Bildung in Libyen

Gaddafi ausradieren

Geschichte sollte für die Menschen eine Quelle der Inspiration sein, um die Zukunft aufzubauen. Dafür braucht man Geschichtsbücher, die akkurat und objektiv sind, damit Schulkinder ohne Zerrbilder die Geschichte ihres Landes lernen können. Libyen ist jedoch ein schwieriger Fall, meint Reda Fhelboom.

Während der vier Jahrzehnte, die Gaddafi in Libyen herrschte, waren die Schulbücher und Curricula an den Ideen und Ansichten des Führers ausgerichtet. Nach dem Volksaufstand, der die Diktatur beendete, musste die Geschichte neu geschrieben werden. Das Bildungsministe­rium überarbeitete die Schulbücher des Landes in allen Fächern – auch in Geschichte – und strich die Kapitel, die Gaddafi glorifizierten.

Neue Schulbücher wurden verteilt. Im Januar 2012, zu Beginn des ersten Schuljahres nach der Befreiung, sagte der damalige Bildungsminister Sulaiman al-Saheli, dass von nun an die Kinder die wirkliche libysche Geschichte und alles über die Revolution des 17. Februar lernen würden, inklusive der Details über Gaddafis Tod.

42 Jahre Gaddafi-Diktatur auf einer Seite

Aber bis jetzt scheint dies nicht der Fall zu sein. Die Geschichtslehrerin Fouzia Alttwair von der Tadamon-Schule in Tripolis sagt: "Das neue Geschichtsbuch widmet der gesamten Ära Gaddafi, also 42 Jahren, nur eine einzige Seite! Es spricht nur über die Unterdrückung des libyschen Volkes durch den Diktator. Dann gibt es noch eine weitere Seite über die Revolution vom 17. Februar, die seine Herrschaft beendete, und das war's. Insgesamt nur zwei Seiten – und das soll unsere jüngere Geschichte sein?!", beschwert sie sich.

School class in Libya (photo: picture-alliance/dpa)
Erinnerungskultur mit Gedächtnislücken: "Das neue Geschichtsbuch für Schulen widmet der gesamten Ära Gaddafi, also 42 Jahren, nur eine einzige Seite", kritisiert die Geschichtslehrerin Fouzia Alttwair.

"Das neue Geschichtsbuch für das neunte Schuljahr – also für die Fünfzehnjährigen – behandelt Themen, die nie zuvor erwähnt wurden, wie die Königszeit, die libysche Geschichte unter der osmanischen Herrschaft oder was während der Besatzung durch die Italiener geschah", erzählt die Geschichtslehrerin. "Aber es spricht nicht von den libyschen Juden, die früher ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft waren, bis sie 1967 aus dem Land gejagt wurden."

Aus der Vergangenheit lernen

Auch andere ethnische Minderheiten wie die Tuareg oder Toba würden mit keinem Wort erwähnt. Sie empfindet es als Skandal, dass die gesamte Gaddafi-Zeit auf eine einzige Seite reduziert wurde. "Geschichte sollte mit völliger Ehrlichkeit und Objektivität unterrichtet werden", verlangt Fouzia Alttwair, "denn die junge Generation muss aus der Vergangenheit lernen."

Andere libysche Geschichtslehrer sehen das nicht so. „Gaddafi hat keine Geschichte, über die es sich lohnt zu reden", meint Sumaiya Magaddami, Geschichtslehrerin der sechsten Klasse: „Ich finde nicht, dass die Kinder etwas über seine Zeit erfahren sollen, denn er war ein Verbrecher."

Die Schüler sehen das entspannter. "Unser Geschichtsbuch ist jetzt ganz anders", sagt Mohammed Hasan, ein 16-jähriger Schüler der Mashroa-Hadba-Schule in Tripolis. "Früher mussten wir Gaddafi verherrlichen, und jetzt wissen wir, dass er eigentlich ein Diktator war. Aber ich lerne gern immer neue Dinge über unsere Vergangenheit."

Reda Fhelboom

© Zeitschrift Entwicklung & Zusammenarbeit 2013  

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Reda Fhelboom ist Journalist, Fernsehmoderator und Menschenrechtsaktivist. Er lebt in Tripolis.

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