Ausstellung "Joseph und Zulaikha"

Von Begierde und Seelensehnsucht

Die Ausstellung "Joseph und Zulaikha" des Berliner Kupferstichkabinetts erweckt die Beziehungsgeschichte zwischen Europa und der islamischen Welt in der Malerei zum Leben. Im Mittelpunkt stehen die Legenden um den Stammvater Joseph, den koranischen Propheten Yusuf. Von Marian Brehmer

Das Orientalische hat sich auf den rechten Bildrand geschlichen: Dort steht ein bärtiger junger Mann in einem golden Gewand, an dem ein langes Schwert befestigt ist. Er hat den Kopf nach vorne geneigt und trägt einen voluminösen weißen Turban, der an die Kopfbedeckung osmanischer Sultane erinnert.

Das Gemälde zeigt den Potiphar, einen Beamten des ägyptischen Pharaos, wie er mit seiner Frau und Joseph, dem Bediensteten des Paares, im Schlafzimmer debattiert. Das Ölgemälde "Josephs Verleumdung" von Rembrandt inszeniert jene biblische Stelle, in der Potiphars Frau, die in der Bibel namenslos ist, den jungen Joseph der versuchten Vergewaltigung bezichtigt. Dies ist eine Verdrehung, denn in Wirklichkeit war sie es, die Joseph zu verführen versucht hatte. Großer Stoff für ein Drama also, dem sich die Künstler gerne annahmen.

Europas Künstler begegnen dem Orient

Anhand Darstellungen der Joseph-Geschichten aus Bibel und Koran untersucht die Ausstellung "Joseph und Zulaikha. Beziehungsgeschichten zwischen Indien, Persien und Europa" des Berliner Kupferstichkabinetts ein Stück ost-westlicher Beziehungsgeschichte. In einem Ausstellungsraum der Gemäldegalerie Berlin lässt sich ein langjähriger Kulturaustausch zwischen Ost und West erkunden, an dem beide Seiten eifrig partizipierten – gleichsam beflügelt von der Faszination des jeweils Anderen.

Shah Jahan empfängt den besiegten Rajputenfürsten Rana Amar Singh. Indien, um 1640. Detail; Quelle: © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst / Ingrid Geske
Zeitgenössische Miniaturen aus dem Moghulreich als künstlerische Inpiration und Vorlage Rembrandts: Shah Jahan empfängt den besiegten Rajputenfürsten Rana Amar Singh (Indien um 1640).

Die Ausstellung wurde von zwei Berliner Kunsthistorikerinnen geplant, die für das Projekt Werke aus verschiedenen Beständen der Hauptstadt wie der Staatsbibliothek und dem Museum für Islamische Kunst zusammentrugen. So wurde ohne den Aufwand von Ausleihen aus anderen Museum eine kleine, aber interessante Schau realisiert. Erstmals wird damit ein Orient-Schwerpunkt in die Gemäldegalerie gebracht, der die Grenzen der unterschiedlichen Berliner Kunstsammlungen verschwinden lässt.

Rembrandt ist wohl der prominenteste unter den europäischen Künstlern, die mit ihrer Malerei dem Orient begegneten. Als der niederländische Maler gegen Ende seines Lebens bankrott war und seinen gesamten Hausrat versteigern musste, fand man unter den Sammelstücken viele Miniaturen aus dem Orient. Wahrscheinlich ist auch, dass Rembrandt in seiner Heimatstadt Amsterdam türkischen Händlern begegnete, die mit Handelsschiffen im Hafen der Stadt gelandet waren.

Neben Rembrandts prototypischen Darstellungen von Orientalen hängen in der Ausstellung Werke aus der indischen Moghulkunst. Auf einem Miniaturgemälde, das einen Hofempfang des Moghulherrschers Schah Jahan abbildet, wird der indische König von einer ganzen Reihe Männer mit Gewand, Schwert und Turban umringt. Rembrandts Orientvorstellung rührt in erster Linie von diesen Darstellungen her. Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass die Körperhaltung des Potiphars bei Rembrandt unverkennbar exakt jener Shah Jahans in der Miniatur von 1640 gleicht.

Akbars Faible für europäische Kunst

"Rembrandts Vorliebe, seinen biblischen Figuren durch orientalische Kostümierung ein nahöstliches Kolorit zu verleihen, ist vielfach untersucht worden", schreibt die Kuratorin Friederike Weis im Katalog zur Ausstellung. Interessant ist aber auch, wie umgekehrt die europäische Kunst in östliche Maltraditionen eingeflossen ist.

Der Moghulherrscher Akbar (1556-1605) hatte eine Leidenschaft für europäische Kunstwerke, die über ausländische Händler und Jesuitenmissionare an den Moghulhof gelangten. Akbar soll von der europäischen Malerei so begeistert gewesen sein, dass er seine Hofmaler Elemente aus der fremden Bildkunst in ihre eigenen Werke übernehmen ließ.

Josephs Verführung aus einem Manuskript von Amanis "Yusuf u Zulaikha" (Iran, 1416); Quelle: © Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz / Fotostelle
Zerren an Josephs Mantel: Josephs Verführung aus einem Manuskript von Amanis "Yusuf u Zulaikha" (Iran, 1416)

Das Resultat dieses Transferprozesses lässt sich in einer Darstellung von Maria und dem Jesuskind sehen, die mit kalligraphischen Versen des persischen Dichters Khaqani bestückt ist. In den zwei "Beyts", wie die Doppelverse der islamischen Dichtung heißen, wird die Jungfräulichkeit Maryams, der Maria des Korans, besungen. Das Gemälde erhält dadurch eine islamische Konnotation.

Vorbild für das Bild ist jedoch eindeutig ein niederländischer Kupferstich aus dem 16. Jahrhundert, der Maria in der gleichen Haltung zeigt, das Bettlaken mit dem neugeborenen Jesus in der Hand haltend – nur, dass hier eben ein lateinischer Ausspruch aus der Bibel zu lesen ist.

Immer wieder kommt die Ausstellung auf die Legenden um Joseph, den koranischen Propheten Yusuf, zurück und verdeutlicht dem Besucher Parallelen, bei denen kulturelle Grenzen überschritten wurden.

Ein iranisches Manuskript von "Yusuf und Zulaikha" aus dem Jahr 1416 zeigt, wie Zulaikha – so heißt die Frau des Potiphars im persischen Kontext – am Mantel von Yusuf zerrt. Ein ähnlich gestaltetes Motiv verwendete Lucas Cranach rund einhundert Jahre später bei einer Illustration von Luthers "Deutschem Katechismus".

Ähnliche Bilder, unterschiedliche Deutung

Wenn sich auch die Bildkulturen gegenseitig beeinflussten, so unterscheidet sich die kulturelle Bewertung der dargestellten Legende: Während Zulaikhas Begehren nach Joseph im persischen Kontext als Verlangen nach der göttlichen Schönheit interpretiert wird, diente dieselbe Szene im christlichen Europa als moralische Warnung vor der weiblichen Sexualität.

Liebhabern der persischen Dichtung ist die Geschichte von Joseph und Zulaikha in erster Linie durch Jamis gleichnamige Erzählung aus dem "Haft Aurang" ("Sieben Throne") bekannt. Sufis haben Zulaikhas Lust nach Yusuf als Sinnbild für die Sehnsucht der Seele nach Gott interpretiert.

Im abendländischen Kontext hingegen steht der negativ konnotierte Frauenkörper im Zentrum, was in den Bildern der europäischen Künstler deutlich wird. In Rembrandts Radierung "Josephs Verführung" ist die Frau des Potiphars unbekleidet dargestellt. Josef gilt nach dieser Lesung der Geschichte als "Bezwinger der Begierden", der als Gottes treuer Diener der Versuchung durch die Frau des Potiphars widersteht.

So lernt man in der Ausstellung "Joseph und Zulaikha" auch etwas darüber, wie flexibel Kulturen mit der Darstellung ihrer Narrative umgehen und was diese Narrative umgekehrt über die jeweilige Kultur aussagen.

Um das jedoch jedem Besucher verständlich zu machen, hätte es noch mehr Platz für detailliertere Erklärungen bedurft. Die verschlungenen Zusammenhänge eröffnen sich dem Laien nämlich erst dann richtig, wenn man den 64 Seiten zählenden Ausstellungskatalog studiert hat.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2014

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