Der Kampf zwischen Abdel Nasser und der Muslimbruderschaft war in Wirklichkeit eher ein Katz- und Mausspiel. "Das Regime von Abdel Nasser bekämpfte die Islamisten als Individuen, als politische Feinde und Gegner", so der marokkanische Historiker Abdallah Laroui. "Wenn man gegebenenfalls vom letzten Jahr seiner Herrschaft absieht, kämpfte er nie gegen die islamistische Lehre, unter der er intellektuell und politisch aufgewachsen war."

Auch wenn sich die Nasseristen später an einem kohärenten Narrativ versuchten, kamen sie – in vielen Fällen – nicht umhin, islamische Symbole zur Legitimierung ihrer Ideologie zu verwenden.

Die Islamrekurse Gaddafis und Assads

Libyens Muammar al-Gaddafi, einer der wohl prominentesten Diktatoren, war dreister als die meisten arabischen Herrscher, wenn es darum ging, sich in einer Weise auf den Islam zu beziehen, vor der sogar die Umayyaden zurückgeschreckt wären. Doch auch hier ging es nicht darum, das religiöse Erbe zu verbiegen, sondern seine Diktatur zu legitimieren.

Andere arabische Diktatoren übertrafen Abdel Nasser noch in der Erbringung religiös konnotierter "Dienste". So arbeitete beispielsweise Hafiz al-Assad als diktatorischer Staatspräsident an der "Sunnifizierung" der syrischen Gesellschaft, um sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen und die Verbrechen seiner Elite nach dem Massaker von Hama (1982) zu vertuschen.

Diese Bemühungen reichten von der Ausrichtung religiöser Feiern, die das islamische Erbe nicht ausdrücklich fordert, über die Gründung von Al-Assad-Koran-Rezitationszentren und die Errichtung von Moscheen bis hin zur Unterstützung einer Gruppe von regimefreundlichen religiösen Führern anstelle der Muslimbruderschaft.

Muammar al-Gaddafi im Februar 2011 während des Gebets in Tripolis anlässlich des Geburtstags des Propheten; Foto: Reuters
Selbsternannter Führer der Volksmassen und der libyschen "Umma": Muammar al-Gaddafi, einer der wohl prominentesten Diktatoren, war dreister als die meisten arabischen Herrscher, wenn es darum ging, sich in einer Weise auf den Islam zu beziehen, vor der sogar die Umayyaden zurückgeschreckt wären. Doch auch hier ging es nicht darum, das religiöse Erbe zu verbiegen, sondern seine Diktatur zu legitimieren.

Dies alles diente der Legitimierung von Assads Herrschaft, die von der syrischen Gesellschaft nicht als islamfeindlich wahrgenommen werden sollte, sondern die ein bereits vorhandenes Sektierertum aufgriff. Daraus entwickelte sich dann eine neue Generation von Fundamentalisten. Oder mit anderen Worten: "Eine neue Bruderschaft".

Assads Versuche, den religiösen Fundamentalismus nach der Beschwörung des "Assadschen Säkularismus" und der "Assadschen Moderne" neu zu beleben, sind nicht nur grotesk, sondern auch schmerzhaft, weil sie den Eckpfeiler der Legenden bilden, die die "Islamisten des Arabischen Frühlings" verbreiten.

Diskreditierung des Säkularismuskonzepts

Die schablonenhafte Engführung von Säkularismus und arabischer nationalistischer Diktatur entspricht dem Versuch, den Islam unter dem Topos der "arabischen Renaissance" (Al-Nahda) bei französischen Christen zu verorten.

Muhammad Abduh; Quelle: wikipedia
Wer behauptet, arabische Diktatoren seien säkular oder hätten eine Version des Säkularismus übernommen, kommt dem nahe, was der ägyptische Jurist Muhammad Abduh in seinem berühmten Zitat meinte, als er sagte, ich "ging in den Westen und sah den Islam (also unabhängiges Denken), aber keine Muslime; ich ging zurück in den Osten und sah Muslime, aber keinen Islam."

Wer beispielsweise behauptet, arabische Diktatoren seien säkular oder hätten eine Version des Säkularismus übernommen (wie beispielsweise den französischen Laizismus im Falle von Ben Ali in Tunesien), kommt dem nahe, was der ägyptische Jurist Muhammad Abduh in seinem berühmten Zitat meinte, als er sagte, ich "ging in den Westen und sah den Islam (also unabhängiges Denken), aber keine Muslime; ich ging zurück in den Osten und sah Muslime, aber keinen Islam."

In beiden Fällen geht es um Totalitarismus: In gleicher Weise, wie die französischen Wurzeln islamisch werden, steht Säkularismus jetzt für Diktatur. Wer den Säkularismus mit arabischen Diktaturen verschränkt, will den Säkularismus schlicht und einfach diskreditieren.

Zur Befreiung von der Tyrannei, muss folglich die aus der Diktatur erwachsene säkulare Kultur bekämpft werden. Nach dieser Logik ist Frankreich nicht mehr der Ort des "Lichtes" und der Renaissance, deren Menschen ursprünglich nichtchristlich waren. Jetzt wird der Ursprung Frankreichs "islamisch", wobei die Menschen bedauerlicherweise keine Muslime sind.

Solche arabischen intellektuellen Denkmuster sind mit den aktuellen islamistischen intellektuellen Diskursen verwandt, die allerdings systematischer dabei vorgehen, das Beste aus dem heutigen Deadlock in der arabischen Welt zu machen.

Der Säkularismus in der arabischen Welt ist leider nie eingehend erforscht worden, wonach er als notwendige und moderne Erscheinung hätte gesehen werden können, anstatt als politische Entscheidung, die von einem Diktator erzwungen oder per Gesetz verordnet wurde.

Es ist absurd zu behaupten, der Fall einiger arabischer Regime und die Übernahme durch Islamisten und Fundamentalisten sei mit dem Fall des jakobinischen Laizismus in seiner kemalistischen Fassung vergleichbar. Eine solche Argumentation gäbe es nicht, hätte es nicht zuvor die nationalistische Ideologie mit ihrem Beitrag zum langjährigen arabischen Niedergang gegeben.

Schließlich sollten wir nicht vergessen, dass die gegenwärtigen islamistischen Ideologien das Produkt dieses Niedergangs sind und dass diese nur weiteren Zerfall nach sich ziehen werden.

Hammud Hammud

© Open Democracy 2017

Aus dem Englischen von Peter Lammers

Dieser Beitrag ist Teil einer Leitartikelserie über den Zusammenhang zwischen Säkularismus und Autoritarismus in der arabischen Welt, der in Kooperation mit SyriaUntold, openDemocracy (NAWA) und der Samir Kassir Foundation entstanden ist.

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