Arabischer Nationalismus und politischer Islam

Säkularismus – "eine andere Ideologie"?

In seinem Essay räumt der syrische Publizist und Schriftsteller Hammud Hammud mit gängigen islamistischen Vorurteilen gegen das Konzept des Säkularismus auf und geht der Ambivalenz von politischem Islam und arabischem Nationalismus auf den Grund.

Schon während des gesamten 20. Jahrhunderts lebte die arabische Welt entweder in einem islamistischen oder in einem nationalistischen Bezugsrahmen. Es wurde zwar die Frage nach einem "dritten Weg" oder nach einem entsprechenden Diskurs unter Mitwirkung arabischer Intellektueller gestellt, aber die Antwort darauf war selten positiv. Im Allgemeinen bewegen sich alle arabischen Ideologien innerhalb der beiden genannten Pole.

Trotz der politischen Divergenzen und Konflikte zwischen beiden Konzepten – bisweilen auch blutig ausgetragen – ist die Existenz des einen unweigerlich mit der des anderen verbunden. Tatsächlich ist die aktuelle missliche Lage in der arabischen Welt und vor allem in der Levante eine Folge dieser Dynamik. Auf den Abfall von der nationalistischen Ideologie folgte die Hinwendung der Araber zum Islamismus. Das sehen selbst die Islamisten so.

Doch das soll nicht Gegenstand meiner Betrachtung sein. Vielmehr sind es die mutwillig falschen Behauptungen der Islamisten, die arabisch-nationalistische Diktatur sei ein Kind der Moderne und folglich des Säkularismus.

Die "islamistische Alternative"

Die Islamisten bieten sich immer wieder als alleinige Alternative zu politischen Regimen an, die auch noch an der Verbreitung dieser irreführenden Behauptungen mitwirken. (Nicht selten heißt es, die islamistische Ideologie sei eine "naturgegebene Alternative". Warum? Weil wir Araber sind, geht man davon aus, wir seien instinktiv islamistisch!)

Aus islamistischer Sicht ist mit dem Sturz der Diktatur des tunesischen Präsidenten Ben Ali auch die Ideologie des jakobinischen Laizismus gescheitert, die die Basis seiner Diktatur bildete, wobei unterstellt wird, dass diese auf der Moderne beruhte. Bald darauf stürzten weitere Regime anderer arabischer Staaten, was die Richtigkeit dieser Behauptung anscheinend belegte.

Tunesier hält Plakat mit der Aufschrift "Wanted: Ben Ali - Tunesien"; Foto: AFP
Islamistisches Paradigma vom Sturz der Diktatur in Tunesien: Mit dem Ende der autoritären Herrschaft Ben Alis glauben die Anhänger des politischen Islams, dass damit auch die Ideologie des jakobinischen Laizismus gescheitert sei, die die Basis seiner Diktatur bildete - wobei unterstellt wird, dass diese auf der Moderne beruhte.

Das verlieh der "islamistischen Alternative" Glaubwürdigkeit, untermauert vom Aufstieg des politischen Islam in Tunesien und Ägypten sowie dem Wachstum der islamistischen Bewegungen in Syrien, die gegen die Tyrannei des Assad-Regimes kämpften. Diese Entwicklungen wurden als Beleg angeführt, die arabische säkulare Ideologie sei gescheitert und mit ihr der Eckpfeiler der Diktaturen.

Beide irrigen Behauptungen beruhen auf zwei Sichtweisen: Erstens einer politischen Sicht, nach der die Tyrannei der arabischen politischen Systeme mit der westlichen Moderne gleichgestellt wird. Und zweitens einer religiösen Sicht, nach der die tyrannischen arabischen politischen Systeme atheistisch gewesen seien und sich somit gegen den Islam gestellt hätten, der wiederum der naturgegebene Zustand der Araber sei.

Beide Sichtweisen sind das Ergebnis eines größeren fundamentalen kulturellen Kontextes. Dies gilt vor allem in Bezug auf den Versuch, den Säkularismus zu delegitimieren, indem dessen moderne Inhalte diskreditiert werden und er lediglich als "eine andere Ideologie" hingestellt wird. Parallel dazu wird die Rückkehr zum islamischen Erbe als kultureller und historischer Weg hin zu gegenwärtigen und künftigen arabischen Ambitionen betrachtet. Dieses Erbe wird tausendfach zum Nutzen der Despoten und Islamisten beschworen.

Die Gleichstellung von Säkularismus und westlicher Welt fördert die Mär von der Feindschaft gegen den Islam. Die arabischen nationalistischen Diktaturen haben leider nichts dazu beigetragen, diesen intellektuellen Unsinn der Islamisten aufzudecken. Ganz im Gegenteil: Stets wollten sie unter Beweis stellen, noch islamistischer zu sein als die Islamisten selbst.

Islam als Mittel zur Herrschaftslegitimation – das Beispiel Nasser

Ein treffendes Beispiel ist der ehemalige ägyptische Staatspräsident Gamal Abdel Nasser (ebenso wie seine "Nachfolger") mit seiner tiefen nationalistischen Verwurzelung und dem karikaturhaften Anschein von Modernität und Säkularismus.

Gamal Abdel Nasser; Foto: AP
Mythos Nasser: Für viele war Abdel Nasser eine charismatische Persönlichkeit, die eine sozialistische Ideologie vertrat und sich gegen Imperialismus und Zionismus wandte. Tatsächlich aber stammte der ägyptische Führer aus einem religiösen Umfeld und wurde später von der Muslimbruderschaft beeinflusst. Dass er bis zu seinem Tod der sozialistischen Ideologie anhing, entfernte ihn nicht von den religiösen intellektuellen Vorstellungen, unter denen er aufgewachsen war.

Für viele war Abdel Nasser eine charismatische Persönlichkeit, die eine sozialistische Ideologie vertrat und sich gegen Imperialismus und Zionismus wandte. Tatsächlich aber stammte der ägyptische Führer aus einem religiösen Umfeld und wurde später von der Muslimbruderschaft beeinflusst. Dass er bis zu seinem Tod der sozialistischen Ideologie anhing, entfernte ihn nicht von den religiösen intellektuellen Vorstellungen, unter denen er aufgewachsen war.

Auch das islamische Kulturparadigma seiner nationalistischen Ideologie unterschied sich nicht gravierend von dem seiner islamistischen Widersacher, wie Sayyid Qutb. Sein erbittertes Vorgehen gegen einige Islamisten, flankiert von seiner sozialistischen Ideologie und seiner religiösen Gesinnung, diente lediglich der Absicherung seiner Herrschaft.

Der Kampf zwischen Abdel Nasser und der Muslimbruderschaft war in Wirklichkeit eher ein Katz- und Mausspiel. "Das Regime von Abdel Nasser bekämpfte die Islamisten als Individuen, als politische Feinde und Gegner", so der marokkanische Historiker Abdallah Laroui. "Wenn man gegebenenfalls vom letzten Jahr seiner Herrschaft absieht, kämpfte er nie gegen die islamistische Lehre, unter der er intellektuell und politisch aufgewachsen war."

Auch wenn sich die Nasseristen später an einem kohärenten Narrativ versuchten, kamen sie – in vielen Fällen – nicht umhin, islamische Symbole zur Legitimierung ihrer Ideologie zu verwenden.

Die Islamrekurse Gaddafis und Assads

Libyens Muammar al-Gaddafi, einer der wohl prominentesten Diktatoren, war dreister als die meisten arabischen Herrscher, wenn es darum ging, sich in einer Weise auf den Islam zu beziehen, vor der sogar die Umayyaden zurückgeschreckt wären. Doch auch hier ging es nicht darum, das religiöse Erbe zu verbiegen, sondern seine Diktatur zu legitimieren.

Andere arabische Diktatoren übertrafen Abdel Nasser noch in der Erbringung religiös konnotierter "Dienste". So arbeitete beispielsweise Hafiz al-Assad als diktatorischer Staatspräsident an der "Sunnifizierung" der syrischen Gesellschaft, um sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen und die Verbrechen seiner Elite nach dem Massaker von Hama (1982) zu vertuschen.

Diese Bemühungen reichten von der Ausrichtung religiöser Feiern, die das islamische Erbe nicht ausdrücklich fordert, über die Gründung von Al-Assad-Koran-Rezitationszentren und die Errichtung von Moscheen bis hin zur Unterstützung einer Gruppe von regimefreundlichen religiösen Führern anstelle der Muslimbruderschaft.

Muammar al-Gaddafi im Februar 2011 während des Gebets in Tripolis anlässlich des Geburtstags des Propheten; Foto: Reuters
Selbsternannter Führer der Volksmassen und der libyschen "Umma": Muammar al-Gaddafi, einer der wohl prominentesten Diktatoren, war dreister als die meisten arabischen Herrscher, wenn es darum ging, sich in einer Weise auf den Islam zu beziehen, vor der sogar die Umayyaden zurückgeschreckt wären. Doch auch hier ging es nicht darum, das religiöse Erbe zu verbiegen, sondern seine Diktatur zu legitimieren.

Dies alles diente der Legitimierung von Assads Herrschaft, die von der syrischen Gesellschaft nicht als islamfeindlich wahrgenommen werden sollte, sondern die ein bereits vorhandenes Sektierertum aufgriff. Daraus entwickelte sich dann eine neue Generation von Fundamentalisten. Oder mit anderen Worten: "Eine neue Bruderschaft".

Assads Versuche, den religiösen Fundamentalismus nach der Beschwörung des "Assadschen Säkularismus" und der "Assadschen Moderne" neu zu beleben, sind nicht nur grotesk, sondern auch schmerzhaft, weil sie den Eckpfeiler der Legenden bilden, die die "Islamisten des Arabischen Frühlings" verbreiten.

Diskreditierung des Säkularismuskonzepts

Die schablonenhafte Engführung von Säkularismus und arabischer nationalistischer Diktatur entspricht dem Versuch, den Islam unter dem Topos der "arabischen Renaissance" (Al-Nahda) bei französischen Christen zu verorten.

Muhammad Abduh; Quelle: wikipedia
Wer behauptet, arabische Diktatoren seien säkular oder hätten eine Version des Säkularismus übernommen, kommt dem nahe, was der ägyptische Jurist Muhammad Abduh in seinem berühmten Zitat meinte, als er sagte, ich "ging in den Westen und sah den Islam (also unabhängiges Denken), aber keine Muslime; ich ging zurück in den Osten und sah Muslime, aber keinen Islam."

Wer beispielsweise behauptet, arabische Diktatoren seien säkular oder hätten eine Version des Säkularismus übernommen (wie beispielsweise den französischen Laizismus im Falle von Ben Ali in Tunesien), kommt dem nahe, was der ägyptische Jurist Muhammad Abduh in seinem berühmten Zitat meinte, als er sagte, ich "ging in den Westen und sah den Islam (also unabhängiges Denken), aber keine Muslime; ich ging zurück in den Osten und sah Muslime, aber keinen Islam."

In beiden Fällen geht es um Totalitarismus: In gleicher Weise, wie die französischen Wurzeln islamisch werden, steht Säkularismus jetzt für Diktatur. Wer den Säkularismus mit arabischen Diktaturen verschränkt, will den Säkularismus schlicht und einfach diskreditieren.

Zur Befreiung von der Tyrannei, muss folglich die aus der Diktatur erwachsene säkulare Kultur bekämpft werden. Nach dieser Logik ist Frankreich nicht mehr der Ort des "Lichtes" und der Renaissance, deren Menschen ursprünglich nichtchristlich waren. Jetzt wird der Ursprung Frankreichs "islamisch", wobei die Menschen bedauerlicherweise keine Muslime sind.

Solche arabischen intellektuellen Denkmuster sind mit den aktuellen islamistischen intellektuellen Diskursen verwandt, die allerdings systematischer dabei vorgehen, das Beste aus dem heutigen Deadlock in der arabischen Welt zu machen.

Der Säkularismus in der arabischen Welt ist leider nie eingehend erforscht worden, wonach er als notwendige und moderne Erscheinung hätte gesehen werden können, anstatt als politische Entscheidung, die von einem Diktator erzwungen oder per Gesetz verordnet wurde.

Es ist absurd zu behaupten, der Fall einiger arabischer Regime und die Übernahme durch Islamisten und Fundamentalisten sei mit dem Fall des jakobinischen Laizismus in seiner kemalistischen Fassung vergleichbar. Eine solche Argumentation gäbe es nicht, hätte es nicht zuvor die nationalistische Ideologie mit ihrem Beitrag zum langjährigen arabischen Niedergang gegeben.

Schließlich sollten wir nicht vergessen, dass die gegenwärtigen islamistischen Ideologien das Produkt dieses Niedergangs sind und dass diese nur weiteren Zerfall nach sich ziehen werden.

Hammud Hammud

© Open Democracy 2017

Aus dem Englischen von Peter Lammers

Dieser Beitrag ist Teil einer Leitartikelserie über den Zusammenhang zwischen Säkularismus und Autoritarismus in der arabischen Welt, der in Kooperation mit SyriaUntold, openDemocracy (NAWA) und der Samir Kassir Foundation entstanden ist.

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