Auf die Frage, warum sie dann Muktada al-Sadr und seine Leute letztes Jahr gewählt hätten, zucken die beiden mit den Schultern. Der Soldat sagt: "Wir haben ihnen geglaubt." Inzwischen taucht ein Mann auf, der zum Medienzentrum gehört. Er verspricht, ein Treffen mit einem Sprecher von Muktada al-Sadr zu organisieren. Am Telefon wird die Anfrage abgelehnt. So geht es noch mehrere Male. Man wolle nicht mit der Presse sprechen. Nicht jetzt.

"Irak den Irakern!"

"Dreiviertel von Muktadas Leuten sind Diebe", behauptet Haider, ein mit Hussein befreundeter Tuk-Tuk-Fahrer, "wie alle anderen auch". Sie brächten Millionen außer Landes, einige hätten zwei Pässe. Sechs Ministerien seien mit Muktadas Leuten besetzt. Religion sei für sie ein Geschäft, "mit der sie uns klein halten".

Dabei gab der 45-Jährige einst den Rächer der Armen, wurde zum Robin Hood von Sadr City, stellte sich 2016 an die Spitze der Demonstrationsbewegung, die damals gegen zu wenig Strom und schlechtes Wasser protestierte. Seine Anhänger stürmten die Grüne Zone, Bagdads schwer bewachten Regierungsbezirk, setzten sich auf die Stühle der Abgeordneten im Parlament und forderten Mitbestimmung.

Aus den Wahlen vom Mai 2018 ging das Bündnis "Sai'run", das Muktada al-Sadr geschmiedet hatte und so etwas wie eine Bürgerbewegung darstellte, als Sieger hervor. Es herrschte Aufbruchstimmung. Auch in Sadr City. Die Hoffnung war groß, dass sich das Leben verbessern würde, wenn ihre Leute an der Regierung seien. "Doch sie haben uns getäuscht und betrogen", sagt auch Haider. Inzwischen fährt Muktada al-Sadr einen Ferrari, schickt seinen Sohn als Botschafter Iraks nach Südamerika, fliegt zum Autorennen nach Qom in den Iran. Auch momentan soll er im Iran sein.

"Wir werden nicht aufhören, bis sie alle weg sind", sagen Hussein und Haider wie aus einem Munde. "Irak den Irakern!" Bei der Mahdi-Armee hätten sie gelernt, die Angst zu überwinden, meint ein anderer Tuk-Tuk-Fahrer. Das käme ihnen jetzt zugute.

Dass Moktada al-Sadr seine Miliz in "Saraya Salam" (Friedensbrigaden) umgetauft hatte und sie seit dem Sieg über die Terrormiliz "Islamischer Staat" vor zwei Jahren eigentlich entwaffnen wollte, kommentieren die jungen Männer mit einem Augenzwinkern. "Wenn jemand tatsächlich eine Revolution im Irak hinbekommt, dann die Leute aus Sadr City."

Birgit Svensson

© Qantara.de 2019

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