Azlarabe Alaouis Film "Kilikis - Die Stadt der Eulen"

Schmerzhafte Erinnerungen aus "Tazmamart"

Im vergangenen Juli gewann "Kilikis - Die Stadt der Eulen" den Preis für die beste Regie des internationalen arabischen Filmfestivals in Oran. Der Film ist ein Teil des Aufarbeitungsprozesses der schmerzhaften "bleiernen Jahre" in Marokko. Von Ismael Azzam

Es ist keine Nacht wie alle anderen in dem kleinen abgelegenen Dorf, irgendwo im Hinterland Marokkos. Lautes Soldatengeschrei mischt sich mit dem rhythmischen Hall von Militärstiefeln im Gleichschritt. Menschen werden mit verbundenen Augen in einem Tross zu einem Gefängnistrakt geführt, dessen Zellen in Dunkelheit gehüllt sind. Nur der schwache Schein einiger alter Lampen wirft etwas Licht auf die düstere Szenerie. Dann verkündet der Gebetsruf das Ende der Nacht und den Beginn von Azlarabe Alaouis Film "Kilikis - Die Stadt der Eulen".

Ein Militärgefängnis ist der Schauplatz dieses Films, in dessen Zentrum Soldaten stehen, die vermeintliche "Feinde des Vaterlands und der Religion" bewachen. In Wahrheit ist es natürlich nicht ganz so einfach. Seiner eigenen Feigheit überdrüssig, entdeckt einer der Wachsoldaten eines Tages sein Gewissen. Er versucht, einmal in seinem Leben etwas Mutiges zu tun, selbst wenn es ihn das Leben kosten sollte. Doch der Preis der Rebellion ist hoch, nicht nur für ihn, sondern für alle, die sich nicht dem offiziellen Narrativ fügen wollen.

Ob Rebell oder willfähriger Helfer, der Film endet, ohne dass die Zuschauer etwas über das weitere Schicksal der Protagonisten erfahren. Trotzdem gibt das Ende den Zuschauern nach anderthalb Stunden voller Schmerz und Trauer ein kleines bisschen Hoffnung zurück.

Den Frühling können sie nicht aufhalten!

Filmplakat Azlarabe Alaoui: "Kilikis - Die Stadt der Eulen"
"Die Stadt der Eulen" ist nicht der erste Film, der sich den sogenannten "bleiernen Jahren" in Marokko annimmt. Seit der Staat damit begonnen hat, die Vergangenheit aufzuarbeiten, gab es bereits einige Filme dieser Art. Es ist jedoch das erste Mal, dass ein Kinofilm das Thema "Tazmamart" aufgreift.

Denn als nach einer langen Nacht, in der der Wärter um eine ihm anvertraute Hündin trauert und wegen einer verschwundenen Akte die Fassung verliert, das Morgenlicht in die elenden Zellen fällt, schließt der Film mit einem Zitat des chilenischen Dichters Pablo Neruda: "Auch wenn sie alle Blumen abschneiden, den Frühling können sie nicht aufhalten."

Der Film an sich gibt keinerlei Hinweise auf Zeit und Ort der Handlung. Nur in der kurzen Einleitung durch den Regisseur Azlarabe Alaoui fallen Andeutungen: Er spricht von einer Wüstenregion, die unter der Natur und dem Menschen zu leiden hatte, und einer Zeit, in der er selbst acht Jahre alt war.

Es dürfte allerdings für die Zuschauer nicht schwierig sein, den Zusammenhang zwischen diesen einleitenden Worten und dem berüchtigten Gefängnis "Tazmamart" herzustellen.

Dort wurden unter König Hassan II. hunderte Soldaten und Zivilisten wegen des Vorwurfs der Beteiligung an den Putschversuchen des Militärs 1971 und 1972, oder aus anderen politischen Gründen inhaftiert, bevor es im Herbst 1991 endgültig geschlossen wurde.

"Die Stadt der Eulen" ist nicht der erste Film, der sich den sogenannten "bleiernen Jahren" in Marokko annimmt. Seit der Staat damit begonnen hat, die Vergangenheit aufzuarbeiten, gab es bereits einige Filme dieser Art. Es ist jedoch das erste Mal, dass ein Kinofilm das Thema "Tazmamart" aufgreift.

Wie bei vielen anderen marokkanischen Filmen wurde die Produktion durch das marokkanische Zentrum für Kinematographie gefördert, das dem Ministerium für Kultur und Kommunikation unterstellt ist.

Unterstützt wurde die Arbeit auch vom nationalen Rat für Menschenrechte, den Marokko geschaffen hat, um eine Kultur der Menschenrechte im Königreich zu verankern.

Der Filmkritiker Fuad Zouirik sagt über den Film, dass der Regisseur die tragischen Ereignisse auf eine neue Art darstelle, die auf übertriebene Melodramatik verzichte: "Er vermittelt dem Zuschauer Empathie und Mitgefühl in wohlkalkulierten Dosen, nicht zu viel und nicht zu wenig. So entwickelt er in ihm ein Bewusstsein dafür, die realen Elemente von den cineastischen zu trennen, ohne sich dabei zu sehr auf politische Projektionen zu stützen, die die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen würden".

Die Wärter im Zentrum des Geschehens

Die schwerwiegendste Kritik am Film ist, dass er kein einziges Mal die Gesichter der Gefangenen zeigt, obwohl sie neben den Wärtern der zweite Hauptstrang der Geschichte sind. Auf diese Kritik erwidert Alaoui, dass er die Verhältnisse in seinem Film auf künstlerische Weise spiegele: "Der Schmerz der Gefangenen zeigt sich im Gesicht der Wärter. Ich setze die Ausdruckskraft ein, die darin steckt, etwas nicht direkt darzustellen. Die Dinge, die wir nicht sehen können, wirken stärker auf uns, als das offen Sichtbare. Deswegen bringt der Film die Zuschauer auch an ihre psychischen Grenzen, obwohl der keine Folterszenen zeigt."

Alaoui ergänzt, dass es ihm nicht darum ginge, die Gefangenen unsichtbar zu machen, oder sie zu degradieren. Er wollte ihre Gesichter absichtlich nicht zeigen, um bei den Zuschauern einen der beiden folgenden Effekte zu erzielen: Sie sollen entweder, angelehnt an Filme, in denen das Antlitz heiliger Figuren nicht dargestellt wird, die Gefangenen als quasi sakrosankt wahrnehmen, oder versuchen, sich selbst in den abwesenden Gesichtern zu sehen, um zu begreifen, dass sie das gleiche Schicksal hätte ereilen können.

Ahmad Marzouqi, ehemaliger Insasse in "Tazmamart", macht allerdings deutlich, dass der Film seine Erwartungen nicht erfüllt hat: "Ich begrüße zwar jede künstlerische oder literarische Auseinandersetzung mit dem Leid der Insassen dieses Gefängnisses und ich habe Respekt vor dem Mut des Regisseurs, dieses sensible Thema anzupacken. Es wäre aber besser gewesen, wenn er sich während des Drehbuchschreibens mit ehemaligen Häftlingen getroffen hätte, anstatt nur zu lesen, was über 'Tazmamart' geschrieben wurde. Dadurch hätten viele Zerrbilder im Film vermieden werden können."

Marzouqi kritisiert, dass der Film die Wärter ein Stück weit zu Unrecht rehabilitiere. Sie seien brutale Henker gewesen, die verabscheuungswürdig gehandelt und unter Anderem Gefangene fast zu Tode gefoltert hätten.

Nur drei der Wärter hätten den Häftlingen, in unterschiedlichem Ausmaß, geholfen. "Den Wärter, der zwischen seinem Gewissen und seiner Pflicht zerrissen war, den gab es in 'Tazmamart' so überhaupt nicht!", sagt Marzouqi und ergänzt, dass das Leid der Häftlinge im Film nicht deutlich genug werde. Selbst die Art und Weise wie die Essensausgabe dargestellt wird, entspreche nicht der Realität. In der Regel seien die Gefangenen während der Essenszeiten von den Wärtern drangsaliert worden.

Das schwierige Verhältnis von Geschichte und Film

Wie zu erwarten war, provozierte der Film eine Auseinandersetzung über das Verhältnis des Kinos zur historischen Realität: Muss ein Spielfilm die historischen Tatsachen, auf denen er aufbaut, eins zu eins wiedergeben, oder hat der Regisseur das Recht auf künstlerische Eingriffe im Drehbuch, solange der Film dann nicht behauptet, historisch akkurat zu sein?

Marokkos ehemaliger Herrscher Hassan II.; Foto: picture-alliance/dpa
Das schwere Erbe des marokkanischen Königshauses: Unter König Hassan II. waren Tausende politische Gefangene von massiven Menschenrechtsverletzungen betroffen. Um Licht in dieses düstere Kapitel zu bringen, eröffnete im Dezember 2004 eine Wahrheitskommission den Opfern, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Neben der Entschädigung der Personen, die Opfer von willkürlichen Verhaftungen, Entführungen und ähnlichen Rechtsverletzungen wurden, kümmerte sich die Kommission auch um die psychische und gesundheitliche Rehabilitierung der Opfer und unterstützte sie dabei, die administrativen, beruflichen und juristischen Probleme zu lösen.

In Reaktion auf die Debatte machte Alaoui deutlich, dass er sich die historischen Tatsachen nicht zurechtgelegt hätte, bis sie seiner Sichtweise entsprachen. Eigentlich habe er sich gar nicht auf die Geschichte gestützt: "Das Drehbuch ist inspiriert von den ehemaligen Gefängnissen in der Gegend in der ich lebe, und von den Geschichten, die ich darüber gehört habe. Ich nenne im Film weder Zeit noch Ort oder Namen. Der Film handelt von einem Gefängnis, das in Marokko liegen könnte, aber auch in einem anderen Land. Unrecht ist nicht auf einen bestimmten Ort in der Welt beschränkt."

Marzouqi, auch Autor des Romans "Die Zelle Nr. 10", indem er seine grauenhaften Erlebnisse während der Haft in "Tazmamart" schildert, ist allerdings der Ansicht, dass sich der Film an die historischen Fakten hätte halten sollen.

"Der Film hätte sich enger an die Realität anpassen sollen, damit das Bild von diesem schrecklichen Gefängnis in den Köpfen der Zuschauer nicht schöngefärbt wird. Abgesehen davon, hätte der Regisseur ja seinen künstlerischen Stil einfließen lassen können." Aus seiner Sicht sei durch die Darstellung frei erfundener Ereignisse der Schrecken des Gefängnisses zu sehr abgemildert worden.

Der Kritiker Zouirik findet dagegen, dass der Film weder inhaltlich noch von der Darstellung besonders an "Tazmamart" erinnere: "Natürlich könnte es sein, dass dieses Gefängnis den Ausgangspunkt für die Überlegungen des Regisseurs darstellt, aber der Film symbolisiert nicht notwendigerweise ein bestimmtes Gefängnis und er deutet auch nicht auf eine klar bestimmbare historische Zeit hin."

Zeit und Ort im Film seien undefiniert und absolut, er könne die Gegenwart symbolisieren, uns aber auch auf eine Reise in die Vergangenheit oder Zukunft mitnehmen. Er könne an jedem Ort auf dieser Welt spielen, und gerade das sei seine Stärke, fährt er fort. Man dürfe nicht vergessen, so Zouirik, dass es ein Spielfilm sei, der erzählen wolle und keine Dokumentation. Deswegen könne er nicht an seiner historischen Genauigkeit gemessen werden.

Ismael Azzam

© Qantara.de 2018

Aus dem Arabischen von Thomas Heyne

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