Ayaan Hirsi Ali / Geert Mak

Ideologisierung der Debatte um den Islam

Zwei niederländische Sachbücher widmen sich der Debatte um den Islam: Die niederländische Abgeordnete Hirsi Ali rät Muslimen dazu, den Islam aufzugeben; Geert Mak warnt vor dem Zuwachs der Rechtspopulisten. Von Ilja Braun

Zwei niederländische Sachbücher widmen sich der Debatte um den Islam: Die niederländische Abgeordnete Ayaan Hirsi Ali rät Muslimen dazu, den Islam aufzugeben; Geert Mak warnt vor dem Zuwachs der Rechtspopulisten. Von Ilja Braun

Ayaan Hirsi Ali beantwortet auf einer Pressekonferenz Fragen über den Islam; Foto. AP
Ayaan Hirsi Ali hält den Islam für so rückständig, dass sich jede Frau von ihm lossagen sollte

​​Der Schock über den Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh in seiner niederländischen Heimat hätte größer kaum sein können. Und kaum ein Name löst in der öffentlichen Debatte seither so heftige Reaktionen aus wie der Ayaan Hirsi Alis.

Die gebürtige Somalierin, die auf der Flucht vor einer Zwangsehe in die Niederlande kam, schrieb das Drehbuch für van Goghs umstrittenen Film "Submission". Und gegen sie richtete sich die Morddrohung, die der Täter Mohammed Bouyeri seinem Opfer mit einem Messer an die Brust heftete.

Im Piper Verlag ist nun eine Übersetzung ihres Buches erschienen, das in Form von Artikeln, Aufsätzen und Interviews Einblick in die politischen Positionen Hirsi Alis gibt. Die sich selbst als "säkularisiert" bezeichnende Abgeordnete der niederländischen Liberalen hat sich den Kampf für die Rechte der muslimischen Frauen auf die Fahnen geschrieben.

Rückständigkeit sei mit Koran zu begründen

Im Zentrum steht dabei die – so Hirsi Ali - rückständige Sexualmoral des Islam. Damit sie der Familie keine Schande machen, müssten muslimische Frauen sich bis zur Ehe ihre Jungfräulichkeit erhalten. Um dies zu garantieren, würden sie oft regelrecht zu Hause eingesperrt, in einem "Jungfrauenkäfig".

Und weil Genitalverstümmelung in den Niederlanden verboten ist, würden junge Mädchen oft in den Sommerferien in ihre Heimatländer gebracht, wo dann der Eingriff vorgenommen werde. Ungehorsame Frauen würden von ihren Männern körperlich gezüchtigt, was mit dem Koran ohne weiteres begründet werden könne.

Alles in allem, so folgert Hirsi Ali, sei der Islam eine so rückständige Religion, dass jede Frau gut daran täte, sich von ihr loszusagen. Praktischerweise gibt die Autorin dann auch gleich noch ein paar Tipps, worauf Du, "liebe Muslima", achten solltest, wenn Du von zu Hause wegzulaufen beschlossen hast.

Seit den gegen sie gerichteten Todesdrohungen ist die 1969 geborene Ayaan Hirsi Ali in den niederländischen Medien zur Islam-Expertin Nummer eins avanciert. Den entsprechenden Authentizitäts-Bonus bringt sie mit: Sie kam nicht nur selbst als Migrantin ins Land, sondern sie ist auch Opfer genitaler Verstümmelung. Wer wäre geeigneter, mag man zynisch fragen, zur Fürsprecherin unterdrückter islamischer Frauen in den Niederlanden zu werden?

In der heutigen niederländischen Gesellschaft, die viel auf ihre Fortschrittlichkeit hält, bringt man solchen Ambitionen nichts als Sympathie entgegen. Wenn Hirsi Ali dann noch erklärt, die mangelnde Emanzipation islamischer Frauen sei eine direkte Folge der Rückständigkeit des Islam, einer "jahrhundertealten Kultur, die keine Selbstreflexion kennt", dann stimmt auch das Feindbild wieder.

Ökonomische Grundlagen bleiben unbeachtet

Kein Zweifel, Hirsi Ali hat in erster Linie ein autochthones Publikum. Auf Emanzipation als Grundwert konnte man sich ebenso schnell einigen wie auf den Islam als nicht zu reformierende, lediglich zu überwindende Religion. Dass es auch vor Hirsi Ali schon feministische Reformbestrebungen innerhalb des Islam gab, hat die niederländische Öffentlichkeit ebenso wenig interessiert wie die Tatsache, dass es für soziale Rückständigkeit immer auch ökonomische Grundlagen gibt und sie mitnichten allein durch den Glauben erklärbar sind.

So wünschenswert eine Überwindung dieser Rückständigkeiten sein mag – indem Ayaan Hirsi Ali den Betroffenen lediglich eine Abkehr von ihrem Glauben und eine Anpassung an die als fortschrittlich empfundenen niederländischen Verhältnisse anzuraten weiß, befriedigt sie eher ein Beruhigungsbedürfnis der verunsicherten Niederländer, als dass sie dazu beitragen würde, die Kluft zwischen Immigranten und Einheimischen zu verkleinern.

Selbst bei konservativen Kollegen hat sie im Übrigen mit so manch gut gemeintem Vorschlag zur Lösung der interkulturellen Krise Befremden ausgelöst. Dass Muslime sich bei Bewerbungen einer Gesinnungsprüfung unterziehen sollten, gehört genauso zum bislang unrealisierten Reformpotential wie die Idee, islamische Schulen zu verbieten oder Ehrenmorde unter die Anti-Terror-Gesetzgebung fallen zu lassen.

Ideologisierung der Islamdebatte

Ein ganz anderes Kaliber ist freilich der ermordete Entertainer Theo van Gogh, der zu Lebzeiten Muslime gern als "geitenneuker" ("Ziegenficker") bezeichnete. Im Namen der Meinungsfreiheit mussten die Islamgläubigen das wohl oder übel hinnehmen.

Daran erinnert der niederländische Sachbuchautor Geert Mak in einem schmalen Bändchen, das im Herbst in deutscher Übersetzung erscheinen soll. Mak zeigt sich in seinem Essay äußerst beunruhigt über die öffentliche Debatte, die nach dem Mord an Van Gogh in den Niederlanden entstand. Ständig sei etwa über Frauenbeschneidung gesprochen worden, als handele es sich um einen islamischen Brauch, und ständig sei suggeriert worden, Selbstmordanschläge seien ein integraler Bestandteil der islamischen Tradition.

Über die Ideologisierung des öffentlichen Diskurses macht der Autor sich solche Sorgen, dass er gar Viktor Klemperers Buch über die Sprache des Dritten Reiches für ihre Beschreibung bemüht. Und er warnt eindringlich vor den Rechtspopulisten, die in der letzten Zeit in den Niederlanden starken Zuwachs zu verzeichnen hatten.

Da man auf Immigration zunehmend angewiesen sein werde, müsse man sich dringend Gedanken darüber machen, wie ein Zusammenleben mit diesen Immigranten aussehen könne, das nicht nur darauf beruhe, dass man einander aus dem Weg geht.

Beide Bücher sind Indizien dafür, dass in den Niederlanden eine multikulturelle Debatte in Gang gekommen ist – besser spät als nie. Schon lange gibt es in den niederländischen Großstädten so genannte "schwarze" Schulen, auf deren Schulhöfen kein Wort Niederländisch mehr gesprochen wird.

"Kutmarokkaantjes", etwa "die beschissenen Marokkaner", ist unter Autochthonen längst ein feststehender Ausdruck für gewaltbereite Jugendbanden. Das niederländische Selbstverständnis, demzufolge jede Minderheit ein Recht darauf hat, von der Mehrheit toleriert zu werden, zugleich aber auch sehen soll, wie sie alleine zurecht kommt, scheint an seine Grenzen gekommen zu sein. Wie es sich wandelt, bleibt abzuwarten.

Ilja Braun

© Qantara.de 2005

Cover Ayaan Hirsi Ali: Ich klage an. Plädoyer für die Befreiung der muslimischen Frauen. München: Piper Verlag 2005

​​Ayaan Hirsi Ali: Ich klage an. Plädoyer für die Befreiung der muslimischen Frauen. Ideologisierung der Debatte um den Islam; aus dem Niederländischen von Anna Berger, Jonathan Krämer München: Piper Verlag 2005 (auch in türkischer Sprache erhältlich)

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