Im Jahr 2010 gab es laut der Studie demgegenüber weltweit 1,1 Milliarden Atheisten, Agnostiker und konfessionslose Menschen. Bis 2050 soll ihre Anzahl zwar insgesamt auf 1,2 Milliarden Menschen ansteigen, relativ zur Weltbevölkerung wird ihr Anteil jedoch von 16 auf 13 Prozent sinken.

Abgesehen davon: Auch wenn es zusehends mehr Angebote in den sozialen Netzwerken gibt, die sich für Atheismus einsetzen, erfreuen sich die Internetpräsenzen religiöser Würdenträger und Prediger weiterhin einer enormen Followerbasis. Viele von ihnen haben sich auf neue Formen der Kommunikation mit den Gläubigen eingestellt und manche auch gleich ihren Auftritten inhaltlich einen neuen Anstrich verpasst. Dadurch erreichen sie mittlerweile auch das jüngere Publikum.

Keine langfristige Tendenz zum Atheismus

Auch der Religionswissenschaftler Mountassir Hamada ist sich sicher, dass das Internet bei der zunehmenden Verbreitung atheistischen Denkens in der arabischen Welt eine Rolle spielt. Allerdings dürfe man "andere Faktoren nicht einfach ignorieren", wie er sagt. Im Gespräch mit Qantara.de macht er deutlich, dass auch die Religion selbst ein Grund für das Aufkommen des Atheismus sei.

Insbesondere "gewisse Aspekte traditioneller religiöser Diskurse, speziell der extremistischen, lösen teils eine Gegenreaktion aus." Den höchsten Anteil an Atheisten in der Region gibt es seiner Aussage nach beispielsweise in einem der Golfstaaten. Aber natürlich sei es schwierig, ihre tatsächliche Anzahl zu ermitteln oder überhaupt genau zu definieren was Atheismus in diesem Kontext bedeute.

Und auch die Politik spielt für Hamada eine Rolle: "In diesem Kontext kann man den Arabischen Frühling nicht außen vorlassen. Durch die Umwälzungen kamen auf einmal viele religiöse und kulturelle Phänomene ans Tageslicht, die vorher unter der Oberfläche geschwelt hatten und nicht öffentlich diskutiert wurden."

Der Forscher denkt allerdings nicht, dass die derzeitigen Entwicklungen im Zusammenhang mit Atheismus in der Region substanzieller Natur sind: Es handelt sich dabei seiner Ansicht nach um "oberflächliche Phänomene kognitiver und kultureller Art." Entsprechend könnten sie "von kurzer Dauer sein, genau wie ähnliche Tendenzen, die bereits in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu beobachtenden waren."

Überschaubare Diskurse im Westen

Als Beispiel nennt Hamada die zu jener Zeit in Marokko aktive Bewegung "Ila al-Amam" ("Nach vorne"). Während der folgenden Jahrzehnte sei deutlich geworden, "dass solche Positionen aufgrund psychologischer, kultureller und auch politischer Faktoren in der Region nicht überlebensfähig sind, denn sie ist im Allgemeinen durch eine eher konservative Frömmigkeit geprägt."

"Es stimmt", fährt Hamada mit Verweis auf Seiten fort, die den Atheismus in der Region stärken wollen, "dass einige von ihnen recht beliebt sind. Das ist aber kein objektives, aussagekräftiges Indiz dafür, dass sich Atheismus wirklich zunehmend ausbreitet. Kultur, Religion und Identität in der Region verhindern eine weitreichende Verbreitung atheistischer Überzeugungen. Tatsächlich ist das Gewicht atheistischer Diskurse sogar in den westlichen Ländern ziemlich überschaubar, das gilt insbesondere für Europa."

Zumindest vorerst wird das Internet jedoch weiterhin denjenigen eine Heimat bieten, die in die Welt des Atheismus eintauchen wollen. Während sich die amerikanische Plattform "Conservapedia" über den Rückgang der Besucherzahlen verschiedener Webseiten mit atheistischer Themensetzung und die abnehmende Zahl der Google-Suchen nach dem englischen Wort "Atheism" zwischen 2004 und 2019 freut, zeigt ein Blick in die Statistiken der Suchmaschine, dass im gleichen Zeitraum ein Anstieg der Suchvorgänge nach dem entsprechenden arabischen Wort "Ilhad" verzeichnet wurde.

Während in Mauretanien, Marokko und Syrien am häufigsten nach dem arabischen Begriff gesucht wird, landen der Libanon und die Vereinigten Arabischen Emirate immerhin unter den ersten zwanzig Ländern, in denen das englische Pendant am häufigsten abgefragt wird.

Ismail Azzam

© Qantara.de 2019

Aus dem Arabischen von Thomas Heyne

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