Auswirkungen der Finanzkrise in Dubai

Dubai, bye, bye!

Die globale Finanzkrise wirft ihre Schatten auch auf die Großkulturprojekte des Emirats. Doch bietet der Stillstand der Branche den Kulturschaffenden in Dubai auch die Chance, endlich die eigene Kultur stärker in den Vordergrund zu stellen. Von Laura Weissmüller

Das Atlantis Resort in Dubai bei Nacht; Foto: AP
Mehr noch als in Abu Dhabi oder Doha sollte die Kulturprojekte in Dubai kommerziell erfolgreich sein. Während des Immobilien-Booms 2008 gab es Bauprojekte im Wert von rund 100 Milliarden Euro. Doch nun sind die Staatskassen leer.

​​Die Aufzählung liest sich wie die Wunschliste eines westlichen Kulturinteressierten: ein Opernhaus der Stararchitektin Zaha Hadid, eine Galerie zeitgenössischer Kunst samt Theater von Pritzker-Preisträger Rem Koolhaas, zehn thematisch orientierte Museen, neun Bibliotheken, vierzehn Theater, elf Kunstgalerien, sieben Kultur- und Kunstinstitute sowie ein sogenanntes Universalmuseum, in dem sich die Staatlichen Museen Berlin, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Bayerischen Gemäldesammlungen präsentieren wollten.

Die Fata Morgana als Weltkulturstadt löst sich auf

Alle diese Projekte sollten in einem wahnwitzigen Tempo bis 2015 in Dubai errichtet werden. Jetzt ist der Wüstenstaat pleite, an der "Khor Dubai", einer 27 Kilometer breiten Bucht, an der die Kulturinstitute entstehen sollten, stehen die Baukräne still, alle Projekte sind laut Michael Schindhelm, der bis zum Sommer 2009 Kulturdirektor der Dubai Culture and Arts Authority war, eingefroren. Die Fata Morgana Dubai als Weltkulturstadt hat sich damit in Luft aufgelöst.

Doch der Stillstand für diese Bauten erfolgt nicht erst mit der jetzt bekannt werdenden Zahlungsunfähigkeit des Golfstaats. Bereits im vergangenen Herbst, als mit einem 20 Millionen Dollar teurem Feuerwerksspektakel das Luxushotel Atlantis auf der künstlichen Palmeninsel eingeweiht wurde, lagen viele Kulturprojekte längst auf Eis, andere galten zu diesem Zeitpunkt schon als abgesagt.

Die Altstadt von Dubai, Foto: AP
Goldgräberstimmung passé: Westliche Architekten entwarfen himmelstürmende Museumsbauten, obwohl keinerlei Sammlungen existierten, so Weissmüller.

​​Mehr noch als in Abu Dhabi oder Doha sollte Kultur in Dubai schließlich kommerziell erfolgreich sein. In dem gigantischen Immobilien-Boom - 2008 gab es laufende Bauprojekte im Wert von 100 Milliarden Euro in Dubai - hatten die Kulturbauten deswegen die Rolle des großen bunten Werbeplakats für die expandierende Wüstenstadt zu übernehmen.

Ein Staat, der keine Steuern von seinen Bürgern nimmt und dessen Ölvorkommen in wenigen Jahren erschöpft sein werden, wollte sich ein Kultursponsoring à la Europa eben nicht leisten, jedes Museum, jede Spielstätte sollte sich deshalb selbst finanzieren.

Ein Wunschdenken, auch wenn man die Kultur von einer internationalen Architektengarde in Hochglanzfolie verpacken lässt, weswegen die Museums- und Theaterprojekte auch vor allen anderen Vorhaben eingestellt worden sind.

Doch anstatt dem Golfstaat jetzt seinen kommerziellen Umgang mit Kultur vorzuwerfen, sollte man sich lieber einmal das Kolonialgehabe der westlichen Architekten und Kulturschaffenden vor Augen halten. Als wären sie die einzigen, die Dubai kulturell zum Blühen bringen könnten, marschierten sie in den vergangenen Jahren dort ein.

Die Krise als Chance für die eigene Kultur

Es muss eine wahre Goldgräberstimmung geherrscht haben: Die Architekten entwarfen himmelstürmende Museumsbauten, obwohl keinerlei Sammlungen existierten, die wichtigsten Museen Europas balgten sich darum, Dependancen errichten zu dürfen, obwohl gar nicht klar war, wie die heimatlichen Sammlungen die Dauerleihgaben für Dubai kompensieren sollten.

"Die großen Insignien der westlichen Kultur, nach denen immer alle gerufen haben, hat die lokale Bevölkerung gar nicht gebraucht", sagt dazu Schindhelm, der in Dubai erfolglos versuchte, ein Opernhaus zu installieren.

Michael Schindhelm; Foto: dpa
"Dubai bot ein besonders ehrliches Schauspiel, was Globalisierung bedeutet: Pervertierung der eigenen Kultur", meint Michael Schindheim.

​​Es sei nicht so, dass es in der Bevölkerung kein Interesse für Kultur gebe. Vielmehr sei gerade in den letzten drei, vier Jahren besonders in der jungen Generation ein Bewusstsein dafür entstanden, was Kultur alles sein könne. Das würden auch die 40 bis 50 Galerien zeigen, die heute Kunst aus dem arabischen Raum ganz unterschiedlicher Natur und unzensiert ausstellen.

Doch die geplanten Großkulturprojekte sollten ausschließlich nach westlichem Vorbild entstehen. "Dubai bot ein besonders ehrliches Schauspiel, was Globalisierung bedeutet: Pervertierung der eigenen Kultur", so Schindhelm.

Nicht zuletzt deswegen bietet die Finanzkrise, bei all ihren negativen Auswirkungen, für Dubai jetzt auch eine Chance: endlich die eigene Kultur stärker in den Vordergrund zu stellen und ihr denselben Stellenwert zuzugestehen, den man den westlichen Kulturkolonialisten so sorglos eingeräumt hätte. Wahrscheinlich braucht es dafür dann nicht einmal mehr die schrille Hülle eines Stararchitekten.

Laura Weissmüller

© Süddeutsche Zeitung 2009

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