Djamshid, der Held aus dem neuesten Roman des kurdischen Autors Bachtyar Ali, nutzt seine Fähigkeit zu fliegen, um aus seinem Leben ein einziges Abenteuer zu machen.

Bachtyar Alis "Mein Onkel, den der Wind mitnahm“
Stürme des Lebens 

Der Held von Bachtyar Alis neuem Roman wird als politischer Häftling von einem Windstoß ins Freie getragen und auf eine Odyssee geschickt. Es ist eine fantastische, komische und tragische Geschichte, die zugleich existentiellen Tiefgang hat, schreibt Volker Kaminski.  

Auf den ersten Blick scheint es sich bei diesem Roman um ein typisches orientalisches Märchen zu handeln. Wir begegnen einem fliegenden Häftling, der mit einigen Begleitern seine Peiniger narrt und auf wundersame Weise zu Geld und Ansehen kommt, die er ebenso wieder verliert. Doch so fantastisch und unwahrscheinlich die Geschichte des fliegenden Djamschid anfangs erscheint, so realitätsnah und zeitgenössisch sind die Details seiner Odyssee.  

Nachdem Djamschid mit Hilfe starker Winde aus dem Foltergefängnis in Kirkuk entkommen und auf dem Dach einer Autowerkstatt gelandet ist, setzt er seine Fähigkeiten auf unterschiedliche Weise ein. Seine beiden Neffen sind ihm dabei als "Seilhalter“ behilflich. Salar, der Erzähler, begleitet ihn viele Jahre an die unterschiedlichste Orte, an die es seinen Onkel verschlägt. Mal wird er zum Frontberichterstatter auf den Schlachtfeldern des Irak-Iran-Kriegs der 1980er Jahre, mal wirbt er mit seinen Künsten um die Gunst einer Frau, in die er verliebt ist. Als Kurde unterstützt er eine Zeitlang die PKK im Kampf gegen die Türken und in einer neuen Lebensphase glaubt er beim Aufsteigen in die Luft gar, Gott nahe zu kommen.  

In einem Interview zum Roman, das der Unionsverlag mit Bachtyar Ali geführt hat, betont der Autor, es gehe ihm nicht in erster Linie um die Abenteuer seines Helden. Viemehr wolle er auf metaphorische Weise die Auswirkungen des rasanten Wandels, den der Irak und der Orient überhaupt in den letzten Jahrzehnten erlebt haben, aufzeigen und dabei existenzielle Fragen behandeln.

Auf der Suche nach einer eigenen Identität

So sei der Wind, mit dessen Hilfe Djamschid zum Fliegen kommt, kein eigentliches Naturphänomen, sondern symbolisiere eher den "Wirbelsturm der Geschichte.“  Djamschids Identität ist ungewiss, er weiß oft nicht mehr, wer er ist, fürchtet sich vor dem Fliegen und kämpft leidenschaftlich darum, "die Richtung seines Lebens“ selbst zu bestimmen.

Cover von Bachtyar Alis "Mein Onkel, den der Wind mitnahm", aus dem Kurdish ins Deutsche übersetzt von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim (Quelle: Unionsverlag)
"Wirbelsturm der Geschichte“: Bachtyar Alis Held Djamschid weiß oft nicht mehr, wer er ist, fürchtet sich vor dem Fliegen und kämpft leidenschaftlich darum, "die Richtung seines Lebens“ selbst zu bestimmen. So wird diese Figur zu einer Metapher für den Irak und die arabische Welt, die in den letzten Jahrzehnten einen rasanten Wandel erlebt hat und auf der Suche nach ihrem eigenen Weg in die Zukunft ist.

Immer wieder verliert der Held von Bachtyars Geschichte sein Gedächtnis, nachdem er in windstillen Momenten auf die Erde stürzt und sich am Kopf verletzt. Das Auslöschen seiner Erinnerung ermöglicht ihm jedoch andererseits, jedes Mal eine veränderte Identität anzunehmen und sich nach dem Aufwachen neuen Herausforderungen zu stellen.

Er ist ein unermüdlicher Antreiber und Manipulator seiner Umwelt, zeigt viel Mut und sprüht vor Ideen. Dass er dabei auch vor kriminellen Machenschaften nicht zurückschreckt (zwischendurch verdient er Geld, indem er Prostituiertenringe organisiert und sich als Menschenhändler und Schlepper betätigt), erstaunt beim Lesen, scheint aber konsequent in Bezug auf den labilen, ständig sich wandelnden Charakter des Helden. 

Der Neffe fühlt sich seinem großen Vorbild gegenüber unfähig und schwach. Er ist gewissermaßen Djamschids Gegenbild, verharrt in seiner bürgerlichen Persönlichkeit und schreckt davor zurück, sich den Anforderungen des Lebens zu stellen. Im Interview des Unionsverlags verweist Ali auf die Parallele zu Don Quijote und Sancho Panza, betont jedoch, dass Djamschid im Gegensatz zu Don Quijote "mit beiden Beinen in der Wirklichkeit“ steht.

Salar bewundert seinen Onkel, doch es wird ihm nicht leicht gemacht, ihn zu lieben, oft fertigt ihn Djamschid kaltherzig ab, schickt ihn fort und wirft ihm sein Nichtstun vor. Doch auch für seinen Erzähler findet der Autor schließlich eine Lösung: Salar schreibt die Lebensgeschichte seines geflügelten Onkels auf und findet darin seine Bestimmung. 

Beim Lesen hat man das Gefühl an einem prallen, mit Abenteuern gesättigten Leben teilzuhaben. Die Ereignisse überstürzen sich, es scheint kein Halten zu geben, und die Jahre fliegen dahin wie auf einer unendlichen Reise. Dabei hat dieser Roman gerade einmal 150 Seiten. Bachtyar Ali wählt nicht nur die Orte des Geschehens klug aus und stellt Bezüge zu realen Personen und Geschehnissen aus der Geschichte her, er beschränkt sich in den Episoden auch jedes Mal auf den Kern und beherrscht die Kunst der Verknappung. 

Bachtyar Ali entführt uns in eine Märchenwelt, die dennoch in der realen Welt verankert ist. Mit stilistischer Raffinesse und in einer behutsam berichtenden Sprache lässt er Djamschid auf seiner Suche nach seiner Bestimmung durch Zeit und Raum fliegen. Die Übersetzung aus dem Kurdischen von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim vollbringt das Meisterstück, inmitten der unwahrscheinlichen Begebenheiten in einem nüchternen Tonfall zu verbleiben. In der deutschen Gegenwartsliteratur gibt es kaum Beispiele für eine solche Mischung aus Märchen und Realismus – umso schöner, dass der Unionsverlag mit Bachtyar Alis Romanen diese Lücke füllt. 

Volker Kaminski

© Qantara.de 2022

Bachtyar Ali, "Mein Onkel, den der Wind mitnahm", Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim, Zürich, Unionsverlag 2021

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