Eine solche Politik "hat fundamentale Auswirkungen auf die eigene Existenz", denn es könne passieren, dass "man seine eigene Sprache verlernt, wenn die Sprache der Bildungsinstitutionen und der öffentlichen Einrichtungen Arabisch ist und um einen herum nur arabischsprachige Menschen leben, die einen nicht verstehen, wenn man auf Tamazight mit ihnen redest. Mit der Zeit geht die Sprache dann verloren; wie zum Beispiel in Tamazert, wo nicht einmal mehr 20 Prozent der Bevölkerung Tamazight beherrschen."

Immerhin, trotz jahrzehntelanger Marginalisierung hätten es "die Amazigh nicht nur geschafft, alle widrigen Umstände zu überwinden und ihre Identität zu bewahren, sondern sich in den acht Jahren seit der Revolution auch weiterentwickelt", findet er.

Nachdem die tunesische Bevölkerung das Regime Ben Alis zu Fall gebracht hatte, gelang es den Aktivistinnen und Aktivisten der Amazigh-Bewegung - darunter auch den Mitgliedern von "Azrou"-, sich mit Gleichgesinnten in den anderen Ländern Nordafrikas zu vernetzen. Der Kampf um die Rechte der Amazigh sei in Ländern wie Marokko, Algerien und Libyen bereits weiter vorangeschritten, erklärt Al-Mahrouq.

Besonders profitiert haben die Aktivistinnen und Aktivisten von der Sammlung des "Königlichen Institut für die Amazigh-Kultur" in Marokko, das 2002 mit dem Ziel gegründet worden war, diese zu bewahren. Unter den Symbolen des Alphabets, die letztlich im Sitz des Vereins im Süden Tunesiens ein neues Zuhause gefunden haben, "sind sich solche, die sich auf Stoffen befanden und solche, die Teil einer Tätowierung waren. Wir haben herausgefunden, dass es sich dabei um Buchstaben des Tifinagh handelt!"

Tamazight - mehr als eine "Touristenattraktion"

Ali Ziyada, eines der engagierten Mitglieder von „Azrou“, hat sich der Aufgabe angenommen, "jedem Menschen, der sich als Amazigh sieht", Tamazight beizubringen. Seiner Ansicht nach bietet sich derzeit die Chance, aus der Sprache mehr zu machen, als die "touristische Attraktion", die sie jahrzehntelang darstellte.

"Im Alltag war es den Menschen verboten, Tamazight zu sprechen, aber im Tourismusmarketing, auf Schildern und Plakaten, in Hotels und auf Ausstellungen wurde damit geworben, dass dies oder jenes ein Stück Amazigh-Kultur sei."

Je mehr sich diese Art der Werbung durchsetzte und die Bewohner der Region vom Tourismus als Einkommensquelle profitierten, desto stärker wurden ihre Kultur, ihre Bräuche, Sitten und Traditionen auch für die Menschen selbst zu einer "Ware". Darin sind sich die Mitglieder von "Azrou" einig und setzen sich daher mit den begrenzten, ihnen zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln dafür ein, diese Mentalität zu verändern.

Dank der Kurse des Vereins haben mittlerweile bereits einige Dutzend Teilnehmer gelernt, Tamazight zu schreiben. Darüber hinaus organisiert "Azrou" Vorträge an den Hochschulen im Gouvernement Gabes.

Abgesehen von den limitierten finanziellen Ressourcen unterliegt die Arbeit des Vereins keinerlei Einschränkungen: "Die jüngere Generation nimmt unsere Arbeit gut an. Und bis auf Menschen, die den Muslimbrüdern nahe stehen oder anderen Ideologien anhängen, die von der Überlegenheit der Araber überzeugt sind, hat auch niemand etwas gegen unseren Sprachunterricht", schildert der Vorsitzende Al-Mahrouq.

Von den finanziellen Beschränkungen will sich Ziyada, dessen Finger mit Symbolen aus der Kultur der Amazigh verzierte Ringe schmücken, aber nicht aufhalten lassen. Wenn es sein müsse, dann bringe er eben allen Interessierten die Sprache persönlich bei.

Haben die Aktivisten ihre Ziele erreicht?

In der Hauptstadt Tunis, in der er bis zu seinem Ruhestand in einer Bäckerei arbeitete, hat er bereits eine Gruppe in Tamazight unterrichtet. Aber auch im persönlichen Gespräch oder beim Nachrichtenaustausch auf Facebook versucht er immer wieder, den ein oder anderen Ausdruck für sein Gegenüber zu übersetzen.

Logo des Vereins "Azrou" zur Förderung der Amazigh-Kultur in Tunesien; Quelle: Azrou/Facebook
Nachdem die tunesische Bevölkerung im Arabischen Frühling das Regime Ben Alis zu Fall gebracht hatte, gelang es den Aktivisten der Amazigh-Bewegung - darunter auch den Mitgliedern von "Azrou"-, sich mit Gleichgesinnten in den anderen Ländern Nordafrikas zu vernetzen und den Kampf um die Rechte der Amazigh im Maghreb fortzusetzen.

Aus den Erklärungen der "UN-Arbeitsgruppe über Indigene Bevölkerungen" geht hervor, dass Tunesien 2007 zugunsten der "UN-Deklaration über die Rechte der indigenen Völker" stimmte. Bei der überwältigenden Mehrheit der tunesischen Bürgerinnen und Bürger aber auch der Juristinnen und Juristen ist dieser Schritt allerdings nicht angekommen. Auch in den Gerichten des Landes wird sie bisher nicht umgesetzt.

Nach dem Ausbruch der Revolution meldeten sich viele Stimmen in der tunesischen Öffentlichkeit zu Wort, die zuvor nur im Geheimen wirkten. In der Folge entstanden dutzende Organisationen, die sich dem Erhalt von Kultur und Sprache der Amazigh widmen und sie fördern wollen. Das wichtigste Dokument des Landes blieb von diesen Entwicklungen jedoch unberührt: In der 2014 vom Parlament verabschiedeten tunesischen Verfassung wird die Frage der Amazigh nicht thematisiert.

Tatsächlich spricht die Präambel der Verfassung von der "kulturellen und zivilisatorischen Zugehörigkeit Tunesiens zur arabisch-islamischen Umma" und nennt die Einheit "der Maghreb-Staaten einen ersten Schritt auf dem Weg zur Einheit der arabischen Welt."

Im Gegensatz dazu heißt es in der Präambel der marokkanischen Verfassung: "Das Königreich Marokko ist ein souveräner islamischer Staat, der seiner nationalen Einheit und geographischen Integrität verpflichtet ist. Er ist bestrebt, die unteilbare nationale Identität in ihrer Vielfalt und Pluralität, geformt durch die Verschmelzung ihrer arabisch-islamischen, amazighischen und saharisch-hassanischen Bestandteile und bereichert durch ihre afrikanischen, andalusischen, hebräischen und mediterranen Einflüsse, zu bewahren." Zudem legt Artikel Fünf fest, dass "als gemeinsames Erbe ausnahmslos aller Marokkaner auch Tamazight den Status einer Amtssprache einnimmt."

Der Versuch, von der Pressesprecherin des tunesischen Ministeriums für Kultur eine Stellungnahme für diesen Artikel zu erhalten, blieb leider erfolglos.

Unter Bourguiba und Ben Ali wurde den Amazigh "das Schönste" ihrer Kultur geraubt, meint Hischam, der das Land verlassen hat, nachdem er seine Arbeit als Touristenführer verlor. Bleibt die Frage: Können sie in den kommenden Jahren zurückerobern das, was ihnen einst genommen wurde?

Lina Shanak

© Qantara.de 2019

Übersetzung aus dem Arabischen von Thomas Heyne

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