Atiq Rahimis "Stein der Geduld"

Porträt einer Tapferen

In seinem brillant geschriebenen Roman gelingt es dem afghanischen Autor Atiq Rahimi, den Lesern die bestürzenden Verhältnisse seines von Krieg und Unterentwicklung gezeichneten Landes vor Augen zu führen. Eine Rezension von Volker Kaminski

Atiq Rahimi; Foto: dpa
Anfang der 1980er Jahre wurden Rahimis Publikationen in Afghanistan verboten. 1984 flüchtete er während des Bürgerkriegs zunächst nach Pakistan, wenig später ging er nach Frankreich, wo er bis heute lebt.

​​Der Ort: "Irgendwo in Afghanistan oder anderswo". Das Setting: ein kleines Zimmer, eine Schwarzweißfotografie an der Wand, am Boden eine Matratze. Darauf ein regloser Mann, der durch Kriegsverletzungen gelähmt ist und durch einen Infusionsschlauch künstlich ernährt werden muss. Neben ihm eine Frau, die seine Hand hält und tief versunken die Perlen ihrer Gebetskette abzählt.

Die Frau fleht zu Allah, er möge ihren Mann gesund machen, damit er zu ihr und den zwei kleinen Töchtern zurückkehrt. Sie versorgt ihn Tag und Nacht, wechselt den Infusionsschlauch, leidet Hunger und muss dabei die Gefahren ertragen, die von sporadisch aufflammenden Kriegshandlungen in ihrer direkten Umgebung ausgehen. Nichts kann sie von der Stelle am Bett ihres Mannes vertreiben.

Und doch ist "die Frau", die im Roman ebenso namenlos bleibt wie "der Mann" und andere Figuren, alles andere als hilflos ihrem Schicksal ergeben. Sie beweist im Gegenteil eine erstaunliche Kraft, die es ihr ermöglicht ihr leidvolles Leben an der Seite ihres Mannes in langen Monologen wiederzugeben und sich immer mehr des erlittenen Unrechts bewusst zu werden.

Glasklare Prosa

Atiq Rahimi, der nach zwei Romanen in persischer Sprache zum ersten Mal auf französisch schrieb und mit "Stein der Geduld" 2008 den "Prix Goncourt" erhielt, fasziniert den Leser durch eine glasklare Prosa, in der jedes Wort seinen Platz hat, mit kurzen, doch symbolkräftig wirkenden Sätzen und einen knapp umrissenen Handlungsbogen, der von Anfang bis Ende in Atem hält.

Dabei ist die reduzierte und sezierend genaue Sprache ebenso wichtig wie der distanzierte Blick des Erzählers, der dem Geschehen in gleichmäßiger Entfernung wie von außen folgt.

Auf dem diesjährigen Internationalen Literaturfestival in Berlin erklärte Rahimi, dass ihm bei seiner Arbeit am Roman seine Tätigkeit als Film-Regisseur zu Hilfe kam und er sich des Filmschnitts, des bewusst gewählten Bildaufbaus und der Konzentration auf Details bediente. Dennoch wirkt der Roman keineswegs schematisch oder oberflächlich, was in erster Linie auf die Wirkung der Protagonistin zurückzuführen ist.

Trostlosigkeit und Unterdrückung

​​In ihrer immer wieder neu ansetzenden Monolog-Tirade wird auf drastische Weise deutlich, wieviel sie in der von Brutalität und Verwahrlosung gezeichneten Gesellschaft erleiden muss. Nicht nur dass sie ihren zukünftigen Ehemann vor der Verlobung nicht kannte, sie wurde auch mit ihm verheiratet, ohne dass er selbst bei der Hochzeit anwesend war. Danach musste sie drei Jahre auf ihn warten, bevor er aus dem Krieg zurückkam.

In diesem Land, in dem die Männer herrschen und das Blutvergießen an der Tagesordnung ist, haben vor allem Frauen und Kinder sich gegen ständig drohende Misshandlungen zu wehren.

Das Besondere an der vom Autor gewählten Erzählsituation ist, dass es der Frau durch das verletzungsbedingte Schweigen ihres Mannes schrittweise gelingt, immer offener die Probleme ihrer Ehe auszusprechen. Sie kann sich offenbaren und eine Art Beichte ablegen, statt nur zu beten. Sie bezieht Stellung gegen ihren Mann und findet ihn abstoßend, beschimpft ihn als "Ungeheuer" für all das, was er ihr angetan hat.

Gleichzeitig erfährt sie eine starke Erleichterung, es gibt ihr neuen Lebensmut, dass sie endlich "mit ihm über alles reden (kann), ohne unterbrochen zu werden, ohne beschimpft zu werden."

Der Mann, der stumm daliegt und nur atmet, ist für sie mehr als "eine lebendige Leiche", dessen Rückkehr ins Leben mehr als fraglich scheint; er verwandelt sich zu einer Art heiliger Talisman, zum "Stein der Geduld", dem sie alles anvertrauen kann, der alles aufsaugt, alle Schmerzen, Unglück und Leid, "bis er eines schönen Tages explodiert."

Schlaglicht auf die Herrschaft der Taliban

Der Roman, in dem durch verschiedene Nebenstränge auch auf die bürgerkriegsartige Situation während der Herrschaft der Taliban ein Schlaglicht geworfen wird, vermag auf seine diskrete Weise vom Schicksal der Frauen in hoffnungsloser Trostlosigkeit und unwürdiger Unterdrückung zu erzählen.

Es werden dabei durchaus auch Zwischentöne hörbar und neben der Mehrzahl an negativen (Männer-)Figuren gibt es einige, die zu Verbündeten der Frau werden: der Vater des Mannes, der den Krieg verabscheut, ihre Tante, eine von der Gesellschaft verstoßende Frau, und ein junger, schüchterner Soldat, dem die Frau - um zu überleben - vorspielt sie sei eine Prostituierte.

Doch die Spannung resultiert vor allem aus der ungeklärten Situation am Lager ihres halbtoten Ehemannes, dem sie mehr und mehr ihre verborgenen Gedanken und intimsten Geheimnisse anvertraut, während sie weiter für ihn sorgt. Am Ende kommt es - unerwartet - zur Katastrophe, doch dies sei hier nicht näher verraten.

Rahimi, der an der Universität in Kabul lehrt und gerade ein Schriftstellerzentrum sowie einen Verlag aufbaut, gelingt es mit seinem brillant geschriebenen Roman, den Leser in die bestürzenden Verhältnisse eines von Krieg, Grausamkeit und Unterentwicklung gezeichneten Landes hineinzuziehen. Man folgt dem Geschehen mit angehaltenem Atem bis zum Schluss.

Volker Kaminski

© Qantara.de 2009

Atiq Rahimi: "Stein der Geduld", 176 Seiten, erschienen im Ullsteinverlag, September 2009

Qantara.de

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