Zehntausende syrisch-orthodoxe Christen siedelten aus wirtschaftlichen Nöten in den sechziger und siebziger Jahren nach Europa über. Eine zweite Welle floh in den Achtzigern und Neunzigern im Zuge des Kurdenkriegs. Im Kreuzfeuer zwischen kurdischen Rebellen und der türkischen Armee gefangen, waren die Aramäer zwar nicht direkt am Krieg beteiligt, wurden jedoch von beiden Konfliktparteien mit Misstrauen behandelt. Vertreibung, Entführungen von Dorfpriestern und eine Reihe von Mordanschlägen auf Christen trieben ganze Dörfer in den Exodus.

Heute zählt die aramäische Bevölkerung in der Türkei rund 15.000 Menschen. In Mardin, so sagt man, seien es noch knapp einhundert Familien. Zum Vergleich: In Deutschland und in Schweden leben jeweils rund 100.000 syrisch-orthodoxe Christen.

Die schlimmsten Zeiten sind vorbei

"Die schlimmsten Zeiten sind zum Glück vorbei. Ich habe in meiner Jugend in Mardin keine Diskriminierung mehr erlebt. Vielleicht mal ein paar Hänseleien in der Schule, doch die sind nicht der Rede wert", meint Iliyo. Dann tritt plötzlich sein Vater in den Innenhof. Er trägt eine schwarze Priesterkappe und lächelt freundlich in die Runde. Die Jungs unterbrechen ihr Fußballspiel, um dem Geistlichen respektvoll die Hand zu küssen. Theodora aus Heilbronn schenkt ihrem Opa eine Umarmung.

Die Mor Barsarmo-Kirche von Midyat; Foto: Marian Brehmer
Midyat liegt im Tur Abdin (Aramäisch für “Berg der Knechte Gottes”), einer Region, die seit 1.700 Jahren ein spirituelles Zentrum von Christen ist. Einst florierten im Tur Abdin 80 Klöster der syrisch-orthdoxen Kirche von Antiochien, von denen heute nur noch sieben aktiv sind. In der Mor Barsarmo Kirche von Midyat wird nach der Abendandacht geweihtes Brot ausgeteilt.

Ostwärts von Mardin führt eine Landstraße durch die 100.000-Einwohner-Stadt Midyat tief ins Tur Abdin. Die Landschaft hier ist eine Mischung aus karg bewachsenen Hügeln und schroffen Kalksteinbergen, aus denen das Baumaterial für Mardins Häuser gewonnen wird. In der Region, welche etwa die Größe Belgiens besitzt, lebt man seit Jahrhunderten von Landwirtschaft. Neben Granatäpfeln, Feigen, Melonen und Aprikosen wachsen hier siebzehn verschiedene Traubensorten, aus denen die Aramäer ihren berühmten Wein herstellen.

Im Tur Abdin (Aramäisch "Berg der Knechte Gottes") florierten einst achtzig Klöster, von denen jetzt nur noch sieben in Verwendung sind. Noch heute ist in der Region die Zahl an Kirchtürmen enpar mit den Minaretten der Dorfmoscheen.

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