Arabischer Musiksender "4Shbab"

Gottgefällige Klänge für die Jugend

"4Shbab", der erste kommerzielle, islamisch ausgerichtete Musiksender der arabischen Welt, legt großen Wert auf Information und Unterhaltung mit islamischem Anspruch. Was das bedeutet, erklärt Amira El Ahl aus Kairo.

​​Der Mann ist jung, gutaussehend und lebt in einem großen modernen Haus mit Garten. Er lächelt, als ihm sein Sohn entgegen gelaufen kommt. Im Bildhintergrund, leicht verschwommen, ist die Mutter des Kindes zu sehen, beim Kochen und Putzen.

Auch sie lächelt selig ob des Familienglückes. Doch sie ist nur kurz zu sehen, obwohl sie züchtig verschleiert ist. Denn Frauen kommen in den Videoclips, die auf dem jugendlichen Musiksender 4Shbab gezeigt werden, so gut wie nicht vor. Und wenn, dann nur als streng bedeckte Statistinnen im Hintergrund. Singen ist ihnen, jedenfalls im strengen Weltbild des wahhabitischen Islams, nicht erlaubt.

Fromme Botschaften per Satellit

Das züchtige Musikvideo läuft auf dem Plasmabildschirm im Büro des Machers von 4Shbab, was übersetzt heißt: "Für junge Leute". Ende Dezember 2008 brachte der Ägypter Ahmed Abu Heiba seine Produktion auf Sendung, seither ist der Sender weltweit über Satellit zu empfangen.

Abu Heiba ist religiös, aber weder extrem in seinen Ansichten noch fanatisch. Er trägt ein kürzärmeliges Hemd und Jeans und gibt seinen weiblichen Gästen die Hand. Ein Tabu bei Muslimen, die ihre Religion streng auslegen. Nur die "Zebiba", der dunkle Fleck vom vielen Beten auf seiner Stirn zeigt, dass Abu Heiba es ernst nimmt mit seiner Religion.

Der Fleck auf der Stirn gilt besonders in Ägypten als Zeichen von hoher Religiosität. Er entsteht durch das stetige Reiben der Stirn auf dem Gebetsteppich. Auch Abu Heibas Büro, das in Muhandessin im Herzen Kairos liegt, ist modern eingerichtet. Auf dem Plasmabildschirm an der Wand läuft 4Shbab in Endlosschleife.

Islamkonformer Musiksender

​​ "Ich wollte einen Musiksender mit islamischem Anspruch kreieren", erklärt der 41jährige. Allerdings soll den Jugendlichen auf unterhaltsame Weise die Religion nähergebracht werden, durch HipHop, Rap und Popmusik. "Wir wollen nicht predigen und die meisten Liedtexte sind nicht religiös", sagt der Produzent.

Abu Heibas Ziel ist es, mit 4Shbab die Jugendlichen auf den rechten Weg zu bringen, weg von Sendern wie Rotana, Melody und Mesika, die seiner Meinung nach die arabische Jugend korrumpieren. Denn dort laufen Musikvideos, die in ihrer Expliziertheit in nichts den westlichen Musikvideos nachstehen:

Stars wie Nancy Agram und Haifa Wahby singen von der Liebe in aufreizenden Outfits, ihre Lippen sind rot, die Röcke kurz und die Ausschnitte der knappen Oberteile tief. "Sex sells" ist hier ebenso Motto wie auf MTV oder VIVA.

Um für seinen Musiksender mit islamischem Touch zu werben, drehte Ahmed Abu Heiba einen Dokumentarfilm über die großen – und in der arabischen Welt extrem populären – Musiksender. "Ich habe die provozierendsten Clips gesammelt. Jeder kann sehen, dass sie unakzeptabel und unvereinbar mit dem islamischem Wertesystem sind", sagt der Vater von fünf Kindern.

Frauen bei 4Shbab unerwünscht

Mit seinem Film tourte er durch die arabische Welt und fand Finanziers auf der arabischen Halbinsel. Das Geld kommt aus Saudi Arabien und Kuwait, produziert wird in Bahrain.

Junge Ägypterinnen, Foto: AP
Von der Fernsehwelt ausgeschlossen: Wegen des ultrakonservativen Gesellschaftsbildes der "4Shbab"-Macher kommen Frauen im Sender so gut wie gar nicht vor.

​​ Dass Frauen im Programm von 4Shbab so gut wie nicht vorkommen, liegt gewiss auch daran. Denn die Geldgeber vom Golf wollen, dass der Sender "frauenfrei" bleibt, und sie haben das letzte Wort. Singende Frauen gelten ihnen als anstößig.

Dabei gestattet das Dar al-Ifta, das höchste Amt für islamische Rechtssprechung in der muslimischen Welt, in einer Fatwa Frauen zu singen. "Es ist Frauen erlaubt zu singen, so lange das Lied und die Art und Weise, wie die Frau singt, nicht zur Verführung animieren." Allerdings sind solche Rechtsgutachten nicht bindend.

Doch Ahmed Abu Heiba sitzt zwischen allen Stühlen. Soll sein Sender eine Zukunft haben, muss er es nicht nur seinen Geldgebern recht machen, sondern sich auch gegen religiöse Fanatiker wehren, die vollends gegen Musik und seinen Sender eingestellt sind. Trotz allem will er Videoclips und Sendungen produzieren, die arabische Jugendliche ansprechen und sie von den korrumpierenden Musiksendern wegbekommen.

Harte Konkurrenz

Aber das könnte schwer werden. Mittlerweile gibt es etwa 800 Satellitenkanäle, davon sind mehr als 55 Musiksender. Trotz der allgemeinen Tendenz hin zu mehr Religiosität haben Kanäle wie Rotana und Melody Millionen von Zuschauern. Und obwohl Ahmed Abu Heiba in eine kostspielige Vermarktungskampagne investiert hat, ist 4Shbab in Ägypten kaum bekannt.

Der 14jährige Karim und seine Freunde schauen fast täglich Musikvideos arabischer Stars, aber von Abu Heibas Sender haben sie noch nie etwas gehört. "Wen interessieren denn Musikvideos ohne Frauen?", fragt Karim und lacht.

Sogar Fatma hat noch nie von 4Shbab gehört, obwohl sie viel eher in das Publikumsprofil des Senders passt. Fatma ist jung, religiös, verschleiert und überzeugt, dass Frauen nicht singen dürfen. Die Lehrerin surft regelmäßig im Internet, sie ist belesen und interessiert, doch 4Shbab kennt sie nicht. "Die Idee ist gut", findet Fatma, und will sich über das Programm im Internet informieren.

Neben Musikvideos strahlt der Sender auch Talkshows aus. Jeden Sonntagabend geht Abu Heiba live auf Sendung. Dann redet er zum Beispiel über junge Musliminnen im Ausland.

Rege TV-Debatten nach dem Mordfall Sherbini

Auf einer Reise nach London hatte Abu Heiba Interviews mit jungen Frauen geführt, mit ihnen über ihre Erfahrungen als verschleierte Musliminnen in Europa gesprochen. Vor kurzem ging es in seiner Sendung ausschließlich um den Mord an der jungen Ägypterin Marwa al-Sherbini im Dresdner Landgericht Anfang Juli.

Er sprach mit einem Deutschen über Islam in Europa und bekam unzählige Live-Anrufe von Frauen. Sie alle beklagten sich über Diskriminierung in Europa. "Wir dürfen den Schleier in Europa nicht tragen", behaupteten viele.

Da halfen auch nicht die Beteuerungen des deutschen Gesprächspartners, dass in Deutschland jeder seine Religion frei ausüben darf. Immer wieder wurde Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy zitiert, der sich gegen den Niqab, den Gesichtsschleier ausgesprochen hatte.

"Mehr als 70 Prozent unserer Zuschauer sind Frauen", sagt Ahmed Abu Haiba. Sie begrüßten es, dass Frauen so gut wie gar nicht auf dem Sender vorkommen. "Denn so können sie unbesorgt den Fernseher laufen lassen, auch wenn die Kinder im Haus sind", erklärt der Produzent. Der Sender sei familienfreundlich, weil sittlich und moralisch vertretbar.

Der Liebling der Zuschauer ist wohl der englische Sänger Sami Youssef, der mittlerweile zu einem Star der Szene geworden ist.

Sehr viele islamische Sänger gibt es allerdings noch nicht, deshalb ist Ahmed Abu Heiba auch immer auf der Suche nach neuen Talenten. Denn nur mit immer neuen Gesichtern und neuen Formaten wird 4Shbab eine Chance haben, auf dem umkämpften Markt Fuß zu fassen, um irgendwann auch Profit zu machen.

Amira El Ahl

© Qantara.de 2009

Amira El Ahl berichtete zwei Jahre lang als Auslandskorrespondentin für den SPIEGEL aus Kairo. Seit 2008 ist sie als freie Korrespondentin im Nahen Osten tätig.

Qantara.de

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"4Shbab" im Internet

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