Welt passiert", so Elie Fares.

Als meine Leute gestorben sind, hat das die Welt nicht in Trauer gestürzt. Ihr Tod war nicht mehr als ein irrelevanter Tupfen im internationalen Nachrichtenzyklus, etwas, das eben in diesen Teilen der Welt passiert.

Und wisst ihr was, das ist okay für mich. Im vergangenen Jahr habe ich mich damit abgefunden, eines von den Leben zu führen, die egal sind. Ich habe gelernt, es zu akzeptieren und damit zu leben.

Stellt euch darauf ein, dass in den kommenden Tagen die Islamophobie in der Welt wieder ansteigt. Stellt euch auf Artikel darüber ein, dass Extremismus keine Religion hat und darüber, dass die Mitglieder des "Islamischen Staates" keine echten Muslime sind, und das sind sie sicher nicht, denn kein Mensch mit auch nur einem Funken Moral in sich würde solche Dinge tun. Der IS hat islamophobe Reaktionen eingeplant, die er dann benutzen kann, um seinen höllischen Finger auszustrecken und jedem empfänglichen Geist, der ihm zuhört, zu sagen: Schau, sie hassen uns. Nur wenige sind fähig, darüber zustehen.

Stellt euch darauf ein, dass Europa in den kommenden Tagen versuchen wird, mit wachsender Ablehnung gegen die Flüchtlinge klarzukommen, die in seine Länder strömen, mit den Fingern auf sie zeigen wird und sie beschuldigen wird, schuld an der Nacht des 13.11. in Paris zu sein. Wenn Europa nur wüsste, dass für diese Flüchtlinge jede Nacht in den vergangenen zwei Jahren so war wie die Nacht des 13. 11. In Paris. Aber schlaflose Nächte sind nur wichtig, wenn dein Land es schafft, dass die ganze Welt in den Farben seiner Fahne erstrahlt.

Wenn das die Normalität ist, soll sie zur Hölle fahren

Noch schrecklicher an der Reaktion auf die Pariser Terrorangriffe war aber, dass manche Araber und Libanesen trauriger darüber waren, was dort passierte, als über das, was am Tag zuvor in ihrem eigenen Hinterhof passiert ist. Sogar unter meinen Leuten gibt es das Gefühl, dass wir nicht so wichtig sind, dass unsere Leben nicht so wertvoll sind und dass wir es, nicht einmal ein bisschen, verdient haben, dass unsere Toten kollektiv betrauert werden und für sie gebetet wird.

Es ergibt vielleicht Sinn, dass Libanesen, die eher Paris besuchen als Dahyeh (südlicher Vorort von Beirut, zu dem auch der Anschlagsort Bourj el-Barajneh gehört; Anm. d. Red.), sich mehr um Ersteres scheren als um Letzteres, aber viele der Leute, die ich kenne, die am Boden zerstört sind wegen des Chaos in Paris, geben einen Scheißdreck darauf, was 15 Minuten von ihrem Wohnort entfernt mit Menschen passiert, denen sie vielleicht schon einmal begegnet sind, als sie durch vertraute Straßen liefen.

Wir können darum bitten, dass die Welt doch Beirut für genauso wichtig halten soll wie Paris, oder dass Facebook für uns einen "Safety Check"-Button einführt, den wir jeden Tag benutzen können, oder darum, dass Menschen sich überhaupt um uns sorgen. Aber die Wahrheit ist, wir sind ein Volk, das sich nicht einmal um sich selbst sorgt. Wir nennen es Gewöhnung, aber das ist es nicht wirklich. Wir nennen es "neue Normalität", aber wenn das die Normalität ist, soll sie zur Hölle fahren.

In einer Welt, die sich nicht um arabische Leben schert, stehen Araber in der vordersten Frontlinie.

Übersetzung aus dem Englischen: Jannis Brühl

© Süddeutsche Zeitung 2015

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Leserkommentare zum Artikel: Sind arabische Leben weniger wert?

Ich kann Elie Fares' empörten Aufschrei gut verstehen. Nur ist sein und unser aller Gefühl weniger "moralisch", als vielmehr "psychologisch". Es geht hier aber nicht um Rassismus, sondern um - vielleicht bedauernswerte - Menschlichkeit.

Nach den Gesetzen der menschlichen Wahrnehmung nehmen wir IMMER selektiv wahr. Einer der Gründe, warum wir selektieren, ist neben Vorerfahrungen, Erwartungen oder den Gestaltgesetzen die Frage, wie nah oder vertraut ist mir das Wahrgenommene. Und da ist mir aus vielen Gründen Paris näher als Beirut (mein Nachname ist auch ein Grund). Das bedeutet zunächst einmal aber überhaupt keine Wertung, sondern nur die Fähigkeit oder Bereitschaft Informationen der eigenen Wichtigkeit nach einzuordnen. Ich weiß z.B. nicht, ob es in Beirut eine Metro gibt. In Paris bin ich oft damit gefahren.

Ich habe z.B. in länger Kenya gelebt und war 2013 mit einer Studiengruppe 6 Wochen vor dem Anschlag auf Westgate in demselben Gebäude, einen vollen Nachmittag lang. Es hätte also auch uns treffen können. Eine junge Frau aus meinem Bekanntenkreis ist beim Auswählen des Hochzeitskleids getötet worden. Sprich: Ich bin hier sehr stark fokussiert. Über den Anschlag haben die deutschen Medien durchaus berichtet, aber (natürlich) nicht in dem gleichen Maße, wie die nahen kenyanischen. Ich hätte mir da mehr gewünscht, verstehe aber, warum das so ist. Empört hätte mich, wenn NICHT berichtet worden wäre. In der Wikipedia findest Du dazu sogar einen eigenen Arikel; keeine bloße Fußnote.
Nun frage ich dich, Elie Fares - und all die anderen, die sich vorschnell empören und entrüsten: Elie, wo hast Du auf Facebook am 24. September 2013 die kenyanische Flagge gezeigt? Bist Du - seid Ihr - nun alles Rassisten, weil ein schwarzes Leben weniger wert ist, als ein arabisches oder "weißes"? Nein, seid ihr nicht. Ihr nehmt nur selektiv wahr.
Was einen ärgern mag, wenn man selbst nah dran und betroffen ist.
Über den Kopf können wir uns selbstverständlich bemühen, auch Anderes, Fremdes wahrzunehmen, am besten, wenn wir es uns vertraut machen (wie's im Kleinen Prinzen heißt). Wenn wir hingucken, zuhören und hinreisen.

Elie, weißt Du, dass in Kenya wöchentlich Menschen durch islamistische Attacken und Suicide Bomber sterben?
Kennst Du Dabaab? Weißt du, dass dort im größten Flüchtlingslager der Welt die kenyanische Regierung die Gewalt über 650.000 Flüchtlingen verloren hat und Al Shabab herrscht?
Wenn Du kein Rassist bist, warum hast Du dann Deine Regierung nicht längst aufgefordert, Kenya, das als westlich-christliches Land an vorderster Linie gegen den Terror steht, finanziell zu unterstützen? Unsere Freiheit und unsere Werte werden nicht nur am Hindukusch, sondern auch am Äquator bedroht und verteidigt.
Hast Du nicht, weil es mühsam ist, trotz der psychologischen Wahrnehmungsrituale, einen offenen Blick für das weniger Nahe, Fremde und Bedrohliche gewonnen.

Dein Aufschrei hat mir trotzdem geholfen, meinen Blick zu weiten. Arabische Leben sind nicht weniger Wert. Wir nehmen sie leicht nur weniger wahr. Ich musste aber feststellen, dass mir der Tod der arabisch-islamischen Terroristen von 13/11 tatsächlich weniger Wert war, als der der viehisch geschlachteten Geiseln. Und zu meinem Schrecken musste ich feststellen, dass mich der Tod der Terroristen gefreut hat. Bin ich nun islamophob, rassistisch? Glaube ich eher nicht; ich vermute, dass auch Du dich als (muslimischer?) Araber, der du die Gewalttaten streng ablehnst, gefreut haben dürfte. Das eint uns wieder.

Und tröstet Dich vielleicht; dass selektive, verzerrte und verengte Wahrnehmung, nicht Respektlosigkeit und Missachtung bedeutet. Die gibt es leider, aber die sieht anders aus.

Raimund Pousset20.11.2015 | 13:39 Uhr

Wer diesen Artikel gelesen hat, sollte nun auch mal beobachten, wie die Attentate in Nigeria oder Mali berichtet und kommentiert werden. Ich erwarte, dass die Welt Terror in Schwarzafrika noch mehr als Normalität, für die sich kaum eine Reaktion lohnt, empfindet.

Elie Fares hat zwar Recht, aber vielleicht gibt es auch für ihn Opfer zweiter Klasse.

Ich nutze Facebook nicht, wüßte aber gerne, ob sich schon "Leute ... die am Boden zerstört sind wegen des Chaos in Paris" aber nicht in Beirut, dazu schreiben. Vielleicht gab es ja in Beirut frustrierende Erfahrungen (Müll?), durch die sie die Stadt nicht mehr mögen.

Norbert Schnitzler20.11.2015 | 14:07 Uhr