Das Dorf Enhil, eine Viertelstunde Autofahrt südlich von Midyat am Ende einer kurvigen Schotterpiste gelegen, könnte symbolisch stehen für viele der Ortschaften im Tur Abdin. Das alte aramäische Dorf mit Blick auf die mesopotamische Hochebene ist eine Ansammlung von teils verfallenen Häusern auf einem Hügel. Heute sind sechzig der Familien im Dorf muslimisch, drei christlich. Zwei Kirchen erinnern nach noch an das einstige Glaubensleben. Beide von ihnen sind verriegelt. An einer klebt ein Zettel mit der Telefonnummer des Wärters. 

Nach wenigen Minuten trifft Ilyas ein. Der schüchterne Mann mit dem kantigen Gesicht trägt eine Schlabberjeans, in der ein weißes T-Shirt steckt. Ilyas schließt die Kirche auf, die im Jahr 2005 mit Geldern aus der deutschen und schwedischen Diaspora renoviert wurde. 700.000 Euro habe die Wiederherrichtung gekostet. Der Altarraum ist schlicht, in der Mitte liegt eine dicke in Leder eingebundene Bibel mit kringeligen Schriftzeichen.

Priesterausbildung verboten

"Wir teilen uns den Priester mit anderen Kirchen im Umkreis. An guten Tagen kommen 30 Menschen in den Gottesdienst, die meisten aus umliegenden Dörfern", meint Ilyas. Doch nur im Sommer, wenn die Diaspora-Christen im Tur Abdin zu Besuch seien. Der Priestermangel ist auch auf die Gesetzeslage zurückzuführen: Die Priesterausbildung ist bis heute in der Türkei verboten. Anwärter auf das Priesteramt müssen daher nach Damaskus ziehen, an den Sitz des syrisch-orthodoxen Patriarchen.

Syrisch-orthodoxer Wandteppich einer Kirche im Tur Abdin; Foto: Marian Brehmer
Die syrisch-orthodoxen Christen zählen zur Gruppe der Monophysiten, die sich im sechsten Jahrhundert von der griechischen Orthodoxie abspaltete. Monophysiten glauben daran, dass Jesus Christus nur eine göttliche Natur besitzt, eine Position, die der sonst vorherrschenden kirchlichen Lehre von der göttlichen und menschlichen Doppelnatur Christi widerspricht.

Auch Streitigkeiten um Eigentumsrechte bereiten den Christen in Dörfern wie Enhil Kopfschmerzen. In den vergangenen Jahren gingen viele der Klöster und Kirchen infolge einer Strukturreform in der Provinz Mardin in Staatsbesitz über, angeblich wegen fehlenden Grundbucheinträgen. Im Mai wurde die Entscheidung rückgängig gemacht und die Gotteshäuser wieder in die Hände der Christen übergegeben. Mancherorts gibt es Landstreitigkeiten mit kurdischen Nachbarn, die sich in den verlassenen Häusern der geflüchteten Christen eingerichtet haben.

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