Nach dem Sturz der Monarchie 1959 gegründet, ließ der neue Premierminister General Abdel Karim Qasim das Terrain als Siedlungsgebiet für Iraker ausweisen, die massenhaft aus den südlichen Provinzen in die Hauptstadt strömten. Die Landflucht in die Stadt begann. Er nannte den neuen Stadtteil "Medina al-Thaura", Stadt der Revolution. Und das ist Sadr City heute wieder.

Eine Revolution, die vom Volk ausgeht

Proteste auf dem Tahrir-Platz in Bagdad am 29.11.2019; Foto: picture-alliance/AP
Der Tahrir-Platz als Epizentrum des Aufstands: Auch nach dem Rücktritt von Premierminister Adel Abdel Mahdi gehen die Proteste im Irak weiter. Nach den Toten vom Wochenende schwoll die Protestwelle nochmals erheblich an. Die Demonstranten sind entschlossen, nicht zu weichen, bevor nicht alle ihre Forderungen erfüllt sind. Die Abdankung der Regierung ist dabei nur eine der Bedingungen. Sie wollen eine komplette Umstrukturierung des politischen Systems, das Schluss macht mit der ethnischen und religiösen Proporzaufteilung und vor allem jungen Leuten mehr Recht auf Mitsprache gewährt.

Die meisten der Demonstranten am Bagdader Tahrir-Platz kommen von hier. Die Straßenkämpfer, die die Tigrisbrücken erobern mit dem Ziel, die Stadt lahmzulegen, ebenfalls. "Wir machen Revolution", sagt Hussein stolz. Aber dieses Mal gehe sie vom Volk aus und nicht wie 1958 vom Militär. Stimmen werden laut, Sadr City wieder in "Medina al-Thaura" umzutaufen.

"Sie müssen alle weg", sagt Hussein wiederholt leise, aber sehr bestimmt. "Alle sind Diebe und Räuber und inzwischen auch Mörder." Der Rücktritt des Premiers allein reiche nicht. Und der Iran? Was ist mit dem Nachbarn, der den Zorn so vieler Demonstranten auf sich zieht? Hier hält sich Hussein bedeckt, schaut sich nach allen Seiten um und sagt kurz: "Unsere Regierung ist der Iran, und ich bin gegen die Regierung."

Damit ist alles gesagt. So kurz und knapp, wie der junge Hussein es auf den Punkt bringt, drücken sich die anderen Gesprächspartner in Sadr City nicht aus. Doch der Tenor ist bei allen der gleiche. Die Leute in Sadr City haben die Nase voll von Klerikern, die nichts an dem erbärmlichen Zustand der Stadt ändern, sondern nur darauf bedacht sind, sich die eigenen Taschen zu füllen.

Aus Saddam City wird Sadr City

Nach der Invasion der Amerikaner und Briten 2003 wurde das Viertel, das inzwischen Saddam City hieß, in Sadr City umbenannt - im Gedenken an den von Saddam ermordeten Großayatollah Mohammed Sadiq al-Sadr, dem Vater des heutigen Schiitenführers Muktada al-Sadr. Insbesondere Schiiten, die unter dem Diktator verfolgt wurden, hatten sich hier niedergelassen.

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