Die Regierung versucht, solche Streitigkeiten durch Anweisungen des Generaldirektors für Fragen der Islamgemeinschaft im Ministerium für religiöse Angelegenheiten zu verhindern. Die Nutzung der Lautsprecher einzuschränken, geht auch auf Vorschläge führender islamischer Persönlichkeiten zurück, darunter des verstorbenen Abdurrahman Wahid. Wahid war ein ehemaliger Führer der größten islamischen Nicht-Regierungsorganisation „Nahdlatul Ulama“ (NU) und galt als gemäßigt-islamischer Denker.

Vizepräsident Jusuf Kalla – ein Mitglied des NU-Beirats – empfahl ebenfalls, die Gebetsrufe mit moderater Lautstärke zu übertragen. Doch dieser Vorschlag wird von Moscheen kaum umgesetzt, auch nicht von denen, die der NU angehören. Viele verwenden immer noch Hochleistungslautsprecher.

Eine neue Art der Blasphemie

Melianas Verurteilung reiht sich in eine wachsende Zahl von Blasphemieurteilen. Mehr als 130 Menschen wurden seit Beginn der demokratischen Reformen 1998 wegen Blasphemie verurteilt. Das entspricht einer Verzehnfachung gegenüber der vorherigen autoritären Periode.

Das indonesische Blasphemiegesetz (Artikel 156a des Strafgesetzbuches) definiert Blasphemie als eine Handlung, die "dadurch gekennzeichnet ist, dass sie gegenüber einer in Indonesien ausgeübten Religion feindselig gesinnt ist, sie missbraucht oder befleckt" und in der "Absicht geschieht, eine Person daran zu hindern, einer Religion anzugehören, die auf dem Glauben an den allmächtigen Gott beruht".

Die Definition bezieht sich rein theoretisch auch auf Gotteslästerung gegenüber einer der anderen in Indonesien anerkannten Religionen, nämlich Protestantismus, Katholizismus, Hinduismus, Buddhismus und Konfuzianismus, aber in den meisten Fällen werden Menschen wegen Blasphemie gegen den Islam verurteilt.

Vor Melianas Verurteilung hatten vor allem drei Tatbestände zur Formulierung von Blasphemievorwürfen geführt. Erstens im Zusammenhang mit unterschiedlichen Auslegungen der Religion, wenn ein Mitglied einer religiösen Minderheit eine Idee vorantreibt, die die Mehrheit für abweichend hält. Zweitens Fälle, in denen der Beschuldigte einen Teil einer Religion oder eines religiösen Symbols anfechtet, so wie im Falle Ahoks, der einen Koranvers zitierte und unterstellte, dieser Vers werde von seinen politischen Gegnern dazu benutzt, Wähler zu täuschen. Und drittens Fälle von Missionierungsversuchen.

Melianas Fall kann als eine neue Art von blasphemischem Tatbestand verstanden werden. Da die Blasphemie nicht umfassend definiert ist, kann das Urteil zu einem neuen Präzedenzfall werden, wonach Klagen über zu laute Moscheelautsprecher als Blasphemie ausgelegt werden. Dabei sollte jedoch berücksichtigt werden, dass solche rechtlichen Probleme nicht ohne die Politisierung der Religion auftreten würden. Eine solche Politisierung dient den Akteuren zunehmend als Strategie zur Mobilisierung konservativer Muslime im Wettbewerb um die politische Macht.

Rafiqa Qurrata A'yun

© Inside Indonesia 2019

Aus dem Englischen von Peter Lammers

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Leserkommentare zum Artikel: Politisierte Religion

Ach nein! Bisher wurde uns doch immer vorgemacht Indonesien sei DAS muslimische Musterland in Sachen Demokratie und moderater Auslegung des Islam. Ich hatte da schon immer meine Zweifel vor allem aufgrund der Vorgänge in der Provinz Aceh, die auf andere Provinzen übergreifen. Öffentliche Prügelstrafe für kleinste "Vergehen" gegen absolut reaktionäre Moralvorstellungen, Kopftuchzwang, etc. pp sind doch dazu geeignet, sich massiv Sorgen zu machen über den Trend in diesem Land. Mich wundert nichts mehr. Der Lärmterror - auch mitten in der Nacht (für mich war und ist derartiger Lärm, dem ich jahrelang ausgesetzt war, permanente Körperverletzung) der Moscheen und Beerdigungsrituale ist übrigens auch in anderen muslimischen Ländern durch fast nichts mehr zu überbieten, ein Zeichen für den tollen "Respekt" den man Mitmenschen in islamischen Ländern unter dem Vorwand der Religiosität entgegenbringt.

Ingrid Wecker15.02.2019 | 18:21 Uhr