Zunächst haben sich die Umbrüche 2019 in Ländern ereignet, die weit entfernt, ja sogar fremd erscheinen. Oder waren Sie schon einmal im Urlaub in Algerien? Tauchen am Roten Meer im Sudan? Wie Ihnen geht es auch den Multiplikatoren in den Medien. Viele Journalisten, die sich mit der Region befassen, haben in Kairo Arabisch gelernt, haben Tunesien und Syrien bereist. Aber Algerien oder Sudan? Fehlanzeige. Und wer interessiert sich schon für ein Land, ohne je dort gewesen zu sein? Auch politisch gibt es keine engen Verbindungen zum Sudan oder nach Algerien – ganz anders übrigens als in Frankreich mit seiner Kolonialgeschichte in Nordafrika. Dort bestimmte Algerien wochenlang die Schlagzeilen der Zeitungen.

Algeriens Ex-Premier Abdelaziz Bouteflika; Foto: picture-alliance/AP
Politisch abservierter Langzeitdespot Abdelaziz Bouteflika: In Algerien war es die in ihrer Dreistigkeit kaum zu übertreffende Ankündigung der Staatsführung, den seit 20 Jahren herrschenden Abdelaziz Bouteflika für eine fünfte Amtszeit erneut zur Wahl aufzustellen. Als der 82-Jährige dem Druck der Straße im April schließlich nachgab, schaffte er es kaum noch, sein Rücktrittsgesuch aus dem Rollstuhl heraus zu überreichen.

Zweitens herrscht offenbar Resignation, was arabische Aufstände angeht. Auf 2011 folgte ab 2013 die Konterrevolution. In Ägypten restaurierte sich das Militärregime; Libyen, Jemen und Syrien versanken im Krieg; der IS errichtete sein Terrorregime. Enttäuscht wandten sich viele ab.

Der realistische Blick

Doch vielleicht hat diese Resignation auch eine positive Seite: Die naive Euphorie, die viele Beobachter 2011 ergriff, ist einem realistischeren Blick gewichen. Sahen wir damals in den Demonstrierenden in Kairo oder Damaskus nicht mit Vorliebe jene jungen Leute, die genauso werden wollten wie wir im Westen? Der Wandel gestaltete sich letztlich schwieriger als erhofft, zumindest erfüllten sich unsere Erwartungen nicht sofort.

Und dann auch noch 2015: Der "Flüchtlingssommer" führte uns brutal vor Augen, dass Veränderung Instabilität mit sich bringt und diese – im wahrsten Sinne des Wortes – auch bei uns in Europa ankommt. Nicht nur die Rechten begriffen, dass die Revolutionen im arabischen Raum einen tiefgreifenden Wandel für die dortigen Gesellschaften darstellen, der mit langwierigen politischen Krisen direkt vor Europas Haustür einhergeht. Statt Revolutionsbegeisterung machte sich Sehnsucht breit: nach Ruhe und Ordnung.

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