Armenischer Gottesdienst in der Türkei

Tabubruch in Akdamar

Nach fast 100 Jahren empfing die ostanatolische Stadt Van tausende armenische Gäste, die zum Gottesdienst in der Kirche zum Heiligen Kreuz angereist waren - ein Wendepunkt für den Umgang mit christlichen Minderheiten in der Türkei. Susanne Güsten berichtet.

Gläubige beim Gottesdienst in der Heilig-Kreuz-Kirche, Akdamar/Van; Foto: AP
Eine armenische Messe in Akdamar nach 95 Jahren: Die Zeichen stehen auf Versöhnung.

​​ Ein uraltes Gebäude auf einer Insel im tiefsten Ostanatolien ist zum Symbol eines Neuanfangs der modernen Türkei geworden.

Als sich armenische Gläubige aus der Türkei und dem Ausland am 19. September in der mehr als tausend Jahre alten Heilig-Kreuz-Kirche auf der Insel Akdamar im Van-See zu einem Gottesdienst versammelten, brachen sie und ihre Gastgeber ganz friedlich ein Tabu.

Zum ersten Mal seit 95 Jahren konnten die Armenier in der Gegend eine religiöse Zeremonie feiern – und sie wurden von den Türken von Van nicht angefeindet, sondern herzlich empfangen. Mit dem Ereignis ist im EU-Bewerberland Türkei zwar nicht über Nacht die völlige Religionsfreiheit Wirklichkeit geworden. Doch viele sind der Ansicht, dass mit dem Gottesdienst eine Schwelle überschritten wurde, hinter die das Land wohl nicht mehr zurückfallen dürfte.

Blutige Auseinandersetzungen

Das malerisch im blauen und von hohen Bergen umgebenen Van-See gelegene Kirchengebäude von Akdamar, eines der am häufigsten fotografierten Motive der Türkei, wurde zum Schauplatz eines historischen Neuanfangs. Denn Van ist für die schmerzvolle Geschichte von Türken und Armeniern nicht irgendein Ort. Das alte Van, bis zum Ersten Weltkrieg ein Zentrum armenischen Lebens im Osmanischen Reich, versank 1915 in blutigen Auseinandersetzungen zwischen seinen Bürgern.

Armenische Rebellen töteten hier türkische und kurdische Zivilisten, und Armenier wurden von Kurden und Türken ermordet. Van wird deshalb von türkischen Apologeten herangezogen, wenn sie dem Vorwurf des Völkermordes an den Armeniern begegnen wollen: Die Gewalttaten in Van werden als Argument dafür angeführt, dass eigentlich die Türken damals die Opfer waren.

Gläubige beim Gottesdienst in der Heilig Kreuz Kirche, Akdamar/Van; Foto: AP
"Heute kann ein Lokaljournalist im tiefsten Anatolien von Schuldgefühlen wegen der Armenier-Massaker reden – und er wird nicht am nächsten Baum aufgehängt, sondern gefeiert", schreibt Güsten.

​​ Ausgerechnet an diesem Ort setzte nun das Umdenken ein. Ein Grund dafür ist die Nähe, mit der Türken, Kurden und Armenier hier einst zusammenlebten. Fast hundert Jahre nach den Massakern haben viele Menschen in der Gegend das Gefühl, dass Hass und Feindschaft nicht alles sein können.

Einer dieser Menschen ist Aziz Aykac, der in Van eine Lokalzeitung herausgibt. Weil er mit einem Aufruf an die Einwohner von Van, die Armenier beim Gottesdienst herzlich zu empfangen und sie sogar in ihren Häusern aufzunehmen, einen durchschlagenden Erfolg erzielte, ist Aykac plötzlich so etwas wie ein Promi geworden.

"Ich bin Kurde, aber mein Großvater konnte noch gut Armenisch. Seine Nachbarn waren Armenier", sagt Aykac. Dass die Bevölkerung in Van seine Aussöhnungsbemühungen unterstützt, erklärte Aykac dem Historiker Baskin Oran kürzlich so: "Unterbewusst tragen die Leute Schuldgefühle mit sich herum: Wir haben gemordet, wir haben vertrieben."

"Tabubruch in Akdamar"

Oran, ein Professor aus Istanbul, weiß, wie gefährlich solche Worte in der Türkei noch vor kurzem sein konnten. Er selbst wurde in den vergangenen Jahren von Nationalisten angefeindet, weil er für die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern eintritt. Der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink wurde von Rechtsradikalen auf offener Straße erschossen. Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk wurde wegen angeblicher "Beleidigung des Türkentums" vor Gericht gestellt.

Heilig Kreuz Kirche in Akdamar/Van; Foto: dpa
Die tausend Jahre alte Inselkirche zum Heiligen Kreuz auf dem Van-See empfing rund 4000 Gläubige zur Messe. Aufgrund des Platzmangels in der Kirche mussten viele Gläubige die Zeremonie draußen auf Leinwänden verfolgen.

​​ Heute kann ein Lokaljournalist im tiefsten Anatolien von Schuldgefühlen wegen der Massaker reden – und er wird nicht am nächsten Baum aufgehängt, sondern gefeiert. "Tabubruch in Akdamar", überschrieb Oran deshalb eine Artikelserie für die Istanbuler Zeitung "Radikal".

Auch die Behörden in Van begrüßten die Armenier. Gouverneur Münir Karaloglu hofft auf eine baldige Öffnung der Grenze zu Armenien und eine steigende Zahl armenischer Touristen, die der armen Provinz dringend nötige Einnahmen verschaffen könnten.

Kritiker warfen den Behörden deshalb vor, den historischen Gottesdienst mehr oder weniger als billige PR-Aktion organisiert zu haben. In Armenien selbst und in den USA wurde das Ereignis deshalb von mehreren Gruppen boykottiert.

Doch die armenischen Gäste auf Akdamar sahen die Sache anders. "Ein positiver Schritt" sei die Erlaubnis für den Gottesdienst, sagte der aus Syrien angereiste armenische Arzt Petros Boyacan. Zwar seien nun nicht alle Probleme gelöst, aber der Anfang sei gemacht. "Eine Blume macht noch keinen Sommer", zitierte Boyacan ein Sprichwort. "Das hier ist eine Blume."

Botschaft an die EU

Und es ist nicht die erste ihrer Art. Im August genehmigte die türkische Regierung einen ähnlich wichtigen Gottesdienst für die griechisch-orthodoxen Christen im alten Kloster Sumela im Nordosten Anatoliens. So wie die Armenier ab sofort jährlich einen Gottesdienst auf Akdamar feiern dürfen, können die Orthodoxen das einmal pro Jahr in Sumela tun.

Bartholomäus I.; Foto: AP
Griechisch-orthodoxer Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I.: Im August genehmigte die türkische Regierung einen Gottesdienst für die griechisch-orthodoxen Christen im alten Kloster Sumela im Nordosten Anatoliens.

​​Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sieht diese Gesten als Zeichen für seine Bereitschaft, die Rechte der christlichen Minderheiten im Land zu stärken – und als Botschaft an das westliche Ausland, insbesondere an die EU.

Im vergangenen Sommer traf sich Erdogan mit Vertretern aller christlichen Kirchen und der jüdischen Gemeinde und versicherte ihnen, seine Regierung trete für Religionsfreiheit ein. Unter seiner Regierung ist zumindest theoretisch erstmals seit Jahrzehnten der Neubau von Kirchen wieder möglich; christliche Gemeinden sollen beschlagnahmtes Eigentum zurückerhalten.

Vertreter der Christen betonen immer wieder, dass die Erdogan-Regierung den religiösen Minderheiten gegenüber weit aufgeschlossener ist als ihre Vorgängerinnen, doch viele Reformen werden von Bürokratie und Justiz verschleppt.

"Positiv, aber langsam" sei die Entwicklung, sagte der griechisch-orthodoxe Patriarch Bartholomäus I. kürzlich im Gespräch mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière bei dessen Besuch in der Türkei. Trotz des politischen Willens der Regierung komme nicht genug Konkretes an Reformen bei den Christen an, sagte Maizière. "Die Ergebnisse sind unbefriedigend."

Vor diesem Hintergrund ist der Gottedienst für die Armenier auf Akdamar als weiteres Zeichen des politischen Willens aus Ankara zu sehen, als weiterer Schritt auf einem langen Weg.

Doch das ist nicht alles. Die Folgen des "Tabubruchs" von Van gingen weit darüber hinaus, schrieb der Historiker Oran: "Ein Tabubruch hat zwei Wirkungen. Zum einen hat er einen Domino-Effekt, der auch andere Tabus einreißt, zum anderen – und das ist noch wichtiger – lässt er am Ende eine ganze Mentalität in sich zusammenstürzen."

Susanne Güsten

© Qantara.de 2010

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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