Sie habe immer wieder versucht, ihn zur Umkehr zu überreden, sagt sie und senkt den Blick. "Aber so verrückt das klingen mag: Er war mit Leib und Seele dabei. Und dann kam dieses Video. Das war der Moment, als er mir richtig fremd wurde." Es war im September 2016, genau ein Jahr, nachdem Christian Deutschland verlassen hatte. Über die IS-nahe Online-Plattform "Furat Media" wurde ein Film veröffentlicht. Darin erzählt Christian, der sich mittlerweile Abu Issa al-Almani nennt, seine Geschichte.

Er berichtet darin von seiner Krankheit, den Sinnfragen und den Antworten, die er im Islam fand. Und er ruft offen zu Anschlägen in Europa auf.

Neben den Sequenzen, in denen er in die Kamera blickt und spricht, gibt es verstörende Bilder, auf denen die gefesselte Hand eines Mannes zu sehen ist – und ein sich senkendes Beil. Ob Christian es ist, der dem Mann die Hand abhackt, ist nicht zu erkennen. Aber er ist es, der dem Gefolterten im nächsten Bild einen Kuss auf den Kopf gibt.

IS-Kämpfer Christian Lappe; Foto: privat
Wie aus Christian der Dschihadist Abu Issa Al-Almani wurde: Der Frage, ob Christian auch Menschen getötet hat, weicht Sabine Lappe aus: "Ich sage es mal so: Er hat für Abu Bakr al-Baghdadi nicht nur die Kartoffeln geschält. Er stand voll hinter dem, was er tat. Und das macht es für mich so unendlich schwer. Christian wollte in die Geschichte eingehen und als deutscher Moslem für das Richtige sterben."

Schwangerschaftstest auf der Kalaschnikow

Für Sabine Lappe brach die Welt zusammen, als sie den Film sah: "Ich kann nicht verstehen, wie man so etwas machen kann. Das geht einfach nicht. Das steht auch nicht im Koran, in keiner einzigen Sure." Als sie ihm das in einem Telefonat sagte, beschimpfte er sie als Ungläubige. "Er warf mir vor, ich hätte meinen Glauben nicht richtig verstanden."

Mit dem Video schwand auch die letzte Hoffnung, dass Christian eines Tages reuevoll zurückkehren würde. "Er hätte 10 bis 15 Jahre Gefängnis gekriegt, klar." Absolut angemessen, findet sie. "Aber in der Zelle hätte ich ihn wenigstens besuchen können." Während des Interviews spricht Sabine Lappe immer von Christian, den Namen Abu Issa al-Almani benutzt sie in ihrer persönlichen Schilderung nicht. "Für mich ist und bleibt er Christian."

Der Frage, ob Christian Menschen getötet hat, weicht sie aus: "Ich sage es mal so: Er hat für (IS-Anführer) Al-Baghdadi nicht nur die Kartoffeln geschält. Er stand voll hinter dem, was er tat. Und das macht es für mich so unendlich schwer. Christian wollte in die Geschichte eingehen und als deutscher Moslem für das Richtige sterben."

Dann passierte etwas, womit sie nicht gerechnet hätte. Eines Tages erhielt sie per Whatsapp ein Foto: ein strahlender Christian, daneben Schwiegertochter Yasmina, voll verschleiert. Danach ein zweites Bild – mit eindeutiger Botschaft: Eine Kalaschnikow ist darauf zu sehen: auf dem Magazin ein positiver Schwangerschaftstest.

Ihr sei regelrecht schlecht geworden bei dem Anblick, sagt Sabine Lappe: "Die beiden haben sich total gefreut und waren stolz. Die Aussicht darauf, Vater zu werden, machte Christian aber nur noch radikaler."

Tod im Wüstensand

Am 1. August 2017 telefonierte Sabine Lappe zum letzten Mal mit ihrem Sohn. "Er sagte, dass er wieder in den Kampf zieht und dass er mich liebt." Sie habe ein ganz schlechtes Gefühl gehabt, so etwas wie eine dunkle Vorahnung. Auch Christian habe es gespürt, ist sie überzeugt. Für Yasmina hatte er vorgesorgt. Für den Fall, dass ihm etwas passieren würde, sollte sie einen von ihm ausgewählten irakischen Kämpfer heiraten, alles war bereits besprochen.

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