Drittens war die im Verlauf der Revolutionen zunehmende Bedeutung der sozialen Dimension sowohl im sogenannten "Arabischen Frühling" als auch im "Völkerfrühling" zu beobachten.

Obwohl sich die arabischen und auch die europäischen Revolutionen anfangs auf die Forderung nach dem Sturz der jeweiligen Regime beschränkten und soziale Reformen keine Rolle spielten, kristallisierten sich die sozioökonomischen Probleme in beiden Fällen schnell als Fokus der revolutionären Bestrebungen heraus.

In Europa fand die soziale Dimension ihren Ausdruck vor allem in den Forderungen nach der Verringerung der Arbeitszeit, der Erlaubnis, Gewerkschaften zu bilden und der Abschaffung der Leibeigenschaft im Falle Ungarns und Österreichs.

Genauso stehen das im Verlauf der Revolutionen zunehmende Interesse an Frauenrechten, sozialer Gerechtigkeit, unabhängigen Gewerkschaften und der Kampf um akademische Freiheit stellvertretend für die Bedeutung der sozialen Frage im sogenannten "Arabischen Frühling".

Das Scheitern der Revolution und die Restauration der alten Mächte

Viertens verbindet den "Völkerfrühling" und den sogenannten "Arabischen Frühling" auch, dass sich die romantischen Vorstellungen, die ihrer Benennung zugrunde lagen, sehr bald als solche entpuppen sollten. Beiden war kein Erfolg bestimmt und der "Völkerfrühling" verwandelte sich schnell in einen langen eisigen Winter der Restauration. Bereits kurz nach dem Ausbruch der europäischen Revolutionen im Februar 1848 gelang es den repressiven Monarchien, die Kontrolle zurückzuerlangen, nachdem sie erkannt hatten, dass die Revolutionäre weder in der Lage waren, dem Staatsapparat ernsthaft gefährlich zu werden, noch den Rückhalt der Armee genossen.

Wandmalereien in der Nähe des Tahrirplatzes in Kairo: Aktivisten der Revolution von 2011; Foto: picture-alliance/dpa
Die einstigen Ikonen des Aufstands und demokratischen Aufbruchs in den Knästen der neuen autoritären Machthaber: Viele Aktivisten der Arabellion am Nil fristen ein Schattendasein im Untergrund, verließen das Land oder sind bis heute inhaftiert. Der Schlag gegen die einstigen Revolutionäre erfolgte nicht ohne Grund: "In Ägypten wäre die Konterrevolution unter der Führung Abdel Fatah al-Sisis ohne die großzügige finanzielle Unterstützung aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten wohl kaum möglich gewesen", schreibt Khaled Fahmy.

Dank der Zusammenarbeit zwischen Kirche und Krone und der Unterstützung, die sich die reaktionären Regime gegenseitig boten, war die Konterrevolution hingegen erfolgreich. Ein Paradebeispiel für diese Unterstützung lieferte der Zar von Russland, der eine 300.000 Mann starke Armee in Ungarn einmarschieren ließ, um die dortige Revolution niederzuschlagen.

Analog dazu war die Konterrevolution im Falle des sogenannten "Arabischen Frühlings" zu großen Teilen vor allem deshalb erfolgreich, weil die Golfmonarchien die reaktionären Kräfte unterstützten, die durch die Revolutionen unter Druck geraten waren. Dass der Golfkooperationsrat im März 2011 Truppen nach Bahrain schickte, um gegen die dortige Revolution vorzugehen, macht diese Unterstützung deutlich.

Auch in Ägypten wäre die Konterrevolution unter der Führung Abdel Fatah al-Sisis ohne die großzügige finanzielle Unterstützung aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten wohl kaum möglich gewesen.

Eine unwiderrufliche historische Zäsur

Fünftens und letztens ist eine weitere Parallele zwischen dem sogenannten "Arabischen Frühling" und dem "Völkerfrühling", dass beide eine Zäsur in der jeweiligen jüngeren Geschichte Europas beziehungsweise der arabischen Welt darstellen. Es stimmt zwar, dass aus dem "Völkerfrühling" ein langer kalter Winter wurde, und die reaktionären Regime sehr schnell den Boden zurückgewannen, den sie 1848 innerhalb weniger Monate verloren hatten. Richtig ist auch, dass es ihnen gelang, an den Arbeitern, Journalisten, Anwälten oder Gewerkschaftlern, die die verschiedenen Revolutionen anführten, ein Exempel zu statuieren. Trotzdem diktierten die Ziele der Revolutionen, die die europäischen Massen auf dem Land und in den Städten während des Jahres 1848 lautstark eingefordert hatten, weitestgehend den politischen Prozess in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der "Völkerfrühling" hatte zu fundamentalen Veränderungen in der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Landschaft der europäischen Staaten geführt.

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