Das Album enthält auch Lieder mit Texten von Hüseyin Erdem, einem kurdischen Autor im deutschen Exil und Mitbegründer des kurdischen PEN-Zentrums. Unter einem Video von einem Konzert von Doğan in Wien aus dem Jahr 2018 ist ein Kommentar zu lesen, der sich sinngemäß immer wieder unter ihren Videos findet: “Wir sind zu Kindern geworden, die unfähig sind, Kurdisch zu sprechen, von Eltern, die kein Türkisch sprechen können.”

Die Bemerkung reflektiert das Gefühl einer ganzen Generation junger Kurden, die sich ihrer Wurzeln entrissen fühlen und mehr noch, wenn sie in Europa leben, nach einer Verbindung mit der eigenen Heimat sehnen. Doğan ist ihre Stimme. Mit ihrer Musik verspricht sie, ihr Publikum für ein paar Momente zu den eigenen Ursprüngen mitzunehmen. Und so erzittert der ganze Saal bei ihren Liedern und die jungen Zuhörer tanzen zwischen den Sitzreihen den anatolischen Volkstanz Halay.

Aynur Doğan wurde 1975 in der osttürkischen Kleinstadt Çemişgezek geboren, die einst von armenischem Kulturerbe geprägt war und in der heute die Traditionen der Aleviten lebendig sind. Çemişgezek liegt in der Provinz Tunceli, auch Dersim genannt, die in der Türkei immer noch vor allem mit den Erinnerungen an den Bürgerkrieg zwischen dem türkischen Staat und den Kurden verbunden ist.

Tunceli war in den Neunzigern eine der Hochburgen des kurdischen Widerstands. Doğan floh 1992 vor dem blutigen Krieg mit ihrer Familie nach Istanbul, lernte dort die türkische Laute Bağlama zu spielen, studierte dann in den neunziger Jahren Gesang und tauchte in die Musikszene der Metropole ein. Ihr erstes Album brachte sie im Jahr 2002 heraus.

 

Ein Hauch von Rebellion und Aufbegehren

Manche von Doğans Liedern tragen diesen Hauch der Rebellion, den Geschmack des Aufbegehrens gegen jene, die ihren Landsleuten die grundlegenden Rechte vorenthalten. Oft singt Doğan über das Leben und Leiden der Kurden, vor allem vom Schicksal kurdischer Frauen, wie zum Beispiel in ihrem ersten großen Hit “Keçe Kurdan” (2004).

Dort heißt es: “Mädchen, steht auf, lasst die Welt eure Stimme hören. (…) Wir sind die Rosen der Kurden. Wir haben aufbegehrt wegen der Unwissenden.” Das Lied rief in der Türkei mehrmals Kontroversen hervor, etwa 2009, als Anklage gegen einen Radiosender in der südtürkischen Stadt Adana erhoben wurde, der das Lied gespielt hatte. In der Begründung für die Anklage hieß es, man habe durch das Abspielen des Songs die Hörer aufwiegeln wollen.

Auch bei Auftritten in der Türkei erfuhr Doğan manchmal Widerstand, wurde von ihrem Publikum für das Singen in kurdischer Sprache ausgebuht. Noch heute gehört Doğan für die türkische Regierung zu den eher ungemütlichen Künstlern — so kommt es, dass sie viel häufiger in Europa auftritt als in ihrem Heimatland.

Seit Jahren arbeitet Doğan im Westen mit namenhaften internationalen Künstlern zusammen wie dem Silk Road Ensemble, dem kurdisch-iranischen Kniegeigenspieler Kayhan Kalhor oder dem berühmten Cellisten Yo-Yo Ma.

Dieser sagte einmal, “Aynurs Stimme zu hören, bedeutet, die Verwandlung aller Schichten menschlicher Freude und menschlichen Leids in einen einzigen Klang zu erleben. Ihre Stimme reicht so tief in unsere Seele hinein, sie setzt sich in unseren Herzen fest, und dann sind wir für einen Moment zu einer Einheit verbunden.”

Verdienste um die Erhaltung kurdischer Kultur

In Fatih Akıns Dokumentarfilm “Crossing the Bridge / The Sound of Istanbul” wiederum trat Doğan als eines der prominentesten Gesichter in Erscheinung. Seit Jahren ist sie eine der Stammgäste auf dem renommierten Osnabrücker Morgenland Festival.

 

2017 wurde ihr für ihre kulturübergreifende Arbeit und die wegweisenden Leistungen für die Erhaltung kurdischer Kultur der "Master of Mediterranean Music"-Preis des Mediterranean Music Institute am Berklee College of Music in Boston, Massachusetts (USA), verliehen.

Für Februar 2020 hatte Doğan zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder Auftritte in der Türkei geplant. Neben Istanbul sollte sie in neun weiteren Großstädten zu sehen sein, auch in den kurdischen Metropolen Mardin und Diyarbakır.

Es hätte gewissermaßen eine Reise zurück zu den Anfängen ihrer Karriere sein sollen. Sämtlich Konzerte waren schnell ausverkauft. Dann jedoch musste die gesamte Tour wegen des Angriffs der syrischen Armee auf türkische Soldaten in Idlib auf den April diesen Jahres verschoben werden.

Anschließend erreichte das Coronavirus die Türkei und es gab eine zweite Absage. Bisher ist unklar, wann die Tour stattfinden kann. Unterdessen scheint der Titel des neuen Albums, “Trost in der Zeit finden”, ganz und gar wie auf diese außergewöhnlichen Zeiten zugeschnitten.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2020

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