Bildung in Libyen

Stillstand statt Innovation

Libyen hat eine der niedrigsten Analphabetenraten Nordafrikas. Gleichzeitig verlassen jährlich Tausende von Absolventen die libyschen Universitäten. Statt Innovation und Kreativität in Bildung und Forschung zu fördern, setzt das Land aber viel zu stark auf veraltete Lehrpläne und stures Auswendiglernen, kritisiert der libysche Publizist Mustafa Fetouri.

Studentinnen in Libyen vor Gaddafi-Poster; Foto: AP
Massiver Qualitätsmangel: Das libysche Bildungswesen leidet neben dem Fehlen einer vernünftigen Bildungspolitik an den Ausgabenkürzungen im Bildungsbereich.

​​ In der libyschen Hauptstadt Tripolis gibt es mehr als fünfzig private Hochschulen, umgekehrt jedoch existieren hier nur eine staatliche Universität sowie eine halbstaatliche Akademie für Aufbaustudien.

Libyen liegt nach einem Bericht der UNESCO von 2007 auf der weltweiten Rangliste der Alphabetisierung auf dem 113. Platz. Und obwohl Libyen mit einer Analphabetenrate von 17,6 % unter den nordafrikanischen Ländern am besten abschneidet, während gleichzeitig der Anteil von Menschen mit höherer Schulbildung an der Gesamtbevölkerung in der arabischen Welt nur noch von Jordanien und Palästina übertroffen wird, leidet das erdölreiche, bevölkerungsarme Land unter einem echten Problem seines Bildungswesens: nämlich das der mangelnden Qualität.

In den 1970er und 1980er Jahren zeichnete sich die Bildungspolitik Libyens durch genaue Beobachtung und Weitsicht aus. Der Staat führte die kostenlose Schulbildung für alle bis zum 15. Lebensjahr und die Schulpflicht ein: Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schickten, wurden strafrechtlich verfolgt; eine Regelung, die bis heute fortbesteht. Doch in den letzten zwei Jahrzehnten ist der Bildungsstandard stetig gesunken.

Privatisierung als Notlösung

Der Verfall des Bildungsniveaus ist hauptsächlich dem Fehlen einer vernünftigen Bildungspolitik und Ausgabenkürzungen im Bildungsbereich infolge des Wirtschaftsembargos gegen Libyen nach dem Anschlag von Lockerbie 1988 verschuldet. Auch die Instabilität an der Spitze des Bildungswesens, wo sich immer neue Minister die Klinke in die Hand geben, wirkt sich hier negativ aus.

European School of Benghazi; Foto: Wikipedia
Masse statt Klasse: Zwar gibt es in Libyen viele private Bildungseinrichtungen, doch die meisten werden von der staatlichen Qualitätskontrolle nicht anerkannt.

​​ Eigentlich sollte man erwarten, dass die weite Verbreitung privater Bildungseinrichtungen auf allen Ebenen einen positiven Trend setzt, doch in Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall: Das dem libyschen Bildungsministerium angegliederte Amt für Qualitätskontrolle im Bildungswesen erkennt landesweit nicht einmal fünf private Hochschulen an, alle anderen entsprechen nicht den Qualitätsvorgaben.

Dazu muss man wissen, dass ein Großteil der privaten Bildungseinrichtungen nicht etwa als Ergebnis einer Öffnung der Bildungs- und Hochschulpolitik entstanden ist, sondern aus der Not geboren wurde: Als die im Wesentlichen aus Erdölerlösen stammenden Staatseinnahmen insbesondere infolge des Verfalls der Ölpreise in den 1980er Jahren schrumpften, versuchte der Staat durch diese "Politik der Privatisierung", Kosten von sich abzuwälzen.

Teufelskreis aus schlechter Bildung und schwacher Wirtschaft

Im Bereich der Hochschulen sieht es somit in Libyen ähnlich aus wie in anderen arabischen Nachbarländern: Das wesentliche Problem liegt in der mangelnden Qualität. Zwar gibt es viele Hochschulabsolventen und hochqualifizierte Fachkräfte, doch stellen diese gleichzeitig den höchsten Anteil an der geschätzten Arbeitslosenquote von 20 %, wobei die meisten Arbeitslosen unter 30 Jahre alt sind. Ein gewaltiger Widerspruch, der sich auf die schlechte Qualität der Bildung mit veralteten Lehrplänen und sturem Auswendiglernen in hermetisch abgeriegelten Klassenräumen zurückführen lässt.

Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi; Foto: AP
Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi kümmert sich in letzter Zeit nur sporadisch um die Bildung seines Volkes.

​​Die katastrophalen Folgen dieser "Eintrichterungstechnik", die alle Bildungsstufen prägt, werden erst in den Hochschulen richtig sichtbar: Diese gleichen eher schlechten Volkshochschulen als Zentren wissenschaftlicher Forschung im Dienste der Entwicklung und des gesellschaftlichen Fortschritts.

Eine echte wissenschaftliche Forschung existiert damit de facto nicht. Als Ergebnis dieser Missstände sind Studierende ohne Forscher- und Initiativgeist vollkommen abhängig von ihren Dozenten; der Teufelskreis des ewigen Eintrichterns in forschungsfeindlichen, ausschließlich auf Auswendiglernen basierenden Lehrplänen setzt sich fort. Nur selten werden Experimentierfreude und Kreativität gefördert.

Daher gehen auch aus Hochschulen und Forschung kaum Unternehmensgründungen hervor, wie es in Europa und den USA üblich ist - man denke nur einmal an Google, die bekannteste Internet-Suchmaschine, die ja von Studenten gegründet wurde.

Bildungspolitische Abkapselung statt Innovation

Die Kluft zwischen Bildungswesen und Arbeitsmarkt zeigt sich ganz besonders deutlich seit dem Beginn der wirtschaftlichen Liberalisierung Anfang der 1990er Jahre. Damals strömten in großer Zahl ausländische Unternehmen nach Libyen, um dann festzustellen, dass ihre Investitionen nicht erfolgreich waren, weil der Arbeitsmarkt trotz der großen Zahl von Hochschulabsolventen unterschiedlichster Couleur nur wenige angemessen qualifizierte Fachkräfte vorzuweisen hatte.

Erfinderische Kurzzeitlösungen wie Umschulungs- und Fortbildungsmaßnahmen waren unumgänglich. Doch da man sie nicht in die langfristige bildungspolitische Planung einband, hatten die Bildungseinrichtungen unterhalb des universitären Niveaus weiter mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie schon vor 20 Jahren.

Mustafa Fetouri; Foto: DW
"Es fehlt vor allem eine umfassende, nationale Strategie für eine neue Bildungspolitik", analysiert Mustafa Fetouri.

​​Die Bildungspolitiken in der Region, für die Libyen hier exemplarisch stehen mag, leiden außerdem unter ganz grundsätzlichen konzeptionellen Problemen: Es fehlt vor allem eine umfassende, nationale Strategie für eine neue Bildungspolitik. Insbesondere was Lehrpläne angeht, macht man sich die Erfahrungen von im Bildungsbereich weiter entwickelten Ländern nicht zu nutze, sondern kapselt sich eher noch zusätzlich ab.

Moderne Technik kommt viel zu selten zum Einsatz – in den Schulen werden Computer überhaupt nur sehr selten und an den Hochschulen viel zu wenig verwendet. Erfinder- und Forschergeist bleiben aufgrund mangelnder Ermutigung zur eigenständigen wissenschaftlichen Forschung auf der Strecke.

Neue wissenschaftliche Verfahren aus dem Ausland, die sich rasant entwickeln, wie beispielsweise praktische Anwendungen aus den Bereichen Technik, Informatik und Medizin werden nicht "arabisiert", also sprachlich und kulturell den lokalen Gegebenheiten angepasst und damit ins Land eingeführt. Letztlich hat genau dies dazu geführt, dass arabische Studierende im Ausland äußerst kreativ und innovativ sind, während sie jedoch im eigenen Land einfallslos zurückbleiben.

Mustafa Fetouri

© Qantara.de 2010

Übersetzung aus dem Arabischen: Nicola Abbas

Mustafa Fetouri ist libyscher Publizist und Leiter der Libyschen Akademie für Höhere Bildung in Tripolis.

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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