Von der "autoritären“ zur "humanistischen Religion“ 

Dieses Paradox hatte wahrscheinlich maßgeblich Einfluss auf Hasanis Entscheidung, sich von der "autoritären Religion“ abzuwenden und der "humanistischen Religion“ zuzuwenden. Angesichts der physischen, psychologischen und geistigen Dimensionen der Ablösung von der "autoritären Religion" war der Übergang hart. Vor allem, weil eine Gewissheit nach der anderen wegfiel, auf der sich der Glaube des Dschihadisten gestützt hatte.

Dies war ein entscheidender Moment in Hasanis Leben: "Ich schreibe mit Reue über die Ideen, denen ich folgte. Nie hätte ich gedacht, einmal zu bedauern, auf diese Ideen hereingefallen zu sein. Während ich über diesen jähen Sinneswandel nachdenke, versuche ich, nicht einer weiteren Gewissheit in die Falle zu gehen.“ 

Gewissheit mag angenehm und beruhigend sein, aber sie macht Gesellschaften und Individuen selbstgefällig. Das räumt auch Hasani unumwunden ein, wenn er über die Vorstellung des Kalifats spricht: "Das Ausmaß der Torheit, mich auf die Vorstellung von einem Kalifat einzulassen, habe ich erst viele Jahre später erkannt. Mir wurde klar, dass nicht das Ergebnis dieser Vorstellung – also das Kalifat – das Gefährlichste ist. Das Gefährlichste ist vielmehr der kollektive Glaube an das Kalifat, der zu einer Vereinnahmung führt, die in einem für die Gesellschaft existenzbedrohenden Kampf endet.“ 

Nachdem der Autor die dschihadistische Ideologie erfolgreich dekonstruiert hat, setzt er seine Geständnisse fort. Dank der neu gewonnenen Erkenntnisse und aus einem sicheren Abstand sei es ihm möglich geworden, seine früheren Überzeugungen kritisch zu hinterfragen: "Wie konnte ich so töricht sein, vertretungsweise für eine Gruppe einen Traum verwirklichen zu wollen, um dessen Verwirklichung mich niemand gebeten hat? Das Gefühl, die Forderung einer Gruppe zu vertreten, wurde durch die Glorifizierung noch verstärkt, die mir die Wohlmeinenden nach meiner Entlassung zuteil werden ließen. Diese Wertschätzung bezog sich eher auf die 'Ehre', angeklagt worden zu sein, als auf die Tatsache, dass ich eine neue Seite im Leben aufgeschlagen hatte.“ 

Die Befreiung war alles andere als einfach: Jemand, der bisher mit festen Gewissheiten gelebt hatte, sollte zu einem Menschen werden, der erkennt, dass Wahrheiten relativ sind, und der ständig danach strebt, hinzuzulernen. Gleichzeitig wurde Hasani klar, dass Religion nicht als Erklärungsmodell für alle Lebensfragen dienen kann, sondern uns in den engen Grenzen unserer persönlichen Existenz moralisch leiten kann. 

Auf seinem Weg zur Befreiung aus der Verirrung bildeten philosophische Bücher für Hasani eine Art Kompass. Sie hatten einen wichtigen Anteil an seinem geistigen Abschied von der dschihadisten Ideologie.

Hilfe durch die Lektüre von Erich Fromm

Hasani schreibt über die Philosophen, die ihm diesen Prozess erleichterten, darunter den Philosophen und Psychoanalytiker Erich Fromm: "Fromm ermöglichte es mir, besser zu verstehen, was eine religiöse Perspektive emotional bedeutet. So lernte ich zu unterscheiden zwischen einer 'humanistischen Religion', die ein schöner Zustand der Ruhe, des Friedens und der Liebe ist, und der 'autoritären Religion', die ein Zustand der Unterwerfung, der negativen Gefühle und der Krise ist. Anschließend lenkte er meinen Blick auf die subtileren Formen von Frömmigkeit in der Religion.“

US-Präsident Obama will Guantanamo-Verfahren aussetzen; Foto: picture-alliance
Gefangene Dschihadisten in Guantanamo. Anders als für sie sieht Hasani das Wesen des Glaubens in der Erfahrung, wie schön das Leben ist. Das Ich verbindet sich mit Menschen, Dingen und Gedanken und erfährt in dieser Verbindung eine Schönheit, in der sich alles in perfekter Harmonie vollzieht. So wird es dem Einzelnen möglich, die Erhabenheit seiner Beziehung zu Gott zu begreifen. Sobald aber Religionsmittler mit ihrer eigenen Agenda ins Spiel kommen, kann es mit dieser Harmonie schnell vorbei sein. Der Gläubige sieht sich dann gezwungen, zwischen den aus aus dem Kontext herausgerissenen Textstellen, die eine extremistische Agenda bedienen, einerseits und gesellschaftlichen Normen, Gepflogenheiten, Traditionen und humanistischen Werten andererseits zu entscheiden.

Hasani hätte sich nach eigener Einschätzung nicht vom Dschihadismus abgewendet, wenn ihm nicht die Notwendigkeit klar geworden wäre, seine verblendete Vorstellung aufzugeben, er sei etwas Besonderes und seinen Mitmenschen in Bezug auf Glauben und Überzeugung überlegen: "Ich hätte diesen neuen Weg nicht gefunden, wenn ich nicht beschlossen hätte, zu meiner humanistischen Haltung zurückzukehren.“

Gleichzeitig enthüllt er den psychologischen Schaden, den derartige Vorstellungen von Überlegenheit anrichten: "Die Wunde schmerzt noch immer; dass die Wunde freigelegt ist, heißt nicht, dass ich geheilt bin. Einfach gesagt: Ein Teil meines Lebens war um einer Schimäre willen amputiert worden. Ich versuche daher immer noch, den Ballast in meinem Herzen abzubauen und loszuwerden.“ 

Dieses Buch wirft einige grundlegende Fragen über Dschihadisten und ihren Werdegang auf. Die Zeit im Gefängnis kann einen Terroristen davon abhalten, Attentate, Morde und Sabotage zu begehen, aber sie wird die dschihadistischen Ideen nicht aus seinem Kopf verbannen können. Bisweilen bewirkt die Haft sogar das Gegenteil: Der inhaftierte Dschihadist vergräbt sich noch tiefer in seine Überzeugungen und ist immer mehr von der Idee getrieben, diese umzusetzen. Das gilt insbesondere dann, wenn er im Gefängnis Folter und Erniedrigung erfährt. Vom Wunsch getrieben, seine Würde wiederherzustellen, begibt er sich dann auf einen persönlichen Rachefeldzug. 

In seiner Autobiografie geht Hasani vier Themenfeldern nach. Zunächst setzt er sich mit der Persönlichkeit des Extremisten auseinander. Er verweist dabei auf drei Phasen, die die Person durchläuft: Er durchlebt eine Phase der "humanistischen Religion", verfällt dann der "autoritären Religion" und erlebt danach die Kollision der beiden Überzeugungen. 

Das zweite Themenfeld beschäftigt sich mit dschihadistischen Organisationen und ihren verdeckten Methoden sowie mit den Waffen, die sie im Kampf um Polarisierung, Rekrutierung und Konfrontation einsetzen. Das dritte Themenfeld behandelt die offizielle Politik des Staates im Kampf gegen solche Organisationen. Das vierte und letzte Themenfeld geht dem Dilemma nach, in dem sich die Gesellschaft im Umgang mit Terroristen und im Vorgehen gegen die dschihadistische Ideologie befindet. 

Mohamed Taifouri 

© Qantara.de 2022 

Übersetzt aus dem Arabischen ins Englische von Chris Somes-Charlton
Deutsche Übersetzung: Peter Lammers

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