Es sah zunächst so aus, als würde es bergauf gehen. Christian ging es nach mehreren Folge-Operationen gesundheitlich besser. Er wollte auf dem zweiten Bildungsweg seinen Realschulabschluss nachholen, dann das Abitur machen und Psychologie studieren. In der Schule lernte er junge Männer aus Marokko und der Türkei kennen, Muslime. Sie schwärmten vom Islam und steckten ihn mit ihrer Begeisterung an.

"Und dann kam er auf einmal nach Hause und sagte mir, dass er sich überlegt, zu konvertieren." Das war 2012. Sabine Lappe steckte zu diesem Zeitpunkt selbst in einer Krise. Ihr Lebenspartner war plötzlich verstorben, auch sie suchte nach einem neuen Sinn. Weil ihr Sohn endlich etwas gefunden zu haben schien, was ihn glücklich machte, begann auch sie, sich näher mit dem Islam zu befassen.

Ein halbes Jahr nach Christian konvertierte Sabine Lappe ebenfalls. Oder "kehrte zu Allah zurück", wie sie es selber ausdrückt. Sie sagt, der neue Glaube habe sie zu einem "ausgeglichenen Menschen" gemacht. Sie beschreibt sich als moderate Muslima.

Erste Meinungsverschiedenheiten

Wenn sie ihre Wohnung verlässt, bedeckt sie sich. "Aber das Gesicht bleibt frei, einen Niqab trage ich nicht. Ich fände das nicht passend hier, wir sind ja immer noch in Deutschland." An diesem Punkt aber fingen damals die Streitigkeiten mit Christian an, erinnert sie sich. "Er wurde schnell deutlich radikaler in seinen Ansichten." Dass seine Mutter auf einen deutschen Wochenmarkt ging, mit einem Verkäufer plauschte und ihm sogar die Hand gab, erzürnte ihn. "Mama, das darfst du nicht, das ist haram (verboten)", habe er sie ausgeschimpft.

Prozess gegen Abu Walaa vor dem Oberlandesgericht in Celle; Foto: picture-alliance/dpa
Teil der salafistischen Szene: Nach Darstellung seiner Mutter habe Christian Lappe viele Größen im salafistischen Umfeld sogar persönlich gekannt – darunter Abu Walaa, der als Nummer 1 des IS in Deutschland gilt und den Prediger Ibrahim Abu Nagie, den Begründer der mittlerweile verbotenen "Lies"-Aktion.

Das aber ließ sich Sabine Lappe nicht gefallen. "Ich gebe jedem die Hand, wenn ich denke, das gehört sich so. Einem Muslim natürlich nicht. Aber dem Herrn Müller, bei dem ich seit 15 Jahren die Tomaten kaufe, kann ich doch nicht auf einmal sagen: Tut mir leid, das geht nicht mehr, ich bin jetzt Muslima." 

Nach außen lief alles in geregelten Bahnen. 2013 machte Christian Lappe den Realschulabschluss. Er besuchte zu diesem Zeitpunkt bereits regelmäßig die Dortmunder Taqwa- und in die Abu Bakr-Moschee. Auch Sabine Lappe kam irgendwann mit. Sie wollte sich anschauen, wo ihr Sohn verkehrte und mit wem. "Anfangs war ich sehr beeindruckt", berichtet sie heute. "Man kommt da als Deutsche hin und fühlt sich auf einmal wie ein Star. Alle interessieren sich dafür, wie man zum Islam gefunden hat, und alle lieben einen."

Es gab aber auch schnell Punkte, die ihr gar nicht gefielen. "Ich habe gemerkt, dass viele der Frauen einfach nur nachplapperten, was ihre Männer ihnen vorgebetet hatten. Das habe ich offen hinterfragt. Ich habe gesagt: Lest den Koran doch selbst, gebt nicht nur wieder, was eure Männer sagen."

Worte, die nicht gut ankamen. Das bekam auch Christian zu spüren. "Er wurde von Glaubensbrüdern auf mich angesprochen. Sie sagten: 'Bring mal deine Mutter in die Spur. Die mischt uns die ganze Moschee auf'. Und er wies mich an, damit aufzuhören." Sorgen um Christian habe sie sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gemacht, sagt Sabine Lappe. "Ich dachte, er muss sich da jetzt ein bisschen beweisen als deutscher Moslem."

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