Beschneidungen in Ägypten

Mit Comedy gegen eine grausame Tradition

Die Gruppe "HaraTV" versucht in Ägypten mit Theaterstücken über Genitalverstümmelung aufzuklären. Elisabeth Lehmann hat eine ihrer Aufführungen in Kairo besucht.

"Du musst deine Tochter beschneiden lassen. Sie gerät sonst auf Abwege. Dann schaut sie rechts und links." Samys Stimme überschlägt sich, der 25-Jährige spielt eine alte Frau. Die Mädchen im Publikum kichern. Samy trägt ein blaues Kopftuch, das er mit einer Hand am Kinn zusammen hält.

Mit überdrehten Gesten versucht er seiner Tochter klarzumachen, dass sie die Tradition der Beschneidung fortsetzen müsse. Die hingegen weigert sich. Ein Mann, der eine Frau spielt, das sorgt für viel Erheiterung im kleinen Saal des Gemeindezentrums. Auch wenn es um ein Thema geht, das den Mädchen wenig Grund zum Lachen gibt.

Über 90 Prozent der Ägypterinnen sind beschnitten

Die Gruppe "HaraTV" macht heute Station in Camboha, einem kleinen Dorf nahe der Stadt Assiut im Süden Ägyptens. "HaraTV", das sind drei Schauspieler und die Regisseurin Nada Sabet. Sie unterbricht die Szene. "Was habt ihr gerade gesehen?", fragt sie die etwa 40 Mädchen im Raum. Sie tragen bunte Kopftücher, lange Röcke, viele starren verlegen auf ihre Handys. Die Mädchen sind verschiedenen Alters, manche vielleicht erst 13, andere um die 20.

Doch eines ist ihnen allen gemein: Sie sind beschnitten. Sie haben das, was sie eben im Stück gesehen haben, am eigenen Leib erfahren. Sie gehören damit zu den über 90 Prozent der Ägypterinnen, denen laut UNICEF im Alter zwischen neun und 15 Jahren Klitoris und Schamlippen entfernt werden. Manchmal von einem Arzt, oft von einer Beschneiderin im Dorf. Darüber reden will anfangs kaum jemand im Publikum, zu groß ist die Scham.

"Deswegen sind wir hier. Wir wollen mit unseren Aktionen einen Raum schaffen, um über das schwierige Thema Genitalverstümmelung zu sprechen. Und zwar abseits von Religion und Medizin. Ganz praktisch", sagt Sabet. Sie hat das Stück konzipiert, es an die Vereinten Nationen verkauft, die bis Ende des Jahres noch rund 160 Aufführungen in ganz Ägypten finanzieren. Und jede davon ist eine Gratwanderung – für Schauspieler und Publikum.

Beschneidungen ziehen sich durch alle Religionen

Genitalverstümmelung ist in Ägypten eine jahrhundertealte Tradition, die weder etwas mit Religion, noch mit Bildung oder sozialer Herkunft zu tun hat. Es ist eine Art Stammesritual, das sich über den Nil als Handelsweg verbreitet hat. Deswegen finden sich ähnlich hohe Betroffenen-Zahlen auch im Sudan. In Ägypten steht Beschneidung seit 2008 unter Strafe. Doch die Tradition ist stärker als das Gesetz.

Samy hat die Rolle gewechselt. Er ist nun wieder ganz Mann. Und wie es sich für einen anständigen Ägypter gehört, muss er Frauen auf der Straße belästigen, so Samys Überzeugung. Er verfolgt seinen Kollegen Ahmed durch den kleinen Raum mit den Worten "Hej, Kätzchen, wie geht's Dir?"

Ahmed trägt ein pinkfarbenes Kleid, auch diese Szene lässt die Mädchen im Saal in großes Gelächter ausbrechen. "HaraTV" versucht mit kindlicher Comedy das Leben einer Ägypterin darzustellen. Ein Leben, das von Anfang an geprägt ist von Bevormundung und Reglementierung. Davon, dass stets andere über den Körper, die Erscheinung und das Denken bestimmen. "Zieh' dich ordentlich an! Und mach' die Beine zusammen, wie es sich für ein anständiges Mädchen gehört!" Ahmed steht in seinem pinkfarbenen Kleid vor dem Publikum und lässt die Maßregelungen der Umwelt über sich ergehen.

Bruch mit der Tradition

Auch auf diese Szene folgt wieder eine Diskussion, und Schritt für Schritt tauen die Mädchen auf. Sie schildern ihre Erfahrungen: Dass sie nicht auf der Straße spielen durften wie die Jungs im Dorf. Dass sie viele Pflichten haben im Haus und auf dem Feld. Und langsam trauen sie sich auch über das eigentliche Thema des Stücks zu sprechen.

"Wir sind hier alle beschnitten, natürlich", sagt Rada Abd El Sabour. Die 18-Jährige ist ganz in blau gekleidet, ihre Augen sind ungewöhnlich hell für eine Ägypterin. Sie hat ein offenes, selbstbewusstes Lachen. "Jetzt, da ich das Stück gesehen habe, verstehe ich, welche Probleme Beschneidung den Mädchen bereitet."

Rada spricht in der dritten Person, auch wenn sie eigentlich sich selbst meint. Doch überhaupt über solch ein sensibles Thema zu reden, kostet viel Überwindung. Hier im geschützten Raum spricht Rada aus, was vielen jungen Mädchen durch den Kopf geht: "Ich werde meine Töchter sicherlich nicht beschneiden lassen, damit sie nicht so leiden müssen wie ich."

Vor allem die junge Generation reagiere sehr offen auf das Stück, erzählt Regisseurin Nada Sabet während einer kurzen Pause zwischen zwei Aufführungen. Die Gruppe sitzt in einem Straßencafé am Nilufer, trinkt Tee und tankt Kraft. Im Schnitt haben sie drei Aufführungen am Tag. Jedes Mal in einem anderen Dorf, jedes Mal mit anderen Menschen, immer dasselbe Thema.

Samy schlüpft während einer Aufführung in die Rolle einer alten Frau; Foto: Elisabeth Lehmann
Bruch mit überkommener Tradition und Kontrolle des weiblichen Körpers: Die Comedy-Gruppe "HaraTV" versucht mit Mitteln der Parodie und Satire über die negativen Folgen der Beschneidungen von jungen Frauen und Mädchen zu informieren. Bei dieser Aufführung schlüpft Samy in die Rolle einer alten Frau.

"Uns ist wichtig, dass wir die Menschen nicht belehren. Wir sagen nicht, Beschneidung ist gut oder schlecht." Nada macht ein paar Fotos von der Gruppe und postet sie auf Facebook. "Wir hören uns alle Meinungen an und am Ende müssen die Menschen selbst entscheiden. Wir fahren ja sowieso wieder weg."

Der Druck der Älteren

Es sind Welten, die aufeinander prallen, wenn Nada und ihre Kollegen in ein Dorf kommen. Kairo ist für die Menschen hier weit weg. Die Denkweise der Hauptstädter noch viel weiter. Auch bei der zweiten Aufführung an diesem Tag tobt der Saal vor Lachen, wenn Samys Stimme sich überschlägt, wenn Ahmed im pinkfarbenen Kleid durch die Reihen rennt.

Doch diesmal sind auch ältere Frauen im Publikum. Frauen, die Samy im Stück parodiert. Batta Abd El Munaim etwa hat sich das Stück zwar angesehen, doch ihre Meinung ändert es sicherlich nicht: "Es muss sein, Beschneidung muss sein", wiederholt die 50-Jährige beharrlich. "Es hilft den Mädchen, rein zu bleiben." Was genau sie unter Reinheit versteht, diese Antwort bleibt Batta schuldig.

"Ich weiß, dass wir durch unser Theater alleine nichts ändern können", sagt Nada. Aber sie habe die Hoffnung, dass die Menschen anfangen nachzudenken, darüber, wie sinnvoll diese Tradition ist. Und dieses Konzept funktioniert. Eine Frau im Publikum meldet sich. Sie habe eine 13-jährige Tochter, erzählt sie. Und sie überlege seit langem, ob sie das Mädchen beschneiden lassen solle oder nicht. Doch nun, nachdem sie das Stück gesehen habe, sei sie sich sicher, es nicht zu tun. Es sind diese kleinen Erfolge, die die Macher von "HaraTV" ermutigen, ihre Show immer und immer zu wiederholen.

Elisabeth Lehmann

© Qantara.de 2014

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Leserkommentare zum Artikel: Mit Comedy gegen eine grausame Tradition

Ich versuche es nochmal: Ahram online berichtet gerade ueber ein Dorf im Sueden (!!!) Aegyptens, das geschlossen beschlossen hat, mit der Beschneidung aufzuhoeren. Es stimmt jedoch nicht, dass in Aegypten immer noch die "grosse pharaonische Beschneidung" mit Entfernung der Schamlippen praktiziert wird. Heute wird meist "nur noch" ein Teil der Klitoris entfernt, aberbauch da hat keiner rumzuschnibbeln. In unserer Arbeit erleben wir auch immer wieder, dass sich zunehmend auch in den Doerfern juengere Muetter gegen die Beschneidung wenden, oft gegen erheblichen Widerstand der aelteren Frauen in der Familie. Man muss schon viel Rueckgrat und Courage haben, sich da durchzusetzen. Zu Hilfe kommt diesen Frauen aber die Anti-Beschneidungs-Fatwa des damaligen Grossmuftis der Azhar-Institution, Ali Gomaa, aus dem Jahren 2006, uebrigens entstanden nach einer grossen Konferenz in Cairo zu diesem Thema mit den wichtigsten geistlichen Wuerdentraegern aus 15 islamschen Staaten - initiiert von einem Deutschen, Ruediger Nehberg, der den hohen Herren dort derart schockierende Originalvideos von Beschneidungsritualen vorfuehrte, dass sie entweder Heulkraempfe bekamen oder die Toiletten aufsuchen mussten um sich zu uebergeben. Hat also gewirkt! Waehrend der Regierung Morsi hatte es dagegen massive Versuche,gegeben, die eigentlich seit langem in Aegypten auch per Gesetz offiziell verbotene Beschneidung wieder zu verstaerken, indem Aerzteteams der Muslimbrueder auf die Doerfer geschickt wurden, die den Muettern sogar Geld boten, damit sie ihre Toechter beschneiden lassen. Das wurde mir von einigen unserer Muetter, die wir betreuen in unserer Organisation, so berichtet und es war auch in den Zeitungen zu lesen. Aber nun ist der Trend eindeutig wieder ruecklaeufig.

Ingrid Wecker11.12.2014 | 14:25 Uhr