Arbeit, ein regelmäßiges Einkommen zu haben, das die Kosten des täglichen Lebens und die Schulgebühren der Kinder deckt, ist noch kein Garant gegen den sozialen Abstieg. Wegen des schwach ausgebildeten Sozialsystems kann schon die schwere Krankheit eines Familienangehörigen schnell den finanziellen Ruin bedeuten.

In den Genuss einer guten Gesundheitsversorgung zu kommen ist keine Selbstverständlichkeit im Libanon, auch nicht für die Angehörigen der Mittelschicht. Erschreckend sind Zeitungsberichte, die immer wieder von abgewiesenen Notfällen in Krankenhäusern berichten, weil die Angehörigen nicht in Vorleistung treten konnten. Der Aufschrei ist jedes Mal groß, aber dann verfliegt die Aufregung schnell wieder.

Ein obdachloser Libanese am Rande eines Parks in Beirut; Foto: Getty Images/AFP
Flüchtlinge als erste Opfer der Armut: In eine palästinensische Familie im Libanon hineingeboren zu werden ist ein schwieriger Start ins Leben. Syrische Flüchtlinge, die in diesem Land gestrandet sind, keine gültige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis haben, leben von der Hand in den Mund. Darüber hinaus werden sie von vielen Libanesen angefeindet, weil sie als billige Arbeitskräfte mit den Einheimischen auf dem Arbeitsmarkt konkurrieren.

"Es gibt keinen Staat"

Armut im Libanon ist sichtbarer, allgegenwärtiger als in Deutschland oder anderswo in Westeuropa; sie ist bedrohlicher, auswegloser, gnadenloser. Sie kann einen unvermutet treffen. Sie wird hingenommen, als eines der vielen seit Jahrzehnten unlösbaren Probleme des Landes. Der schwache libanesische Staat wird nicht zur Verantwortung gezogen. "Ma fi Dawleh", "es gibt keinen Staat", heißt ein weitverbreiteter Satz im Libanon.

Ebenso wie der Staat unfähig ist, die Müllkrise zu lösen, der Elektrizitäts- und Wasserknappheit Herr zu werden, wird gar nicht erst erwartet, dass er zugunsten der sozial Benachteiligten handelt. Im Gegenteil. Er gilt als Fürsprecher der Reichen. Die Politiker sind oftmals auch vermögende Geschäftsleute. Das Problem wird ausgelagert. Zuständig für soziale Probleme sind karitative und religiöse Organisationen. Oder auch Privatpersonen, die sich engagieren und helfen. Jede Konfession soll für ihre Angehörigen aufkommen.

Ich frage mich, ob die Tatsache, dass Armut im Libanon so allgegenwärtig ist, viele Menschen dazu bringt, sich stärker voneinander abgrenzen zu wollen und zu zeigen, dass sie eben nicht arm sind. Ist deswegen Prestige so wichtig? Einen übertriebenen Wert auf teure Kleidung und Autos zu legen? Damit anzugeben, dass die Kinder auf eine angesehene Privatschule gehen oder gar im Ausland studieren?

Bildung ist der sicherste Weg für den sozialen Aufstieg. Eltern strampeln sich ab, üben mehrere Jobs aus, um ihren Kindern eine gute Ausbildung zu finanzieren. Der nächste Schritt für junge Libanesen ist oft, den Sprung ins Ausland zu schaffen. Nur dort, sind viele überzeugt, lasse sich eine sichere Zukunft aufbauen.

Mona Naggar

© Entwicklung und Zusammenarbeit 2018

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