Arabischer Frühling: Reform oder Revolution?
Die Revolution des Alltags

Politisch mag der Arabische Frühling gescheitert sein, aber dennoch hat er die Gesellschaften in der Region verändert. Wie wirken sich die Arabellionen auf das Alltagsleben der Menschen aus? Mit dieser Frage hat sich der Soziologe Asef Bayat von der University of Illinois, Urbana-Champaign in den USA beschäftigt. Interview von Tugrul von Mende

Herr Bayat, in Ihrem jüngsten Buch "Revolutionary Life" schreiben Sie, dass "wir wissen sollten, was Revolutionen für die Grundlagen einer Gesellschaft bedeuten und welche Auswirkungen sie in sozialer Hinsicht, im Alltag und an der Basis haben“. Wie haben denn Menschen die Revolution etwa in Ägypten oder Tunesien erlebt? Spiegelt sich die Theorie überhaupt im Alltagsleben?

Asef Bayat: Zunächst möchte sagen, dass ein Narrativ über diese Bewegungen für einen Regimewechsel oder zur Veränderung von politischer Macht für ein hinreichendes Verständnis von Revolutionen unverzichtbar ist. Doch das allein reicht nicht. Wir sollten auch wissen, was Revolutionen für die Grundlagen der Gesellschaft bedeuten. Die von mir untersuchten Revolutionen in Ägypten und Tunesien haben das alltägliche Leben verändert. Sie manifestierten sich in klaren Meinungen und Taten und wirkten so direkt in die Gesellschaft hinein.

Beschäftigte in der Landwirtschaft und in Fabriken sowie Bewohner von Stadtteilen ergriffen die Initiative. Sie erwarben Agrarland, gründeten unabhängige Gewerkschaften und kämpften für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen. So erlebte Tunesien ein beispielloses Ausmaß an Arbeitskämpfen. Dorfbewohner stritten für den Erhalt und die Wiederbelebung lokaler Ressourcen, für Schuldenerlass und für eine bessere Infrastruktur wie Wohnungen und städtische Dienstleistungen.

Die Nachfrage nach ausreichend Wasser für die Felder führte zu harten Auseinandersetzungen. In den Städten setzten sich die Menschen in den Armenvierteln vehement für neue Unterkünfte und sozialen Wohnungsbau ein, ebenso wie für den Erhalt von informellen Siedlungen. Nachbarschaften übernahmen neue Aufgaben, indem sie sich selbst verwalteten und mithilfe ansässiger junger Menschen und Aktivisten Sanierungsprojekte durchführten. In den Haushalten veränderten sich die Geschlechterbeziehungen. Frauen meldeten sich stärker zu Wort: Viele legten den Hidschāb ab, stellten die Dominanz der religiösen Oberhäupter infrage und distanzierten sich vom politischen Islam.

"You Have Not Yet Been Defeated“ (dt. Noch seid ihr nicht bezwungen), eine Sammlung von Essays des inhaftierten ägyptischen Bloggers Alaa Abd El-Fattah, wird in Kürze auch auf Englisch veröffentlicht. Wie stark hat Alaa Abd El-Fattah Ihre eigene Einstellung und die Ihrer Interviewpartner beeinflusst?

Cover von Asef Bayats Buch "Revolutionary Life: The Everyday of the Arab Spring" (Quelle: Harvard University Press)
In seinem neuen Buch bezeichnet Asef Bayat den Arabischen Frühling als "Reformution“: Eine neue Generation von Revolutionen im 21. Jahrhundert, die zwar als Bewegungen stark sind, aber kraftlos, was politische Veränderungen angeht. Damit führen sie letztlich zu Reformen statt zu radikal Neuem. Die Bewegungen haben zwar durchaus das Potenzial, zu irgendeiner Form von pluralistischer Ordnung zu führen, aber sie bleiben außerordentlich verwundbar für die Machenschaften und Intrigen der herrschenden Eliten und ihrer Verbündeten – ob in der eigenen Regierung oder in der Region.

Bayat: Ich bin schon sehr gespannt auf sein Buch. In meinem eigenen Buch Revolutionary Life verweise ich auf das wunderbare Gedicht, das Alaa am Vorabend der Arabellion veröffentlichte. Seine Hoffnung und seine Vision sind ermutigend, insbesondere da viele Menschen in der Region angesichts der Lage verzweifeln.

Eine neue Generation von Revolutionen im 21. Jahrhundert
 

Wenn wir diese Revolutionen unter dem Gesichtspunkt der Demokratisierung betrachten, stellen wir fest, dass sie gescheitert sind. Tatsächlich gibt es in einigen Ländern heute mehr Repression als vor dem Arabischen Frühling. Aber wenn wir die Perspektive wechseln und uns die Basis dieser Gesellschaften anschauen, also das, was im sozialen und kulturellen Raum geschieht, ist es schwierig, die Revolutionen einfach für beendet zu erklären. Denn viele Vorstellungen haben sich verändert. Menschen haben neue Visionen und Erwartungen entwickelt. Das können sogar die konterrevolutionären Regime nicht einfach ignorieren. Sie müssen ihre Politik auf dieses neue Bewusstsein und die neuen Erwartungen einstellen.

In Ihrem Buch behandeln Sie vor allem Tunesien und Ägypten. Inwieweit sind die Ereignisse im Libanon, im Irak und im Sudan als Fortsetzung von 2011 zu verstehen und haben sie einen Einfluss auf die gesamte Region?

Bayat: Ich ordne alle diese Ereignisse als "Reformution“ (engl.: "refolutions“) ein: Eine neue Generation von Revolutionen im 21. Jahrhundert, die zwar als Bewegungen stark sind, aber kraftlos, was politische Veränderungen angeht. Damit führen sie letztlich zu Reformen statt zu Revolutionen.

Die Bewegungen haben zwar durchaus das Potenzial, zu irgendeiner Form von pluralistischer Ordnung zu führen, aber sie bleiben außerordentlich verwundbar für die Machenschaften und Intrigen der herrschenden Eliten und ihrer Verbündeten – ob in der eigenen Regierung oder in der Region.

Die Revolutionäre lernen immer mehr dazu
 

Allerdings lernen nicht nur die konterrevolutionären Eliten voneinander, sondern auch die Revolutionäre. Die Revolutionen im Libanon, im Irak und im Sudan oder in Algerien erfolgten später. Die Menschen konnten also aus ihren Beobachtungen Schlüsse ziehen und die Fehler der anderen vermeiden. Der Sudan ist dafür ein gutes Beispiel: Das, was die Menschen auf der Straße dort erreicht hatten, setzte Zeichen. Allerdings sind die Militärmachthaber gerade dabei, das gesamte revolutionäre Unterfangen zunichte zu machen – mit Rückendeckung aus Ägypten.

Glauben Sie, dass die USA und die Europäische Union den Prozess der Revolutionen verstanden haben? Und welche Erwartungen haben Sie an den Westen bei der Förderung der Demokratie in der Region?

Bayat: Meiner Meinung nach betrachten die westlichen Mächte diese Revolutionen vor allem durch die Brille ihrer nationalen Interessen. Sofern eine demokratische Entwicklung in ihrem Interesse liegt, werden sie sie unterstützen, andernfalls werden sie dagegen arbeiten. Der Arabische Frühling hat deutlich gemacht, wie inkonsistent einige westliche Staaten – insbesondere die USA – in der Unterstützung oder Bekämpfung von Revolutionen vorgehen. Tunesien stand lange nicht im Fokus der USA, obwohl Frankreich über die dortigen Ereignisse tief besorgt war. Mit Blick auf Ägypten blieben die USA ambivalent. Die Vereinigten Staaten haben die Aufstände in Syrien und in Libyen unterstützt, während sie die Bewegungen in Bahrain und in anderen Golfstaaten missbilligten.

Diejenigen in Nordafrika, denen Demokratie und Menschenrechte etwas bedeuten, sind angesichts der faktischen Komplizenschaft von USA und EU mit den konterrevolutionären Putschen in Ägypten, Tunesien und dem Sudan sehr enttäuscht, wenn nicht gar empört. Viele Menschen im Sudan haben den Eindruck, dass die Militärmachthaber gerade die hart erkämpften demokratischen Errungenschaften rückgängig machen, während den USA und der EU nichts weiter dazu einfällt, als Lippenbekenntnisse zur "demokratischen Öffnung“ dieser Länder abzulegen. Ernsthafte Maßnahmen haben sie jedenfalls bislang nicht ergriffen.

Das Interview führte Tugrul von Mende

© Qantara.de 2021

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

Asef Bayat, "Revolutionary Life: The Everyday of the Arab Spring“ (dt. Leben in der Revolution: Der Arabische Frühling im Alltag), Harvard University Press 2021, 304 Seiten

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