Der Soziologe Javid Shahmaliyev engagiert sich seit 2010 in Projekten, die sich mit diesem Problem und der Förderung der Wertschätzung von Mädchen befassen. Seit drei Jahren widmet er sich in diesem Rahmen einer besonders anspruchsvollen Aufgabe: Die männlichen Vertreter dieser patriarchalischen Kultur zum Umdenken zu bewegen.

Von Mann zu Mann

In ganz Aserbaidschan gibt es mehrere Sensibilisierungsprogramme – entweder in den sozialen Medien oder in Form von Veranstaltungen. Doch selbstverständlich gibt es auch Menschen, vor allem auf dem Land, die entweder nicht in sozialen Netzwerken unterwegs sind oder kaum an einschlägigen Veranstaltungen teilnehmen würden. Sie lassen sich nur im persönlichen Gespräch überzeugen. "Wir sind von einem Teehaus zum nächsten gegangen und haben mit ihnen von Mann zu Mann gesprochen", erklärte Shahmaliyev.

Anfangs sei es schwierig gewesen, ihr Gehör und ihren Respekt zu gewinnen. Aber mit der Zeit entwickelte man Wege, um ins Gespräch zu kommen.

Imam Oktay Quliyev; Foto: privat
Überwindung des anfänglichen Widerstands: Über den Propheten Mohammed zu sprechen, der keinen Sohn außer einer Tochter namens Fatima hatte, ist eine gute Möglichkeit, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, bemerkt Quliyev. "Wir sagen ihnen, dass es keinen Unterschied gibt zwischen der vorislamischen Tradition, Mädchen direkt nach der Geburt zu begraben, und der sexuell selektiven Abtreibung."

"Grundsätzlich würden sie vielleicht über Abtreibung sprechen wollen, aber weil das ein Tabuthema ist, haben wir stattdessen mit ihnen über den Wert von Mädchen gesprochen. Wir sprachen mit ihnen in den Teehäusern, wir sprachen mit ihnen in den Moscheen. Wir haben das Bewusstsein unter den religiösen Führern geschärft. Obwohl Aserbaidschan ein muslimisches Land ist, sind islamische Ideale nicht jedem bekannt. Also haben wir den Menschen erklärt, was der Islam über den Wert von Mädchen sagt. Die Zusammenarbeit mit den religiösen Führern und Imamen brachte enorm positive Ergebnisse."

Töchter als Segen

Ein solcher Imam, der sich mit geschlechterselektiven Abtreibungen beschäftigt, ist Oktay Quliyev. Er nimmt an Sensibilisierungsprojekten teil und nutzt seine wöchentliche Fernsehsendung auf einem überregionalen Sender dazu, die Menschen davon zu überzeugen, dass diese Praxis falsch ist. Zunächst sei er auf Widerstand der Gesellschaft gestoßen, aber indem er über den Propheten Mohammed sprach, der keinen Sohn hatte, sondern eine Tochter namens Fatima, konnte er die nötige Aufmerksamkeit gewinnen.

"Wir verweisen dabei auf Koranverse, die den vorislamischen Brauch untersagen, Mädchen direkt nach ihrer Geburt zu begraben. Wir erklären ihnen, dass es keinen Unterschied zwischen diesem verbotenen Brauch und der geschlechterspezifischen Abtreibung gibt. Und wir sagen ihnen auch, dass der Koran insbesondere Töchter als Verkünder guter Nachrichten erwähnt."

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.