Die MUI ist eine quasi-staatliche Organisation, die für die Ausarbeitung von Rechtsauskünften zu Religionsfragen zuständig ist. Deren Fatwas dienen der Polizei als maßgebliche Referenz bei Verdacht auf Blasphemie. Zum damaligen Zeitpunkt sah das MUI jedoch von einer Fatwa ab. Der nord-sumatraische Zweig der zweitgrößten islamischen Organisation Indonesiens, Muhammadiyah, veröffentlichte jedoch eine Erklärung, wonach Meliana für den Aufstand verantwortlich gemacht wurde.

Mitte Januar 2017 besuchte der Vorsitzende der "Front der Islam-Verteidiger", Rizieq Shihab Medan, die Hauptstadt Nord-Sumatras. Dort warb er um Unterstützung der islamischen Protestbewegung, die die Kundgebungen gegen Ahok ausgelöst hatten. Eine Woche später, am 24. Januar 2017, sprach das MUI von Nord-Sumatra schließlich eine Fatwa gegen Meliana wegen Blasphemie aus.

Islamistische Hardliner protestieren gegen die Haftentlassung des christlichen Ex-Gouverneurs "Ahok" in Jakarta, Indonesien; Foto: Reuters/D. Whiteside
Islamistische Mobilisierung gegen christlichen Ex-Gouverneur "Ahok": Menschenrechtler kritisieren, sein Fall sei ein Beleg dafür, dass fundamentalistische Strömungen im muslimisch dominierten Indonesien mit seinem fast 270 Millionen Einwohnern auf dem Vormarsch seien. "Ahok" gehört nicht nur der christlichen Minderheit an, die knapp zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen. Anlass für die Blasphemie-Vorwürfe gegen "Ahok" war eine Rede während des Wahlkampfs 2016. Damals erwähnte er eine Sure des Korans, die es Muslimen angeblich verbietet, für Nicht-Muslime zu stimmen.

Die Polizei zog diese Fatwa als Grundlage für ihre Ermittlungen heran und brachte den Fall vor Gericht. Sie diente auch dem Richter als Hauptbeweismittel bei der Feststellung der Schuld Melianas.

Orientierungshilfe, aber keine Vorschrift

An vielen Orten Indonesiens werden vor und nach den fünf täglichen Gebetsrufen Rezitationen aus dem Koran über Moscheelautsprecher übertragen. Dies ist zwar seit Langem gängige Praxis, aber nicht selten wird über die Lautstärke gestritten.

Erstmals hat ein Streitfall jedoch zur strafrechtlichen Verfolgung der Beschwerdeführerin geführt. Es gab einen Zivilprozess im Zusammenhang mit einem ähnlichen Thema 2013 in Aceh. Die Anklage wurde damals jedoch auf Druck der Anwohner zurückgenommen.

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Leserkommentare zum Artikel: Politisierte Religion

Ach nein! Bisher wurde uns doch immer vorgemacht Indonesien sei DAS muslimische Musterland in Sachen Demokratie und moderater Auslegung des Islam. Ich hatte da schon immer meine Zweifel vor allem aufgrund der Vorgänge in der Provinz Aceh, die auf andere Provinzen übergreifen. Öffentliche Prügelstrafe für kleinste "Vergehen" gegen absolut reaktionäre Moralvorstellungen, Kopftuchzwang, etc. pp sind doch dazu geeignet, sich massiv Sorgen zu machen über den Trend in diesem Land. Mich wundert nichts mehr. Der Lärmterror - auch mitten in der Nacht (für mich war und ist derartiger Lärm, dem ich jahrelang ausgesetzt war, permanente Körperverletzung) der Moscheen und Beerdigungsrituale ist übrigens auch in anderen muslimischen Ländern durch fast nichts mehr zu überbieten, ein Zeichen für den tollen "Respekt" den man Mitmenschen in islamischen Ländern unter dem Vorwand der Religiosität entgegenbringt.

Ingrid Wecker15.02.2019 | 18:21 Uhr