Seelenlandschaften einer Gesellschaft

Frédéric Brenner war es wichtig, den künstlerischen Blick von außen beizubehalten. Wobei Brenner - selbst Jude - als internationaler Fotograf mit wechselnden Wohnsitzen in Moskau, New York, Israel und aktuell in Berlin seine künstlerische Subjektivität im Gespräch einräumt. Seine Arbeiten spiegeln mit fast archäologischer Genauigkeit Orte und Seelenlandschaften dieses Landes und seines Volkes wider.

Von deutscher Seite ist der Fotokünstler Thomas Struth dabei. Der Vertreter der international bekannten "Düsseldorfer Schule" hat sich bei seinen Reisen nach Israel mit religiös und sozial aufgeladenen Orten beschäftigt, wie beispielsweise der Verkündigungsbasilika in Nazareth. Auf seiner großformatigen Fotoarbeit bekommt die berühmte Sehenswürdigkeit durch die martialische Betonkonstruktion an der Decke die Anmutung eines militärischen Bunkers.

Auch technologisch hochgerüstete High-Tech-Orte interessieren Struth. Ein futuristisches Versuchslaboratorium im "Plasma Lab" des Weizmann-Instituts in Rehovot, wo weltweit anerkannte medizinische Grundlagenforschung betrieben wird, bekommt aus dem Blickwinkel von Struth skulpturale Züge. "Mein Interesse oder mein Vorsatz ist, etwas anzusprechen, das ein größeres Ausmaß, einen größeren Wert hat als das spezifische Detail", sagt er.

"Daybreak": Schlafende Olivenpflücker am frühen Morgen (Foto: Jeff Wall/2011)
"Daybreak": Schlafende Olivenpflücker am frühen Morgen (Foto: Jeff Wall/2011)

Sechs Mal ist der Fotograf nach Israel gereist. Sein Bild von der abstrakt-modernen Architektur des Rathauses von Tel Aviv zeigt mehr als nur die kühne Fassade, vieles schwingt hier zwischen den Zeilen mit. An diesem historischen Ort wurde am 4. November 1995 der damalige israelische Premierminister Yitzhak Rabin ermordet. Das Licht der anbrechenden Dämmerung umgibt das Gebäude mit einer unheimlichen Aura, alle Kanten wirken überscharf.

Auch der US-amerikanische Fotograf Jeff Wall ist für seine extrem großformatigen Foto-Tableaus bekannt. Vier Jahrzehnte lang hat er in der Kunstwelt dazu beigetragen, dass die Fotografie als wichtige zeitgenössische Kunstform anerkannt wird. Für das Projekt "This Place" reiste er im Oktober 2010 nach Israel. Bei einer Rundreise durch die israelische Wüste Negev entdeckte er den Schlafplatz einer Gruppe von Beduinen, die als Olivenpflücker auf einer Farm arbeiteten. Seit Jahrhunderten leben Beduinen in dieser Gegend, viele wurden von der israelischen Regierung umgesiedelt, nur wenige konnten ihre Traditionen retten.

Ein Jahr später, im Herbst 2011, kehrte Wall dorthin zurück und wählte einen Standpunkt für seine Kamera. Zwei Wochen lang machte er jeden Morgen vor Sonnenaufgang ein Foto von den schlafenden Beduinen, im Hintergrund das nahe Gefängnis neben der israelischen Olivenfarm.

Eine serielle Arbeit, die sich nur in winzigen, fast malerischen Nuancen veränderte. Jeden Tag entwickelte er dieses Foto in einer provisorischen Dunkelkammer in seinem Hotelzimmer, bevor er es einscannte. Erst später traf er die endgültige Auswahl. Seine großformatige Fotoarbeit "Daybreak" hängt in der Berliner Ausstellung zentral am Kopfende eines Raumes - wie ein biblisches Landschaftsgemälde aus dem 17. oder 18. Jahrhundert und doch von höchster digitaler Bildqualität. Im Großformat fängt Wall die zarte Farbigkeit ein, die entsteht, kurz bevor der Tag anbricht. Alles wird durch die Lichtstimmung egalisiert. Sozialkritische Implikationen liegen zwischen den Zeilen.

 

Kunstprojekt mit politischen Ambitionen

Dem Fotografen Frédéric Brenner, der durch seinen eigenen jüdischen Familienhintergrund eher einen Innenblick auf das Thema Israel hat, ging es bei "This Place" nicht um fotografische Effekte, nicht um Klischeebilder oder den journalistischen Blick. Deshalb wurden auch keine Fotoreporter eingeladen.

Die zwölf Profi-Fotografen haben sich sehr speziell mit jeweils eigenen ästhetischen Konzepten den Geschichten hinter den Fassaden - der Gebäude, der Menschen, der Religiosität, der offiziellen Politik, des israelisch-palästinensischen Konfliktes - gewidmet. Ein Konzept, das gut in die bisherige Ausstellungsphilosophie des Berliner Jüdischen Museums passt.

Diese künstlerischen Positionen, die nach Stationen in Tel Aviv, Prag und New York jetzt als Gastausstellung im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen sind, zeichnen ein vielschichtiges Bild der unterschiedlichen Lebensbereiche im Land. "Israel ist ein Ort der radikalen Andersartigkeit und der radikalen Dissonanz", sagt Brenner im Interview mit der Deutschen Welle. "Dieses Projekt hat auch mit einer Art Polyphonie zu tun, die das Land heute prägt. Wobei wir verstehen sollten, dass wir uns auf diese Polyphonie einlassen müssen - auch in uns selbst."

 

Heike Mund

© Deutsche Welle 2019

Das internationale Fotoprojekt "This Place" ist noch bis zum 5. Januar 2020 im Jüdischen Museum Berlin zu sehen.

www.jmberlin.de/ausstellung-this-place

 

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