In ähnlicher Weise kann man feststellen, dass es den konterrevolutionären Kräften in den Ländern des "Arabischen Frühlings" zwar umfassend gelungen ist, die Kontrolle zurückzugewinnen. Dennoch sind die Fragen, die die Arabellion aufgeworfen hat, jetzt unwiederbringlich auf dem Tisch. Sie sind aus dem Bewusstsein entstanden, dass ein Wandel der politischen Strukturen in der arabischen Welt unabdingbar ist und dem ewigen Scheitern der Staaten ein Ende gesetzt werden muss. Noch nie zuvor wurden diese Fragen so vehement gestellt, nicht einmal in der Zeit nach der historischen Niederlage von 1967.

Der Geist ist aus der Flasche

Die Revolutionen des Arabischen Frühlings haben die arabische Welt mit Fragen konfrontiert, die sie vor existenzielle Herausforderungen stellen. Es geht zum Beispiel um das Verhältnis zwischen den Herrschenden und den Beherrschten, oder die Schaffung von Verhältnissen, in denen das Volk tatsächlich als Souverän agieren kann. Es geht aber auch um die Situation der Frauen in den arabischen Gesellschaften und die Überwindung sämtlicher Formen von Diskriminierung, denen sie ausgesetzt sind. Es stellt sich zudem die Frage nach einer vernünftigen Wirtschaftspolitik, die die arabischen Gesellschaften aus der Abhängigkeit von Einnahmequellen wie Öl und Geldtransfers von Arbeitsmigranten aus dem Ausland befreit. Nicht zuletzt wurde auch die Frage nach der Rolle der Religion im öffentlichen Raum aufgeworfen.

Der ägyptische Historiker Khaled Fahmy; Foto: privat
Der renommierte ägyptische Historiker Khaled Fahmy war Leiter des Bereichs Geschichtswissenschaften der Amerikanischen Universität Kairo (AUC). Gegenwärtig lehrt er an der Harvard-Universität.

Die herrschenden Regime haben stets behauptet, auf alle diese Fragen eine Antwort zu haben. Mit dem Ausbruch der arabischen Revolutionen 2011 wurde allerdings klar, dass dies nicht mehr als leeres Gerede und Lügen waren. Aber auch das Versprechen der konterrevolutionären Kräfte, wieder für Stabilität und Sicherheit zu sorgen, ist lediglich eine Illusion.

Allein die arabischen Revolutionäre haben ernsthafte Anstrengungen unternommen, die strukturelle Krise in ihren Gesellschaften zu überwinden. Die Regime beschränken sich hingegen in gewohnter Manier auf den Einsatz roher, exzessiver Gewalt und Vergeltungsmaßnahmen gegen ihre Feinde.

Allerdings, ist der Geist ist aus der Flasche entwichen und trotz aller verzweifelten Versuche, wird es den arabischen Regimen wohl nicht gelingen, diesen wieder unter Verschluss zu bekommen.

Khaled Fahmy

© Qantara.de 2018

Aus dem Arabischen von Thomas Heyne

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