Bildungsinitiativen des Goethe-Instituts in der MENA-Region

Der Zivilgesellschaft den Rücken stärken

Nachrichten aus der Region Nordafrika/Nahost zeichnen oft das Bild eines Krisenherds bestimmt von politischer und wirtschaftlicher Volatilität. Die Lebensrealitäten sind jedoch vielschichtiger, als es dieses Bild vermuten lässt. Dies wird bei den Projekten, die das Goethe-Institut durchführt, deutlich. Von Christina Büns

Die Kultur habe ihn sozusagen gerettet. Gerettet vor Gewalt und Radikalisierung, berichtet Mohamed Essul. Der 29-jährige Libyer organisiert seit 2011 Kulturveranstaltungen in seiner Heimatstadt Tripolis und verfolgt aktuell einen Traum: das Haus seines Großvaters zu renovieren und darin eine Künstlerresidenz zu schaffen.

Zusammen mit elf weiteren libyschen Kulturakteuren nahm er im Sommer an der Kulturakademie Libyen teil. Das Projekt zielt darauf ab, libysche Kulturmanagerinnen und Kulturmanager zu qualifizieren und mit der arabischen und deutschen Kulturszene zu vernetzen. Die Gewaltprävention ist ein willkommener Nebeneffekt.

Radikalisierungsprävention

Einen ähnlichen Weg verfolgt das Goethe-Institut mit der Vermittlung von gewaltfreier Erziehung in Ägypten und Tunesien. Da die Wurzeln von Radikalisierung und Gewalt oft in der Schulzeit, während der Pubertät, liegen, ist für Bildungspolitikerinnen und -politiker sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Gewaltprävention in ägyptischen und tunesischen Schulen von großem Interesse.

Die Erziehungsministerien und das Goethe-Institut haben dieses Thema in Ägypten in drei Workshops für Führungskräfte aus dem schulischen Bereich, Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler genauer in den Blick genommen.

Workshop Wissenschaftsjournalismus; Foto: Roger Anis/Goethe Institut Kairo
In einem Workshop wurden im Rahmen des Projekts "Schreiben über Wissenschaft" elf Journalistinnen und Journalisten für die gesellschaftliche Relevanz von Wissenschaft sensibilisiert.

"Ich sehe fast keinen Unterschied zwischen den ägyptischen und den deutschen Schülerinnen und Schülern", sagt Trainer Holger Hegekötter. Er kam im Rahmen eines Kick-Off-Workshops im Rahmen des Projekts im November nach Kairo. "Die Schülerinnen und Schülern, mit denen Sie heute umgehen, sind diejenigen, welche die zukünftigen Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens schaffen und sie auch verändern können. Aber diese Veränderung braucht Zeit", so der Leiter des Bremer Instituts für Pädagogik und Psychologie. In Tunesien plant das Goethe-Institut zudem, ein Fortbildungsprogramm für Lehrkräfte und Schulpsychologinnen und -psychologen sowie Schülerprojekte mit kulturellen oder sportlichen Aktivitäten umzusetzen.

Maßnahmen für den gesellschaftlichen Wandel

Projekte wie diese unterstützt das Goethe-Institut seit 2011 mit Sondermitteln des Auswärtigen Amtes im Rahmen der Transformationspartnerschaft in Ägypten, Tunesien, Libyen, Marokko und anderen Ländern der arabischen Welt – so auch das diesjährige Pilotprojekt "Schreiben über Wissenschaft".

Letzteres will das Ressort des Wissenschaftsjournalismus in Ägypten stärken und die Beziehung zwischen Wissenschaft und Journalismus fördern. Denn wissenschaftliche Themen sind gerade in den ägyptischen Medien häufig unterrepräsentiert und es werden nicht selten - teilweise auch politisch motivierte - Fake News verbreitet. Im Rahmen der Transformationspartnerschaft hat das Goethe-Institut bereits über 40 Projekte wie dieses im Kultur- und Bildungsbereich umgesetzt.

Alle Projektländer der Transformationspartnerschaft befinden sich im Umbruch – und stehen vor außergewöhnlichen Herausforderungen. Obwohl sich lokale Akteure weiter für den gesellschaftspolitischen Wandel einsetzen, bleiben viele Wünsche aus der Aufbruchszeit im Zuge des Arabischen Frühlings nach mehr Demokratie und gesellschaftlicher Teilhabe bisher weitestgehend unerfüllt. Es gilt daher weiterhin, der Zivilgesellschaft den Rücken zu stärken: Ein Schwertpunkt liegt dabei auf Frauen- und Genderprojekten.

Frauen- und Genderprojekte

Eine Workshop-Reihe im oberägyptischen Luxor ermutigt berufstätige Frauen, ihr Umfeld nach genderrelevanten Gesichtspunkten zu analysieren. So können sie die eigene Position und Biografie im gesellschaftlichen Kontext reflektieren und überholte Rollenzuschreibungen abbauen.

Das Wiki-Gender wurde im Dezember 2016 gelauncht; Foto: Goethe-Institut Kairo/Roger Anis
"Wiki Gender" made in Egypt: Erst Ende 2016 begannen Habiba Mohamed Montasser und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter die fertig konzipierte Plattform mit Inhalten zu füllen. Heute finden sich hier Profile von Organisationen wie HarassMap, die sich gegen Gewalt gegen Frauen einsetzen. Insgesamt 40 Organisationen sind es bisher.

"Die traditionellen Geschlechterrollen stellen Frauen nach Männern auf den zweiten Rang. In diesem Kontext wachsen die Frauen auf und die Geschlechterrollen werden Teil ihrer Identität und Werte", berichtet Hoda Kandil, die solche Gender-Workshops für junge Ägypterinnen und Ägypter konzipiert. Hoda Kandil ist Psychotherapeutin und nahm zuvor selbst an einem Workshop des Goethe-Instituts über zivilgesellschaftliche Bildung teil. Sie arbeitet nun als selbstständige Trainerin für Gender-Bewusstsein im traditionellen und konservativen Oberägypten.

Gemeinsam schaut sie sich mit den Teilnehmenden beispielsweise Zeichentrickfilme an, in denen ein Prinz die Prinzessin rettet und über die so die Botschaft vermittelt wird, dass eine Frau immer gerettet werden muss. "Dahinter stecken zum Beispiel die Ideen der Viktimisierung von Frauen, der Schwäche und auch die Vorstellung, sich immer auf Männer verlassen zu können", so Hoda Kandil. "Gleichermaßen platzieren solche Filme in dem Unterbewusstsein der Frauen das Gefühl, nicht selbst in der Lage zu sein, Dinge zu tun und verwirklichen zu können."

Genderrelevantes Wissen können lokale NGOs beispielsweise auch im so genannten Wiki-Gender, einer kollaborativen und partizipativen Wissensplattform, einbringen. Das Wiki sammelt und ergänzt kontinuierlich Informationen zu Gender- und Frauenthemen in arabischer Sprache und will Diskurse zu diesen Themen anstoßen. Regelmäßige Treffen von Vertreterinnen und Vertretern von Organisationen, die sich mit Genderfragen und Female Empowerment auseinandersetzen, dienen zudem der Vernetzung von lokalen Akteuren und bieten Raum zur Diskussion.

Zivilgesellschaftliche Bildung

Kulturakademie Libyen: Training in Tunis; Foto: Goethe-Institut Tunis/Haithem Boumesouir
Im Rahmen des Projekts Kulturakademie Libyen nahmen im Sommer 2017 insgesamt zwölf libysche Kulturakteure zunächst an einer zweiwöchigen Fortbildung in Tunesien und dann an einer einwöchigen Besucherreise in Deutschland teil.

Denn gerade dieser Raum zur Diskussion fehlt: Nach der Hochphase des zivilgesellschaftlichen Engagements in Folge des Arabischen Frühlings sind viele Akteure in den letzten Jahren mit einer Zunahme an Repression konfrontiert. Das Goethe-Institut bietet hier Schutz- und Freiraum: Es stellt seine Expertise, Netzwerk und Räumlichkeiten zur Verfügung, um Akteure der Zivilgesellschaft zu stärken und weiterhin offenen Dialog und Austausch zu ermöglichen.

So fördert das Goethe-Institut beispielsweise die Tahrir Lounge@Goethe als Frei- und Experimentierraum für junge Ägypterinnen und Ägypter – bei der Tahrir Lounge können sie sich austauschen, Ideen ausloten, sowie in Workshops soziale und persönliche Kompetenzen erwerben. Alles mit dem einen Ziel: auch in einem derzeit politisch schwierigen Kontext, Möglichkeiten des Engagements für junge Erwachsene zu schaffen und produktiv umzusetzen.

Dafür spielt auch das regionale Netzwerk NACE (Networking Arab Civic Education), welches von der Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit dem Goethe-Institut und anderen Partnern gefördert wird, eine wichtige Rolle. "Das Netzwerk unterstützt den Demokratisierungsprozess in der Region. Wir forschen zur Rolle und Methoden zivilgesellschaftlicher Bildung und sammeln und systematisieren Wissen über Initiativen und Aktivitäten in Bezug auf zivilgesellschaftliche Bildung in der Region", erklärt Mona Shahien, die Leiterin der Tahrir Lounge, als Mitglied im NACE Steering Committee. "NACE vernetzt Personen und Institutionen, die aktiv in diesem Bereich tätig sind, um ihre Arbeit stärker und fokussierter zu machen."

Bildungsakademie NANO

Kritisches und kreatives Denken fördert das Goethe-Institut auch, indem es auf Anfrage der Bildungsministerien in Ägypten und Tunesien die Entwicklung hin zu effektiveren und stärker an modernem Management ausgerichteten Bildungssystemen unterstützt.

Die Schulsysteme dort sind bislang beispielsweise nicht auf partizipativen Unterricht zugeschnitten. Das Goethe-Institut bildet daher Schulleiterinnen und Schulleiter weiter und berät im Change-Management, sodass moderne Managementstrukturen im ägyptischen und tunesischen Schulwesen Einzug finden können.

Christina Büns

© Qantara.de 2018

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