Nur drei der Wärter hätten den Häftlingen, in unterschiedlichem Ausmaß, geholfen. "Den Wärter, der zwischen seinem Gewissen und seiner Pflicht zerrissen war, den gab es in 'Tazmamart' so überhaupt nicht!", sagt Marzouqi und ergänzt, dass das Leid der Häftlinge im Film nicht deutlich genug werde. Selbst die Art und Weise wie die Essensausgabe dargestellt wird, entspreche nicht der Realität. In der Regel seien die Gefangenen während der Essenszeiten von den Wärtern drangsaliert worden.

Das schwierige Verhältnis von Geschichte und Film

Wie zu erwarten war, provozierte der Film eine Auseinandersetzung über das Verhältnis des Kinos zur historischen Realität: Muss ein Spielfilm die historischen Tatsachen, auf denen er aufbaut, eins zu eins wiedergeben, oder hat der Regisseur das Recht auf künstlerische Eingriffe im Drehbuch, solange der Film dann nicht behauptet, historisch akkurat zu sein?

Marokkos ehemaliger Herrscher Hassan II.; Foto: picture-alliance/dpa
Das schwere Erbe des marokkanischen Königshauses: Unter König Hassan II. waren Tausende politische Gefangene von massiven Menschenrechtsverletzungen betroffen. Um Licht in dieses düstere Kapitel zu bringen, eröffnete im Dezember 2004 eine Wahrheitskommission den Opfern, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Neben der Entschädigung der Personen, die Opfer von willkürlichen Verhaftungen, Entführungen und ähnlichen Rechtsverletzungen wurden, kümmerte sich die Kommission auch um die psychische und gesundheitliche Rehabilitierung der Opfer und unterstützte sie dabei, die administrativen, beruflichen und juristischen Probleme zu lösen.

In Reaktion auf die Debatte machte Alaoui deutlich, dass er sich die historischen Tatsachen nicht zurechtgelegt hätte, bis sie seiner Sichtweise entsprachen. Eigentlich habe er sich gar nicht auf die Geschichte gestützt: "Das Drehbuch ist inspiriert von den ehemaligen Gefängnissen in der Gegend in der ich lebe, und von den Geschichten, die ich darüber gehört habe. Ich nenne im Film weder Zeit noch Ort oder Namen. Der Film handelt von einem Gefängnis, das in Marokko liegen könnte, aber auch in einem anderen Land. Unrecht ist nicht auf einen bestimmten Ort in der Welt beschränkt."

Marzouqi, auch Autor des Romans "Die Zelle Nr. 10", indem er seine grauenhaften Erlebnisse während der Haft in "Tazmamart" schildert, ist allerdings der Ansicht, dass sich der Film an die historischen Fakten hätte halten sollen.

"Der Film hätte sich enger an die Realität anpassen sollen, damit das Bild von diesem schrecklichen Gefängnis in den Köpfen der Zuschauer nicht schöngefärbt wird. Abgesehen davon, hätte der Regisseur ja seinen künstlerischen Stil einfließen lassen können." Aus seiner Sicht sei durch die Darstellung frei erfundener Ereignisse der Schrecken des Gefängnisses zu sehr abgemildert worden.

Der Kritiker Zouirik findet dagegen, dass der Film weder inhaltlich noch von der Darstellung besonders an "Tazmamart" erinnere: "Natürlich könnte es sein, dass dieses Gefängnis den Ausgangspunkt für die Überlegungen des Regisseurs darstellt, aber der Film symbolisiert nicht notwendigerweise ein bestimmtes Gefängnis und er deutet auch nicht auf eine klar bestimmbare historische Zeit hin."

Zeit und Ort im Film seien undefiniert und absolut, er könne die Gegenwart symbolisieren, uns aber auch auf eine Reise in die Vergangenheit oder Zukunft mitnehmen. Er könne an jedem Ort auf dieser Welt spielen, und gerade das sei seine Stärke, fährt er fort. Man dürfe nicht vergessen, so Zouirik, dass es ein Spielfilm sei, der erzählen wolle und keine Dokumentation. Deswegen könne er nicht an seiner historischen Genauigkeit gemessen werden.

Ismael Azzam

© Qantara.de 2018

Aus dem Arabischen von Thomas Heyne

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