Am 19. September dann kam der nächste Anruf aus dem Kalifat. Von ihrer Schwiegertochter: "Sie sagte stolz, Issa sei jetzt Shahid, ein Märtyrer. Er sei im Kampf für Allah gestorben." Ihre Stimme klingt jetzt bitter: "Nein, Christian ist nicht im Kampf für Allah gestorben, sondern im Kampf für Al-Baghdadi und seine Verbrecher." In den sozialen Medien tauchten schnell Fotos und Videos von Christians Leiche im Wüstensand östlich von Homs auf.

Sabine Lappe hat jetzt Tränen in den Augen, zum ersten und einzigen Mal. "In so einem Moment denkst du nicht mehr", sagt sie. Sie erzählt von der ersten Zeit nach der Todesnachricht, von der Trauer, dem Entsetzen, der Ohnmacht. Sie habe einfach nur noch funktioniert. Halt gibt ihr der Glaube. Der Islam, den sie anders interpretiert als Christian es getan hat. "Ich finde darin Frieden."

IS-Terrorist Lappe mit seiner ehemaligen Frau Yasmina; Foto: privat
Dieses Bild mag Sabine Lappe, aber nicht das Foto, das als nächstes kam: Darauf ist ein positiver Schwangerschaftstest zu sehen, platziert auf einem Sturmgewehr.

Der unerreichbare Enkel

Sabine Lappe ist einsam, sie hat fast niemanden mehr. Und sie beobachtet immer wieder, dass Menschen ihr angstvoll begegnen. Sobald sie wissen, wen sie vor sich haben. "Bist du die Mutter von DEM Christian Lappe?" Die Frage kennt sie schon. "Ja, ich BIN die Mutter von DEM Christian Lappe", antwortet sie dann. "Und von mir geht keine Gefahr aus. Ich trage keine Kalaschnikow unter meinen Gewändern, und ich hacke auch niemandem die Hände ab."

Die Mutter von... Das ist spätestens seit Christians Tod das Attribut, das an ihr haftet. In der Apotheke in ihrer Straße wird sie nicht bedient. "Als ich dort neulich ein Rezept einlösen wollte, hat man mich aufgefordert, wieder zu gehen. Man ist einfach überall 'der Arsch', die Mutter, die versagt hat. Oder gilt gleich selbst als Terroristin." In die alte Moschee-Gemeinde geht sie auch schon lange nicht mehr. Auch da sei sie unerwünscht, weil sie ein schlechtes Licht auf die Gemeinde werfen würde.

Ende 2017 kommt Christians Sohn im zerfallenen IS-Gebiet zur Welt. Am Geburtstag seines Vaters. Sabine Lappe zeigt Fotos, der Junge sieht ihm auf den Bildern sehr ähnlich. Yasmina ist jetzt mit dem irakischen Kämpfer verheiratet, den Christian für sie ausgesucht hatte. Manchmal vergehen Wochen zwischen zwei Lebenszeichen von ihr.

Nichts würde Sabine Lappe sich sehnlicher wünschen, als ihren Enkel einmal auf den Arm nehmen zu können. Aber sie glaubt nicht daran. "Ich habe bei Christian gespürt, dass ich ihn verlieren würde. Und den Kleinen werde ich auch verlieren."

Esther Felden

© Deutsche Welle 2018

Der Beitrag ist Teil der  DW-Serie "Die salafistische Gefahr"

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.