Arundhati Roy hat eine weltweite Fangemeinde.

Arundhati Roy: das politische Gewissen Indiens
"Schreiben ist Aktivismus"

Politik und Belletristik gehen bei der indischen Booker-Preis-Gewinnerin Arundhati Roy Hand in Hand. An ihrem Geburtstag stellen wir ihr Werk vor. Ein Portrait von Manasi Gopalakrishnan

In welchem Jahr genau Arundhati Roy Geburtstag hat, ist nicht ganz klar. Wikipedia und andere Internetquellen lassen vermuten, dass die Autorin jetzt 60 wird. Ihr deutscher Verlag S. Fischer hingegen setzt ihr Geburtsdatum auf den 24. November 1959 fest - somit würde sie jetzt 62. Ungeachtet ihres Alters besteht kein Zweifel daran, dass die Schriftstellerin sehr produktiv ist. Sie hat zahlreiche Essays und Romane veröffentlicht, in denen sie ihre politischen Überzeugungen gekonnt mit raffiniertem Wortwitz verbindet.

Die frühen Jahre

Internationale Bekanntheit erlangte Roy 1997 mit ihrem Roman "Der Gott der kleinen Dinge", für den sie im selben Jahr den renommierten Man-Booker-Literaturpreis (jetzt "Booker-Preis")  erhielt. Der Roman ist ein Familiendrama und erzählt die Geschichte von zweieiigen Zwillingen, die sich durch die Komplexität der indischen Gesellschaft bewegen: Es geht um eine verbotene Liebe, Religionen und das Kastensystem. Die Handlung spielt in Kerala und Kalkutta und ist teilweise autobiografisch.

Roy selbst wurde in Shillong im Nordosten Indiens geboren. Ihre Mutter war eine Christin aus Kerala und ihr Vater, den sie erst mit 28 kennenlernte, ein bengalischer Hindu. Nach der Trennung ihrer Eltern zog Roy nach Kerala und später nach Delhi, um Architektur zu studieren. Das Schreiben blieb jedoch immer ihre eigentliche Berufung. In ihren frühen Jahren als Schriftstellerin verfasste sie Drehbücher für Film und Fernsehen. In dieser Zeit entstanden der Arthouse-Film "In Which Annie Gives It Those Ones" (1989) und ein Film mit dem Titel "Electric Moon" (1992).

Politisches Schreiben

Nachdem sie mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde, widmete sich Roy in den folgenden Jahren verstärkt sozialen Anliegen und schrieb über die politische und soziale Lage in Indien und der Welt. Im Jahr 1999 veröffentlichte sie ein bahnbrechendes Essay mit dem Titel "The Greater Common Good" (Das größere Gemeinwohl). Darin schrieb sie über eine Widerstandsbewegung, die sich um den Bau der Sardar-Sarovar-Talsperre am Fluss Narmada in Westindien formiert hatte.

Auf Deutsch erschien das Buch "Azadi heißt Freiheit" 2021. (Foto: Fischer Verlag)
„Azadi heißt Freiheit“ - Ob sie als Erzählerin in ihren Bestseller-Romanen wie „Der Gott der kleinen Dinge“ andere Universen entwirft oder in ihren Essays unsere Welt schonungslos hinterfragt: Kompromisslos kritisiert die indische Autorin Arundhati Roy im Namen der Freiheit die Gesellschaften, die in Ost wie West immer nationalistischer agieren. Schonungslos untersucht sie Umweltzerstörung, Ausbeutung und Überwachung.

In dem Essay hob Roy die Notlage der am Fluss ansässigen Stammesgemeinschaften hervor. Ihre Dörfer drohten nach dem Bau des Dammes überflutet zu werden. Das Essay erregte weltweites Interesse. Nicht zuletzt, weil Roy wegen ihrer "verunglimpfenden" Schrift - so nannte es der indische Oberste Gerichtshof - in ein Gerichtsverfahren verwickelt wurde.

2001 schrieb Roy zu den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA einen Artikel mit dem Titel "The Algebra of Infinite Justice" (Algebra der unendlichen Gerechtigkeit), der später in einem Sammelband zusammen mit anderen politischen Schriften der Autorin veröffentlicht wurde. Roys Worte, die sie vor dem Einmarsch amerikanischer Truppen im Irak niederschrieb, klangen fast prophetisch: "Das Problem ist, dass die Vereinigten Staaten, wenn sie erst einmal in den Krieg ziehen, nicht mehr umkehren können, ohne einen Krieg geführt zu haben. Wenn sie keinen Feind  finden, müssen sie sich um der aufgebrachten Leute im eigenen Land willen einen Feind schaffen." Roy sagte auch voraus, dass der "Krieg gegen den Terror" in den USA zur Verfolgung von Minderheiten, zu strengeren Vorschriften und zur Einschränkung der persönlichen Freiheiten führen werde.

Wegen Aufwiegelung angeklagt

Roys literarisch-politischer Aktivismus flammte 2010 erneut auf, als sie sich als Unterstützerin der Unabhängigkeitsbestrebungen Kaschmirs von Indien bekannte. Daraufhin wurde sie wegen Volksverhetzung verhaftet. Ein Jahr später veröffentlichte sie ein Buch mit dem Titel "Wanderung mit den Genossen", in dem sie über ihre Zeit mit kommunistischen Guerillas im zentralindischen Bundesstaat Chattisgarh berichtet. Die Aufständischen, die wegen ihrer Anlehnung an die revolutionären Ideen des chinesischen Kommunistenführers Mao Tse Tung auch Maoisten genannt werden, kämpfen seit Jahrzehnten gegen den indischen Staat. Sie behaupten, die rückständigsten Klassen, Kasten und Stammesgemeinschaften Indiens zu vertreten.

Zwei Jahrzehnte nach ihrem ersten Roman, "Der Gott der kleinen Dinge", veröffentlichte Roy 2017 ihr zweites fiktionales Werk: "Das Ministerium des äußersten Glücks". Es erzählt die Geschichte der Transfrau Anjum und einer Architektin namens Tilo, die zur politischen Aktivistin wird. Der Roman erhielt gemischte Kritiken und wurde von der US-amerikanischen US-Zeitschrift "The Atlantic" gar als "fantastisches Durcheinander" bezeichnet. Wie in ihren früheren Werken verflicht Roy auch hier Fiktion und aktuelle Politik und setzt damit ihr Statement zum indischen Alltag.

Das politische 'Gewissen' Indiens

Arundhati Roys Genre ist zweifellos das politische Essay. Ihre Schriftensammlung aus dem Jahr 2020 mit dem Titel "Azadi heißt Freiheit" befasst sich mit Themen wie Indiens "rechtsgerichteter, faschistischer" Regierung oder der Corona-Pandemie.

In einem Essay des Bandes mit dem Titel "Durch das Tor des Schreckens", das Anfang des Jahres auch von der britischen Tageszeitung "Financial Times" veröffentlicht wurde, erörtert sie, wie die Ausbreitung des Coronavirus Schwachstellen in den Sozialsystemen und der Infrastruktur weltweit offengelegt hat.

In Indien habe der Mangel an Gesundheitseinrichtungen die Kluft zwischen Arm und Reich sowie zwischen den oberen und unteren Kasten und Klassen vertieft. In den USA werden die Armen nicht ausreichend unterstützt, schreibt sie.

Roys politische Schriften wurden oft als zu parteiisch und bissig bezeichnet. Tatsache ist, dass sie als Schriftstellerin der Gesellschaft, in der sie lebt, einen Spiegel vorhält - nicht nur Indien, sondern der ganzen Welt. Aber sie geht noch einen Schritt weiter, als nur ihre Meinung zu äußern: Sie fordert die Leserinnen und Leser auf, eine Lösung zu finden.

Die Pandemie, so argumentiert sie, habe die Welt verändert. Sie habe uns die Chance gegeben, die Welt, die wir uns selbst geschaffen haben, zu hinterfragen; sie sei ein "Tor", das uns ermögliche, in eine andere Welt zu blicken. "Wir können wählen, ob wir es durchschreiten und die Kadaver unserer Vorurteile und unseres Hasses mitschleppen. Oder wir können es einfach durchschreiten, mit wenig Gepäck, bereit, uns eine andere Welt vorzustellen."

Manasi Gopalakrishnan

© Deutsche Welle 2022

Übersetzung aus dem Englischen: Kevin Tschierse 

 

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