Mit politischen Reden und religiösen Predigten assoziiert

Die Kundschaft hat sich verändert. „Als im vergangenen Herbst die Proteste ausbrachen, ist vor allem die Neugier der Diaspora wieder erwacht“, sagt Touma. Bei vielen Libanesen, die einst nach Kanada, Brasilien, Frankreich oder in die Vereinigten Staaten auswanderten, verbindet sich die Hoffnung auf einen Regimewechsel mit einem aufkeimenden Interesse an der Kultur und der Sprache des Landes. So wurden die „Dar Onboz Ambassadors“ geboren und avancierten rasch zu einer wichtigen Stütze: Sie kommen, füllen einen Koffer mit Büchern, fliegen zurück und verkaufen sie an die libanesische Gemeinde in der Fremde.

„Unsere besten Kunden in den vergangenen sechs Monaten waren allerdings Studenten“, sagt Touma, die das nicht überrascht. Im Zuge der Proteste sei auch deren Interesse an einer Sprache neu entflammt, die sie zwar täglich benutzen, in der sie aber in der Schule nie unterrichtet worden sind.

Ein schön gestaltetes Buchcover aus dem Hause „Dar Onboz“. (Foto: Dar Onboz)
Die Schönheit der arabischen Sprache vermitteln: „Wenn aber schon Kinder auf diese Weise merken, dass alles Schöne, liebevoll Gestaltete und phantasievoll Erzählte nur auf Englisch oder Französisch zu haben ist, welches Verhältnis entwickeln sie dann zu ihrer Muttersprache? Das ist die Kernfrage, die Nadine Touma und Sivine Ariss antreibt“, schreibt Lena Bopp.

Schulen im Libanon folgen üblicherweise englischen und französischen Curricula und lehren Arabisch sozusagen als Fremdsprache. Unterrichtsmaterialien in Arabisch fehlen. Und wo es sie doch gibt, wie in der kleinen Enzyklopädie des Fliegens, die Touma und Ariss herausgegeben haben – mit Geschichten über Zugvögel, für die der Flug über den Libanon wegen der vielen Jäger besonders gefährlich ist; von der Sumpflandschaft in der Bekaa-Ebene, die ihnen als Rastplatz dient; von dem Skelett des Flugsauriers, das in den Bergen gefunden wurde –, wo das Material für eine Unterrichtseinheit also auf dem Tisch liegt, stößt die arabische Sprache zuweilen selbst bei denen auf Misstrauen, die sie sprechen.

Denn das Arabische wird gemeinhin mit politischen Reden und religiösen Predigten assoziiert. Zwar auch mit den kleinen Dingen des täglichen Lebens. „Aber mit kulturellen Themen bringt man es so gut wie gar nicht in Verbindung“, sagt Touma. Schon gar nicht, wenn es sich um den libanesischen Dialekt handelt, der bei „Dar Onboz“ vorherrscht. Und nicht um die Hochsprache.

Eine leidige Diskussion

Auch der Kinderbuch-Preis, der seit einigen Jahren während der Buchmesse in Sharjah vergeben wird und das ganz allmählich wachsende Segment der Buchbranche unterstützen soll, geht nur an Titel in klassischem Arabisch. „Dar Onboz“ hat sich nie beworben. Aus Prinzip. Aufmerksamkeit haben sie trotzdem geweckt, vor allem in Italien und in Deutschland, wo sie bei der Kinderbuchmesse in Bologna mit mehreren Preisen und in München mit dem „Weißen Raben“ ausgezeichnet wurden. Darüber hinaus im Westen auch Leser zu finden ist allerdings schwierig. Ein einziges Buch aus dem Programm ist bislang übersetzt worden – ein Comic, für Erwachsene.

„Von Verlegern aus dem Westen werde ich oft gefragt, was das Arabische an unseren Büchern ist“, sagt Nadine Touma. Eine leidige Diskussion. Man spürt, dass Touma sie oft geführt hat. Ihre Bücher erzählen keine Geschichten von Flucht, Vertreibung und Krieg. Sie handeln von listigen Mäusen, Zugvögeln und der vergehenden Zeit, von gelangweilten Bällen, die draußen nach Abenteuern suchen.

Ihre ästhetische Gestaltung steckt voller Referenzen an die Kunst der Kalligraphie. Aber auch an M.C.Escher, Matisse, Dürer und das Bauhaus. „Es ist immer leichter, wenn wir Opfer sind“, sagt Nadine Touma. „Es wird viel schwieriger, wenn wir versuchen, etwas in Würde zu tun.“

Lena Bopp

© FAZ 2021

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