Ausstellung: „Be/coming/home – Berlin, capital of exiles?“

Denkmal für Vielfalt in der „Hauptstadt des Exils“

Die Ausstellung „Be/coming/home“ des Berliner Vereins dis:orient präsentiert noch bis zum 22. Dezember Arbeiten von sechs Exilkünstlern in der Hauptstadt. Die multimediale Präsentation zeigt in Form eines Corona-konformen Stadtspaziergangs durch Kreuzberg und Neukölln, wie sie Berlin als Stadt des Exils erleben und prägen. Hannah El-Hitami hat die Ausstellung für Qantara.de besucht.

Die Fotografien im Fenster zeigen Hände, die Brotteig kneten und arabische Fladen, die im Ofen aufgehen. Unter dem Schaufenster liegt ein obdachloser Mann, eingewickelt in einen Schlafsack, nur dürftig gegen die Berliner Dezemberkälte geschützt. Jugendliche in Kapuzenjacken kommen aus der Tür des Südblock Aquariums, eines Kulturzentrums mit graffitibedeckten Mauern, während im Hintergrund U-Bahnen und Autos am Kottbusser Tor vorbeirauschen.

Die Kulisse der Ausstellung „Be/coming/home – Berlin, capital of exiles?“ ist anders als sonst bei Kunstausstellungen üblich. Sie ist als Stadtspaziergang konzipiert und führt mitten durch die Berliner Stadtteile Neukölln und Kreuzberg, vorbei an Moscheen, Sozialwohnungen, Kulturräumen und Imbissen. Die Ausstellung zeigt nicht nur die Arbeit von Exilkünstlerinnen und Exilkünstlern in Berlin, sondern macht die Kieze selbst und ihr migrantisches Leben zum Thema.

Vor zehn Jahren begannen die Protestbewegungen im Nahen Osten und in Nordafrika. Millionen von Menschen mussten seitdem aus ihrer Heimat fliehen und haben woanders ein neues Zuhause gefunden. Zahlreiche Aktivisten und Künstler aus Syrien, Ägypten und anderen Ländern der Region kamen nach Berlin und prägen heute das Leben in der Hauptstadt  – gastronomisch, sprachlich, aber auch mit ihrer Kreativität. So wie es bereits  vor ihnen türkische oder vietnamesische Arbeiter, politische Dissidenten aus dem Iran oder Eritrea, Kriegsflüchtlinge vom Balkan oder aus Afghanistan und Studierende aus aller Welt getan haben.

Ihnen allen setzt der Verein dis:orient mit seiner Ausstellung „Be/coming/home – Berlin, capital of exiles?“ ein Denkmal. An den Stationen, die im Freien liegen und trotz Corona-Beschränkungen problemlos zugänglich sind, fragt die Ausstellung vom 11. bis 22. Dezember, wie Berlin zum neuen Zuhause wird, und wie sich die Stadt und ihre neuen Bewohner dabei gegenseitig verändern.

 

 

Zwischen Schwierigkeit, Schönheit und Alltäglichkeit

Während der letzten zehn Jahre ist der Anteil der Berliner mit Migrationshintergrund jedes Jahr um ein Prozent auf heute 35 Prozent gewachsen. Die meisten von ihnen haben Wurzeln in der Türkei oder arabischen Staaten. In Bezirken wie Neukölln hat sogar jeder Zweite einen ausländischen Pass oder mindestens ein Elternteil ausländischer Herkunft.

Passend also, dass die dis:orient-Ausstellung ihre Besucher zu zwölf Stationen in Neukölln und Kreuzberg führt, die migrantisches Leben in seiner Schwierigkeit, Schönheit und Alltäglichkeit repräsentieren – rund um die beiden Herzstücke Kottbusser Tor und Hermannplatz mit anschließender Sonnenallee.

Neben den Kunstwerken, die man entweder an Stationen des Spaziergangs oder parallel auf dem Smartphone anschauen kann, liegen auch Moscheen, Synagogen, Kinos, Straßen, Kulturräume, Cafés und Plätze auf dem Weg vom Görlitzer Bahnhof bis zum Tempelhofer Feld. Die Geschichten der einzelnen Stationen erzählt der ägyptische Doktorand und dis:orient-Vertreter Iskandar Abdallah im Online-Audioguide zur Ausstellung.

„Wir haben Stationen ausgesucht, die als Orte der Zuflucht- oder der Selbstverwirklichung für Menschen bekannt sind, die neu in Berlin ankommen“, erklärt sein Kollege Georg Layr von dis:orient, der maßgeblich an der Planung von „Be/coming/home“ beteiligt war. Das Konzept des Stadtrundgangs sei durch die Corona-Pandemie notwendig geworden, habe jedoch vorher schon im Raum gestanden: „Es geht um das Thema Exil in Berlin, deshalb wollten wir die Ausstellung in der Stadt, und nicht in einem neutralen Innenraum verwurzeln“, so Layr.

 

 

„Ich habe gelernt, dass mir kein Ort gehört“

Die Fotoreportage im eingangs erwähnten Kulturzentrum Südblock Aquarium zeigt Bilder aus der Bäckerei „Habibi“. Der syrische Fotojournalist Mohammad Al Bdewi hat die Arbeit der Bäckerei dokumentiert, um der Bedeutung des Fladenbrotes als einem alltäglichen Erinnerungsstück an die Heimat nachzugehen.

„Wie andere Speisen auch, kann das Fladenbrot Erinnerungen auslösen, eine Sehnsucht schaffen und zugleich das Verlangen nach der Heimat besänftigen und stillen“, schreibt Al Bdewi in seinem Text zur Ausstellung. „Arabisches Fladenbrot ist ein Teil von Berlin geworden, nachdem Neuankömmlinge aus der arabischen Welt begannen, sich hier ein Zuhause aufzubauen.“

Nur wenige Gehminuten vom Südblock Aquarium entfernt liegt das Café Bulbul, das im vergangenen Jahr zu einem beliebten Treffpunkt der arabischsprachigen Diaspora geworden ist. Im Schaufenster des Cafés ist nun im Rahmen des dis:orient-Stadtrundgangs eine Videoinstallation der palästinensischen Künstlerin Carmel Al-Abbasi zu sehen.

In ihrer Kunst gehe es immer um Vertreibung, sagt die Künstlerin, die als Tochter palästinensischer Geflüchteter in Syrien geboren wurde und später in Gaza, Norwegen und Spanien lebte. „Ich habe gelernt, dass mir kein Ort gehört und mir dadurch wiederum jeder Ort gehören kann.“

Individuelle Freiheit in der Muttersprache

Die Ausstellung „Be/coming/home“ ist Teil eines größeren Projekts von dis:orient zur Vernetzung von Initiativen und politischen Potenzialen in der „Hauptstadt des Exils“, wie der ägyptische Soziologe Amro Ali Berlin 2019 in einem Essay nannte. Laut dis:orient-Mitglied Georg Layr habe Amro Ali die Debatte um Berlin als Exil-Hauptstadt angestoßen und damit die Ausstellung inspiriert.

In seinem Essay fordert Ali, dass sich die arabische Diaspora in einer sicheren Stadt fernab der Heimat organisieren und eine gemeinsame politische oder philosophische Richtung einschlagen sollte. Berlin sei dafür besonders geeignet, da es im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten bezahlbaren Lebensraum biete und keine offensichtliche koloniale Vergangenheit im Nahen Osten oder Nordafrika habe.

„In Berlin erkennen neu angekommene Araberinnen und Araber plötzlich (aber nicht immer), dass die zu Hause so schmerzhaft geprägte Gewohnheit, sich voller Angst über die Schulter zu schauen, allmählich nachlässt. Währenddessen beginnt langsam eine neue Morgendämmerung, wenn sich Gleichgesinnte in dieser neuen Stadt treffen“, schreibt Amro Ali.

So wird Berlin für die (nicht nur arabischsprachige) Diaspora zu einem neuen Zuhause, das individuelle Freiheit bietet, und in dem man sich auch in der eigenen Muttersprache ausdrücken kann – und das in einer Umgebung, die vertraute Stimmen, Klänge und Gerüche aus der Heimat importiert hat.

Die Ausstellung „Be/coming/home“ versucht, sich den kreativen Potenzialen, die daraus entstehen, und den Orten, an denen dieses Potenzial wachsen kann, anzunähern. Spätestens in der Zeit nach Corona dürften diese kreativen Möglichkeiten in den kulturellen Räumen der Hauptstadt immer sichtbarer werden.

Hannah El-Hitami

© Qantara.de 2020

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