Die libanesische Installationskünstlerin, Autorin und Verlegerin Nadine Touma.
Beiruter Verlegerin Nadine Touma

Bücherkoffer für die Diaspora

Spielte sie konsequent mit dem Bild des Opfers, hätte sie es wesentlich leichter, doch darauf legt sie es nicht an: die libanesische Kinderbuchverlegerin Nadine Touma und ihr buntes Programm. Ein Hausbesuch.

Eine kleine Wohnung in Beirut. Ein fliegender Fisch an der Wand. Ein Schaukasten mit toten Käfern. Und in einer Ecke des Wohnzimmers, in dem, wie häufig in den Wohnungen dieser Stadt, vieles zugleich geschieht, leuchtet ein Holzmodell des legendären Baron Hotels in Aleppo. Hier lebt Nadine Touma, hier arbeitet sie und verkauft die auf zwei langen Tischen ausgebreiteten Bücher ihres Verlages „Dar Onboz“, der die Frage danach, was ein arabisches Kinderbuch ist, seit Jahren so elegant ins Leere laufen lässt.

„Dar Onboz“ ist während des Krieges gegen Israel im Sommer 2006 entstanden. Gegründet von Nadine Touma und Sivine Ariss, als persönlicher Akt des Widerstandes gegen eine Gewalt, die beide noch aus Zeiten des Bürgerkriegs kannten.

Ihr erstes Programm bestand aus fünf Büchern. Jedes einzelne war eine kleine Revolution. Ein Pappbilderbuch für Krabbelkinder hatte es hier zuvor kaum je gegeben. Auch das von Areej Mahmoud mit schwarzer Chinatusche gezeichnete Werk war ein Novum, nicht nur weil es in Schwarzweiß gehalten war, sondern weil es seine Geschichte ausschließlich in Form von Fragen erzählte („Sind alle Helden Jungs?“) und sie mit Musik auf einer beigelegten CD untermalte, die der in Beirut als Pionier für experimentelle Musik bekannte Charbel Haber eigens komponiert hat.

Es war zum ersten Mal, dass Kinderbücher in diesem Kulturkreis als Hardcover erschienen, eine Autorenzeile aufwiesen, die Namen der Illustratoren nannten – all die Dinge eben, die in anderen Sprachen selbstverständlich sind, die es aber für arabische Kinderbücher nicht waren.

Lange hing ihnen der Ruf an, belehrend zu sein, ihre Geschichten mit erhobenem Zeigefinger zu erzählen, religiös zu untermauern oder politisch aufzuladen. Und sie auf dünnem Papier zu drucken, was sie billig aussehen ließ im Vergleich zu anderen Werken in den polyglotten Buchläden des Libanons.

Wenn aber schon Kinder auf diese Weise merken, dass alles Schöne, liebevoll Gestaltete und phantasievoll Erzählte nur auf Englisch oder Französisch zu haben ist, welches Verhältnis entwickeln sie dann zu ihrer Muttersprache? Das ist die Kernfrage, die Nadine Touma und Sivine Ariss antreibt.

Bücher aus dem Hause „Dar Onboz“, einem unabhängigen, preisgekröntem libanesischem Verlag, der von Nadine Touma und Sivine Ariss mitbegründet wurde und künstlerische Bilderbücher für Kinder und Erwachsene produziert. (Foto: Dar Onboz)
Jedes Buch ist eine kleine Revolution: Der Wunsch, dass Kunst nicht länger nur einer ausgewählten Gruppe der Gesellschaft zugänglich, sondern bereits im Alltag von Kindern fest verankert sein sollte, ließ Nadine Touma 2005 den Verlag „Dar Onboz“ als panarabische Plattform, insbesondere für moderne Illustrationskunst, gemeinsam mit Raya Khalaf und Sivine Ariss gründen.

Neue Bücher liegen auf Eis

Sie sind auf viel Verwunderung gestoßen mit ihrer Art, Geschichten zu gestalten. Manche erschienen als Collagen und Linoldruck, andere in Ölfarbe oder Tusche. Fast immer werden sie begleitet von Musik, die Sivine Ariss oft so arrangiert, dass ungewöhnliche Verbindungen entstehen – wenn etwa ein traditionelles Instrument wie das Kanun ein Gutenachtlied anstimmt oder ein Stück aus dem klassischen Repertoire des Westens. So gut wie immer finden die Bücher ihre Fortsetzung in allerlei Videos und Bastelbögen, Mobiles, Guckkästen, Wandbildern, Postkarten und Bausätzen.

Mit den Jahren hat Dar Onboz eine beachtliche Fangemeinde entwickelt. Sie folgt den beiden Damen auf ihren „Dar Onboz Journeys“, die zu Ausflügen im ganzen Land einladen. Zu Lesungen in Moscheen und Schulen. In die Zelte der Protestbewegung, die vor einem Jahr das Zentrum von Beirut bevölkerten. Und vor die Bildschirme, wo Nadine Touma während des Lockdowns in der Rolle des arabischen Geschichtenerzählers, des Hakawati, bei den Leuten zu Hause erschienen ist.

Doch jetzt mussten sie ihr Kerngeschäft, das Verlegen, einstellen. Die Wirtschaftskrise im Libanon hat den Wert der einheimischen Währung ins Bodenlose fallen lassen, was für ein Land, das den größten Teil seiner Güter importieren und auf den Weltmärkten in Dollar bezahlen muss, verheerend ist. Alle Branchen sind betroffen. Auch die der Bücher, denn Papier und Tinte werden genauso importiert wie Ersatzteile für Druckmaschinen. Wie viele Geschäftsleute im Land verkaufen Nadine Touma und Sivine Ariss daher momentan ihre Lagerbestände. Neue Bücher liegen auf Eis.

Mit politischen Reden und religiösen Predigten assoziiert

Die Kundschaft hat sich verändert. „Als im vergangenen Herbst die Proteste ausbrachen, ist vor allem die Neugier der Diaspora wieder erwacht“, sagt Touma. Bei vielen Libanesen, die einst nach Kanada, Brasilien, Frankreich oder in die Vereinigten Staaten auswanderten, verbindet sich die Hoffnung auf einen Regimewechsel mit einem aufkeimenden Interesse an der Kultur und der Sprache des Landes. So wurden die „Dar Onboz Ambassadors“ geboren und avancierten rasch zu einer wichtigen Stütze: Sie kommen, füllen einen Koffer mit Büchern, fliegen zurück und verkaufen sie an die libanesische Gemeinde in der Fremde.

„Unsere besten Kunden in den vergangenen sechs Monaten waren allerdings Studenten“, sagt Touma, die das nicht überrascht. Im Zuge der Proteste sei auch deren Interesse an einer Sprache neu entflammt, die sie zwar täglich benutzen, in der sie aber in der Schule nie unterrichtet worden sind.

Ein schön gestaltetes Buchcover aus dem Hause „Dar Onboz“. (Foto: Dar Onboz)
Die Schönheit der arabischen Sprache vermitteln: „Wenn aber schon Kinder auf diese Weise merken, dass alles Schöne, liebevoll Gestaltete und phantasievoll Erzählte nur auf Englisch oder Französisch zu haben ist, welches Verhältnis entwickeln sie dann zu ihrer Muttersprache? Das ist die Kernfrage, die Nadine Touma und Sivine Ariss antreibt“, schreibt Lena Bopp.

Schulen im Libanon folgen üblicherweise englischen und französischen Curricula und lehren Arabisch sozusagen als Fremdsprache. Unterrichtsmaterialien in Arabisch fehlen. Und wo es sie doch gibt, wie in der kleinen Enzyklopädie des Fliegens, die Touma und Ariss herausgegeben haben – mit Geschichten über Zugvögel, für die der Flug über den Libanon wegen der vielen Jäger besonders gefährlich ist; von der Sumpflandschaft in der Bekaa-Ebene, die ihnen als Rastplatz dient; von dem Skelett des Flugsauriers, das in den Bergen gefunden wurde –, wo das Material für eine Unterrichtseinheit also auf dem Tisch liegt, stößt die arabische Sprache zuweilen selbst bei denen auf Misstrauen, die sie sprechen.

Denn das Arabische wird gemeinhin mit politischen Reden und religiösen Predigten assoziiert. Zwar auch mit den kleinen Dingen des täglichen Lebens. „Aber mit kulturellen Themen bringt man es so gut wie gar nicht in Verbindung“, sagt Touma. Schon gar nicht, wenn es sich um den libanesischen Dialekt handelt, der bei „Dar Onboz“ vorherrscht. Und nicht um die Hochsprache.

Eine leidige Diskussion

Auch der Kinderbuch-Preis, der seit einigen Jahren während der Buchmesse in Sharjah vergeben wird und das ganz allmählich wachsende Segment der Buchbranche unterstützen soll, geht nur an Titel in klassischem Arabisch. „Dar Onboz“ hat sich nie beworben. Aus Prinzip. Aufmerksamkeit haben sie trotzdem geweckt, vor allem in Italien und in Deutschland, wo sie bei der Kinderbuchmesse in Bologna mit mehreren Preisen und in München mit dem „Weißen Raben“ ausgezeichnet wurden. Darüber hinaus im Westen auch Leser zu finden ist allerdings schwierig. Ein einziges Buch aus dem Programm ist bislang übersetzt worden – ein Comic, für Erwachsene.

„Von Verlegern aus dem Westen werde ich oft gefragt, was das Arabische an unseren Büchern ist“, sagt Nadine Touma. Eine leidige Diskussion. Man spürt, dass Touma sie oft geführt hat. Ihre Bücher erzählen keine Geschichten von Flucht, Vertreibung und Krieg. Sie handeln von listigen Mäusen, Zugvögeln und der vergehenden Zeit, von gelangweilten Bällen, die draußen nach Abenteuern suchen.

Ihre ästhetische Gestaltung steckt voller Referenzen an die Kunst der Kalligraphie. Aber auch an M.C.Escher, Matisse, Dürer und das Bauhaus. „Es ist immer leichter, wenn wir Opfer sind“, sagt Nadine Touma. „Es wird viel schwieriger, wenn wir versuchen, etwas in Würde zu tun.“

Lena Bopp

© FAZ 2021

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